"Alles Leben ist eine Brücke"

27. Juni 2011, 18:05
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Emir Kusturica verfilmt den nobelpreisgekrönten Roman "Die Brücke über die Drina"

Visegrad - Auf der Brücke und ihrer Kapija, um sie und in Verbindung mit ihr verläuft und spielt sich, wie wir sehen werden, das Leben der Menschen aus der Stadt ab.

So Ivo Andrić in seinem historischen Roman Die Brücke über die Drina. Die Gegenwart ist anders. Keine diskutierenden Männer, kein türkischer Kaffee am steinernen Sofa, keine Souvenirverkäufer. Visegrad in Ostbosnien ist eine Stadt mit 14.000 Einwohnern im Verwaltungsbereich der Republika Srpska. Die Männer sitzen vor den Bars, die Frauen arbeiten in den Gemüsegärten, Patrouillen der EU-Truppe Eufor drehen ihre Runden.

Vor dem Bosnienkrieg (1992- 1995) hatte Visegrad 21.000 Einwohner, zwei Drittel Bosnier, ein Drittel Serben. Nach Vertreibungen, Ermordungen, Vergewaltigungen durch die serbische Armee: 90 Prozent Serben, zehn Prozent Muslime, hohe Abwanderung.

Doch heute, Dienstag, soll einiges besser werden. Mit dem Spatenstich für "Kamengrad" (steinerne Stadt) verspricht sich die Gemeinde neue Impulse. Regisseur Emir Kusturica wird Die Brücke über die Drina von Ivo Andrić (1892-1975) verfilmen. Vor 50 Jahren bekam der serbische Schriftsteller, der in eine katholische bosnische Familie geboren wurde und in Visegrad die Grundschule besuchte, in Triest, Krakau, Wien und Graz studierte sowie jugoslawischer Botschafter war, dafür den Literaturnobelpreis.

Der Roman verknüpft die Jahrhunderte, vom Baubeginn 1571 unter osmanischer Herrschaft bis zu den Schüssen auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger 1914 in Sarajevo, beschreibt das Leben von Städtern und Bauern, Christen und Muslimen, Serben und Bosniern, Österreichern, Juden und Reisenden auf der ehemaligen Handelsroute.

Viel Brücke, wenig Stadt, dachte Kusturica, als er Visegrad sah. Außer der Brücke, die Hochwasser und Kriege überstanden hat, ist einzig Lottikas Hotel - ein berühmter Schauplatz im Roman - als "Supermarkt Palma" noch als altes Gebäude zu erkennen. Daher wird die alte Stadt neu gebaut. Die Investitionssumme von zwölf Millionen Euro teilen sich Kusturica, die Stadt Visegrad und die Republika Srpska.

Kamengrad wird, nachdem es als Filmkulisse ausgedient hat, ein Tourismusresort, nicht das erste dieser Art. Kusturica hat unweit der bosnisch-serbischen Grenze, im Mokragebirge, bereits "Drvengrad" (Stadt aus Holz) errichtet. Eine revitalisierte Schmalspurbahn verbindet die beiden Kusturica-Dörfer.

Kusturica, der in Sarajevo geboren wurde und in Paris und Belgrad lebt, ist wegen seiner serbisch-nationalistischen Aussagen umstritten. Ob er sich selbst als Nationalist sieht? "Wenn Nationalismus damit beginnt, dass einer Hamburger hasst, so bin ich ein Nationalist, denn ich liebe Pljeskavica. Ich empfehle all meinen Kritikern, meine Filme zu sehen, um mich zu beurteilen."

"Alles im Leben ist eine Brücke", schrieb Andrić, "ein Wort, ein Lächeln, das wir dem anderen schenken. Ich wäre glücklich, könnte ich durch meine Arbeit Brückenbauer zwischen Ost und West sein." Ob Kusturica das auch so sieht, wird sein Film zeigen.

Im Gegensatz zur Umgebung hat die Brücke über die Drina die Jahrhunderte nahezu schadlos überstanden. Regisseur Emir Kusturica baut eine "steinerne Stadt" als Filmkulisse und Tourismusresort.  (Mella Waldstein, DER STANDARD - Printausgabe, 28. Juni 2011)

  • Im Gegensatz zur Umgebung hat die Brücke über die Drina die Jahrhunderte nahezu schadlos überstanden.
    foto: mella waldstein

    Im Gegensatz zur Umgebung hat die Brücke über die Drina die Jahrhunderte nahezu schadlos überstanden.

  • Regisseur Emir Kusturica baut eine "steinerne Stadt" als Filmkulisse und Tourismusresort.
    foto: epa/guillaume horcajuelo

    Regisseur Emir Kusturica baut eine "steinerne Stadt" als Filmkulisse und Tourismusresort.

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