Punk und Swing mit Bügelfalte

27. Juni 2011, 17:02
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Das junge Londoner Trio Kitty, Daisy & Lewis veröffentlicht mit "Smoking in Heaven" ein wunderbares Album im Zeichen des Vintage-Pop

Im September gastiert das Trio damit auch live in der Wiener Arena.

Wien - Wichtig ist, dass man sich nicht in betulicher Brauchtumspflege verliert. Man darf sich auch nicht von Marketingberatern irgendwelche retrogardistischen Disneykostüme verpassen oder einen glattgebügelten modernen Sound für alte Musik einreden lassen. Wer die Vergangenheit auf etwaige heutige Relevanz abklopft, muss innerlich brennen und nach außen hin ordentlich klotzen. Im Zweifel sehr gern auch mit Bügelfalte und geglätteten Haaren. Hauptsache, die Sache ist heiß.

Immerhin galt die Musik, die die drei blutjungen Londoner Geschwister Kitty, Daisy & Lewis spielen, einmal als wilder Sound der Ausschweifung. Lange bevor es Rock 'n' Roll gab, gingen Swing, Jazz, Blues oder Boogie und dann wohl auch noch eine Prise vormoderner Rockabilly als Nonplusultra in Sachen stilvolle Brüskierung der Altvorderen durch.

Und wenn man zu Hause obendrein ein lieb Mütterlein namens Ingrid Weiss sitzen hat, das einst in der Punkbewegung um 1980 am Schlagzeug ihrer Band The Raincoats die bahnbrechende Arbeit Odyshape als musikalisch-feministische Selbstermächtigung vorlegte, funktioniert die Revolte in Originaldesignerkleidung aus den Nachkriegsjahren ja noch immer: Kommt ihr mir bloß nicht mit Spießerkrawatte oder auf Stöckelschuhen nach Hause! Zu spät.

Vater Graeme Durham dürfte als berühmter Tontechniker und Studiobesitzer übrigens einen entscheidenden Anteil an dieser bis ins kleinste Detail stimmigen Vintage-Pop-Veranstaltung haben. Neben seiner beruflichen Tätigkeit unter anderem für Bob Marley, Grace Jones, The Pogues oder U2 sammelt er auch seit Jahrzehnten jenes antike Equipment, auf dem die Kinder seit ihrem Volksschulalter herumrasseln: Banjo, Akkordeon, Ukulele, Posaune, edle Hawaii- und Jazzgitarren - und natürlich jede Menge die Ökobilanz verstörende Röhrenverstärker und Nierenmikrofone, für die ein Max Raabe sogar auf Englisch singen würde.

Familienbande

Drei Jahre nach dem hochgelobten Debüt des Trios erscheint nun mit Smoking In Heaven das ambitionierte Nachfolgewerk der mittlerweile 18-, 23- und 20-Jährigen. Im Gegensatz zu den unverblümt-rumpeligen, fröhlichen Coverversionen des Erstlings, wie etwa den kräftig auffrisierten Blueshadern Goin' Up The Country oder I Got My Mojo Working nahmen Kitty, Daisy & Lewis dieses Mal ausschließlich im Stil der guten, alten Zeit gehaltene Eigenkompositionen auf. Dank der Verinnerlichung der historischen Vorgaben muss dabei keinerlei Qualitätsabfall festgestellt werden.

Während Bruder Lewis also beherzt wie ein Punkrocker Akkordzerlegungen zu Ehren Django Reinhardts betreibt und Daisy auf das vernünftig klein gehaltene Schlagzeug eindrischt, quäkt Kitty mit kräftiger, aber nicht zu schonungslos offen werdender Stimme ihre hübschen Singalongmelodien.

Thematisch geht es um wesentliche menschliche Grundfragen wie jene, warum einen denn das Baby verlassen habe, wo es doch ohnehin klar sei, dass Baby dies noch bitter bereuen werde. Andererseits sei so eine Trennung auf Zeit natürlich nichts Schlechtes, weil Baby ja ohnehin immer nur Unruhe und Unordnung ins eigene Leben gebracht habe, was sich aber entschieden ändern werde, wenn Baby Gewehr bei Fuss zurückkehre und auf Zuruf gehorche. Das kommt auch bei der feministischen älteren Bevölkerung gut an. Mutter Ingrid zupft live oft den Kontrabass. Im Herbst geht die Familie auf Konzertreise auch in unsere Breiten. Exzesse ausgeschlossen. Solche Familienbande würden Amy Winehouse guttun. (Christian Schachinger, DER STANDARD - Printausgabe, 28. Juni 2011)

  • Kitty, Daisy & Lewis live in Wien: So., 25. 9., Arena, 1030 Wien, ab 20.00h
  • Kitty, Daisy & Lewis Durham aus Kentish Town in London spielen 
Swing, Blues und Boogie mit dem Feuer des Punk.
    foto: sunday best

    Kitty, Daisy & Lewis Durham aus Kentish Town in London spielen Swing, Blues und Boogie mit dem Feuer des Punk.

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