Mittagspause unter der Luftmatratze

Wojciech Czaja, 27. Juni 2011, 13:48
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    Haupteingang am Praterstern: die neue Bürozentrale der ÖBB Infrastruktur AG.

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Die neue Infrastrukturzentrale der ÖBB am Wiener Praterstern besteht zu einem Teil aus Luft

Das aufgepumpte Membrandach über dem Innenhof schafft zusätzliche Arbeitsplätze im Haus und senkt im Winter die Betriebskosten. 

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Einst stand hier der k. u. k. Nordbahnhof. In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs fiel das historistisch verschnörkelte Gebäude, errichtet zwischen 1859 und 1865, Bomben und Artillerien zum Opfer. Schließlich wurde die in Vergessenheit geratene Bahnhofsruine 1965 gesprengt.

Lange Zeit prangte hier ein großes Loch. 2004 beschloss die ÖBB, das Grundstück am nördlichen Ende des Pratersterns zu bebauen. Errichtet wurde das achtgeschoßige Bürohaus (17.000 m² Nutzfläche) von der ÖBB Immobilienmanagement GmbH, genutzt wird es von der ÖBB Infrastruktur AG. Ein Teil des Gebäudes ist bereits in Betrieb, im Herbst soll es offiziell eröffnet werden.

Ein Gesicht für den Praterstern

"Endlich hat der Praterstern ein Gesicht", sagen die beiden Architekten Alfred Willinger und Silja Tillner und verweisen auf die breite Treppe, über die man zum Haupteingang im ersten Stock gelangt. Unter dem Foyer führt ein Gehweg durch und verbindet die Nordbahnstraße mit der Lassallestraße. "Eigentlich hätten wir uns gewünscht, dass der Durchgang rund um die Uhr offen bleibt, aber das war nicht möglich." Nach Betriebsschluss wird das Rolltor geschlossen.

Das neue ÖBB-Bürohaus fasst Arbeitsplätze für bis zu 1000 Mitarbeiter. Hinzu kommen halböffentliche Einrichtungen im Erdgeschoß: eine Kantine, ein Konferenzzentrum und eine Filiale von Kieser Training, die in den kommenden Monaten noch ausgebaut werden muss. Willinger: "Im Großen und Ganzen ist es gelungen, hier einen kleinen Business-Cluster zu schaffen."

Selbstreinigend und wärmedämmend

Herzstück der neuen ÖBB-Infrastrukturzentrale ist der überdachte Innenhof. Über dem letzten Geschoß schwebt, als wäre es eine Luftmatratze, ein rund 1000 Quadratmeter großes Folienkissendach. "Glasdächer haben den Nachteil, dass sie sehr viel wiegen und eine entsprechend massive Unterkonstruktion benötigen", erklärt Willinger. Dank des Folienkissens kann die Tragkonstruktion zarter ausfallen. Hinzu kommt, dass die ETFE-Folie aufgrund der chemischen Oberflächenbeschaffenheit selbstreinigend ist und durch die Luftfüllung zugleich als Wärmedämmung dient. Kompressoren am Dach sorgen für den nötigen Druck im Kissen.

"Natürlich waren die Auftraggeber bei so einer Dachkonstruktion, die nicht ganz alltäglich ist, etwas skeptisch", erinnert sich Silja Tillner. Doch die Skepsis war rasch verflogen: "Der Vorstand und wir sind damals in den Zug gestiegen und haben eine kleine Europa-Exkursion zu bereits realisierten Gebäuden mit so einem Membrandach unternommen."

Im gedeckten Innenhof herrscht ein Hauch von Urlaubsflair: Auf hölzernen Terrassen stehen knallrote Stühle für informelle Meetings bereit. Nur die Sonnenschirme fehlen, denn trotz der 20-prozentigen Strukturbedruckung auf den Luftkissen, die der partiellen Beschattung dient, knallt die Junisonne ganz schön stark herein.

Widersprüche im Gesetz

"Rein bauphysikalisch wäre es sinnvoll gewesen, die Folie etwas dichter zu bedrucken", so Tillner. "Aber das erlaubt das Arbeitsinspektorat nicht." Im Gegensatz zu Deutschland gebe es in Österreich oft Vorschriften und Bestimmungen, die einander widersprechen. "Schön geworden", sagt ein Mitarbeiter im Vorbeigehen. "An die Architektur müssen sich die meisten aber erst gewöhnen."

