Maturareiseparty X-Jam: VIP-Treatment a la Turka

27. Juni 2011, 16:10
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Auf der Maturareiseparty "X-Jam" feiern tausende Maturanten ihre Reife - und machen brav Platz, wenn Erwachsene wichtig tun und sich vordrängeln

Mit das Beste am Club Chervo ist die Pizzastation. Hier gibt es nicht bloß 24/7 etwas zu essen - hier ist es leiser. Weil der Floor anderswo ist: Die Pizzastation ist das Pausenfoyer von Alexander Knechtsbergers Maturareise "X-Jam". Die dauert hier, in Belek an der türkischen Riviera, sieben Tage. Drei Mal hintereinander. Tausende Maturanten feiern die "Party ihres Lebens". Oder das, was man mit 18 dafür hält.

Einige Kilometer die Küste hinauf gibt es das - als "Summersplash" - noch einmal: Fast jeder zweite Maturant fährt auf eine derartige Reise. An dieser Stelle gehört es sich, dass Erwachsene die Nase rümpfen. Bloß: Die "muss das sein?"-Frage disqualifiziert. Den Fragesteller: So denken nur Alte. Spaßbremsen. Leute, die neidig sind, dass sie nicht mitspielen dürfen. Dass sie heute - wären sie Frischlinge - schon aus Gruppendruckgründen mitfahren würden, darf natürlich keiner zugeben.

Die Benchmark ist aber die Party-Erwartungshaltung der Kids. Die geben ihr Hirn ganz bewusst beim Check-In am Flughafen ab - und geben eine Woche Vollgas. Und da sie sich nach der Matura ohnehin die Kante geben würden, ist das im abgesichert-organisierten Modus allemal besser, als in der freien Wildbahn: Auf Ibiza oder Mallorca wären sie Freiwild für „erwachsene" Teenie-Abschlepper. Auch das ist ein boomendes Eventreise-Konzept.

VIP-Vorrang

Derlei interessiert an der Pizzaschnittenausgabestelle um vier Uhr früh niemanden. Hier geht es um schnelle Trash-Energie vor der nächsten Partystufe von "Doc LX" (Knechtsbergers Arbeits- und Rufname). Pizza ist gerade aus: Drei Minuten warten.

Vor mir stehen zwei Teenager. Sie machen Platz: "Gehen Sie vor." - "So eilig hab ich es auch nicht." Der Teenie zeigt auf das Band an meinem Handgelenk: „Sie sind aber ein VIP. VIPs lässt man vor." - "Beim Pizzaholen? Auf was hinauf?" - "Einfach weil VIPs VIPs sind." Sie wirken irritiert: Ein Naturgesetz wird angezweifelt. Das geht nicht. Also: "Man ist ja nicht umsonst VIP." Ich lache: "Eigentlich schon." Staunen.

Wir kauen und plaudern über Knechtsbergers VIP-Truppe: "Der Doc" hat Sponsoren, Promis und Journalisten eingeflogen: Dass Sponsoren sehen wollen, wofür sie zahlen, finden die Maturanten "selbstverständlich". Dass Journalisten Themen wie "Wie funktioniert Jugendmarketing?", "Wie funktioniert inszenierte Kollektiv-Ekstase?" oder "Wie funktioniert die Logistik" interessieren, auch. Überrascht sind sie, dass es längst üblich ist, dass Redaktionen dafür Einladungen annehmen - und zwar in fast jedem Themenfeld. "Lassen Sie die Geschichten dann genehmigen?" - "Unsere nicht. Viele Einlader hätten das gerne, manche Medien lassen sich drauf ein. Das sind dann 'Medienpartner'." - "Steht das in den Berichten? .... Wieso finden Sie das lustig?"