Noch lassen sich Luftkissendächer kaum kalkulieren. Die Bauphysiker kämpfen. Nur so viel: "Wir haben das Baubudget dank dieser Maßnahme um zehn Prozent unterschritten", sagen Tillner und Willinger. Das Dach war billiger, die Fassade musste nicht wetterfest ausgeführt werden, die Anforderungen an die Fenster waren weniger streng. Auswirkungen hat die Konstruktion auch auf die Energiebilanz: Im Winter wird die Temperatur im Innenhof Berechnungen zufolge niemals unter null fallen. Das spart Heizkosten und schafft zusätzlichen Freiraum im Betrieb. (Wojciech Czaja, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26.6.2011)

Service

Mehr Bilder und Infos auf der Website der Architekten Tillner & Willinger.

Kommentar posten
16 Postings
Thomas Höbelt
 
00
28.6.2011, 12:07
Möchte ja nicht auf dem berühmten i-tüpfelchen reiten,

und mag innovative Lösungen, aber das mit den ständig laufenden Kompressoren, klingt in Zeiten des Energiesparens schon seltsam. Außerdem: Stürzt das Ding dann bei einem Stromausfall ein ???

kor-del
00
28.6.2011, 10:36
Wunderschön!

Mehr gibts nicht zu sagen.

broncoo
21
28.6.2011, 06:30
also der Nordbahnhof war echt schön

Ich hoffe, daß diese Glaswürfel irgendwann durch was "Hübscheres" abgelöst werden - wobei noch selten was Besseres nachgekommen is *seufz*

ad vocem
00
27.6.2011, 22:21
"Endlich hat der Praterstern ein Gesicht"

hahaha

Und was fuer eins! Aber die haessliche Fratze passt ohnehin bestens zum voellig undimensionierten Flugdach gegenueber. Der renovierte Bahnhof war fuer sich - und auch mit der Lichtinstallation - ja ein recht harmonischer Baukoerper! Der leider vom Flugdach zur Gaenze zerstoert wurde.

Aber wie andere wissen selber:

"Glasdächer haben den Nachteil, dass sie sehr viel wiegen und eine entsprechend massive Unterkonstruktion benötigen"

politisch verfolgt
11
27.6.2011, 19:56
ok

die sache mit dem dach ist ganz witzig, ansonsten ist das einer der üblichen glaskobeln.

edi piva
10
27.6.2011, 18:40
schade,...

...daß es jeden tag woanders reinregnet, die türen schief eingebaut sind und die stufen unterschiedliche höhen haben, daß sich die leute reihenweise dersteßn.
aber gut ausschauen tuts halt, was will man mehr ?

chg4711
00
28.6.2011, 09:32
Offenbar gibt's auch 'blonde' Gebäude.

Johannes Innerhofer
01
27.6.2011, 14:59

>Einst stand hier der k. u. k. Nordbahnhof.

Ich gebe zu das ist etwas i-tüpfel Reiterei, aber war das konkrete Grundstück damals nicht eine Freifläche? Der alte Nordbahnhof war doch auf der angrenzenden Fläche im Norden.

Thomas Höbelt
 
00
28.6.2011, 12:10
Wie üblich, hift hier Wikipedia

http://de.wikipedia.org/wiki/Bahn... raterstern

Dort gibts auch Bilder des alten Bahnhofes, der imho architektonisch ungefähr so außergewöhnlich ( nämlich gar nicht ) war wie dieser Nachfolger.

Josef F.
00
27.6.2011, 15:46
Er war hier!

Das verschnörkselte Gebaude war in etwa dort. Ich habe Fotos von den Ruinen des einstmals schönen Bahnhofs.

violavioletta
 
31
27.6.2011, 11:57
na hauptsache...

dafür haben sie geld

Zinnmo
 
00
27.6.2011, 18:33
Irgendwo müssen sie ja arbeiten.

IMO ist das ein relativ bescheidenes Gebäude, an einer relativ normalen Stellen in der Stadt. Protz sieht anders aus.

Hans Solo
12
27.6.2011, 11:53
Die neue Infrastrukturzentrale der ÖBB am Wiener Praterstern besteht zu einem Teil aus Luft

..endlich wird der Hauptbestandteil des ÖBB Managements in ein Gebäude integriert - Luft !

o.u.
04
27.6.2011, 11:06
Foto vom Dach?

wenn man schon soviel vom Dach schreibt, hätte ich mir auch ein Foto erwartet, weil auf dem kleinen Gebäudephoto sieht das Dach recht normal aus :(

Redaktion derStandard.at/Immobilien
01
27.6.2011, 13:49
Wurde unten verlinkt!

MfG
die Red.

DieWahrheitistdenMenschenzumutbar
01
27.6.2011, 10:05
auf Züge übertragen!

jetzt fehlt nur noch dass die ÖBB so nett zu den Fahrgästen sind und auch Züge im Sommer am Dach durch reflektierende Folien gegen die Sonneneinstrahlung isolieren....
Wenn sie dabei auf den Nebenstrecken Fotovoltaik-Folien nehmen, können sie den Diesel auch mal bei längeren Aufenthalten abstellen.

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