"Die Promis" - eine Stufe über VIPs

Die Kids haben noch eine echte Frage: "Wieso sind eigentlich die Promis da." Zuerst bin aber ich mit Lernen dran: "Die Promis" ist eine Kategorie über "VIP". "Die Promis" haben nicht nur Bändchen, sondern auch Namen. Man hinterfragt ihren Status noch weniger als den von VIPs: Fernsehen ist affirmativ. Und wer sich selbst nie „Wo woar mei Leistung?" fragt, bekommt die Frage auch nicht gestellt: Ein Promi ist ein Promi ist ein Promi. Mit dem will man auf ein Foto - und das muss "ins Facebook".

Meine Pizzamaturanten wissen, was zählt: "Promi-Sendungen sind wie Facebook im Fernsehen: Das sieht einfach jeder." Doch Chili (ORF), Life (ATV) und Pink (Puls4) würden das, was Teenies über den extra eingeflogenen Rapper Sido sagen, nie senden. Der Welt ist dieses kollektive "uuuuaasuuupaaaa!" nämlich komplett blunzen. Aber wenn es Tanja Duhovich und Christine Reiler (beide einst Miss Austria, seither ungeachtet ihrer heutigen Agenden Teil von "die Promis") sagen, ist es weltbewegend. So wie Maya Hakvoorts Meinung über Sonne, Sand & Meer und Mathias Euler-Rolles Reflexionen über Sonnencreme: Tanzen 100 Kids in einem für zwanzig ruhende Personen gebauten Hamam im Dampf, ist das wurscht - stampft Helge Payer auch im heißen Nebel, muss die Nation es wissen.

Verschwörer

Meine neuen Freunde kommen selbst drauf. Wir sind jetzt Verschwörer: "Du meinst, ohne diese Leute käme das Fernsehen nicht her?" Ich zähle die Kamerateams auf und ordne sie Sendungen zu. Dann erkläre ich, wer Andreas Tischler ist.

Zusätzlich zu den Fotografen, die das Party- und Strandgeschehen für die tägliche X-Jam-Kronen Zeitung ("Also ein Medienpartner?") aufzeichnen, flog der Doc Wiens rührigsten Societyfotografen ein. Andreas Tischler schickte aus Belek täglich ein Schüppel Bilder: Nik Berger und Oliver Stamm beim Beachvolleyball, Mario Hofferer (Weltmeister im Cocktailmixen) beim Jonglieren mit brennenden Bacardiflaschen, Ex-Missen am Strand, Ex-Missen am Partyboot, Ex-Missen mit Sponsorvertretern. Fast immer sind Logos mit im Bild - das ließe sich nicht einmal vermeiden, wenn man es wollte. Maturanten sieht man auch - freilich nicht immer: Sie sind Deko. Meist genügt ein Halbsatz im Text. Nicht von ungefähr heißen Statisten in Hollywood "Extras".

Die Pizza ist weg. Wir trennen uns. Die Kids haben noch Energie, ich gehe über den Strand heim ins benachbarte Luxushotel, in dem VIPs und Promis wohnen: In sicherer, fußläufiger Distanz. Zum Abschied wird das Mädchen nachdenklich: "Eigentlich sind doch wir die VIPs - und ihr seid nur Zuschauer." Ihr Freund ist pragmatisch: "Wurscht! Wenn wir Glück haben, sind wir auch zu sehen - dann sind wir für alle, die uns kennen VIPs. Und wenn wir das öfter schaffen, sogar Promis. Das wäre es." - "Wegen der Warteschlange beim Pizzastand?" - "Yep: Anstellen ist für Loser."  (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 27. Juni 2011)

  • Eine Woche Vollgas ...
    foto: thomas rottenberg

    Eine Woche Vollgas ...

  • Alexander "Doc LX" Knechtsberger.
    foto: thomas rottenberg

    Alexander "Doc LX" Knechtsberger.

  • Poolparty: Gabriele Dorschner, Oliver Stamm Links am Rand: Mathias Euler-Rolle.
    foto: thomas rottenberg

    Poolparty: Gabriele Dorschner, Oliver Stamm Links am Rand: Mathias Euler-Rolle.

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