"Jährliche Preiserhöhungen sind Mord!"

26. Juni 2011, 17:36
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Georg Springer, Chef der Bundestheater, erläutert im Gespräch die Ergebnisse der Evaluierung: Es wird bis 2015 eine Erhöhung der Eintrittspreise geben müssen

Standard: Die jahrelange Evaluierung der Bundestheater kostete 550.000 Euro. Hinzu kommt die vom Konzern zur Verfügung gestellte Manpower. Welchen Gegenwert hat diese?

Springer: Die Evaluierung der Bundestheater, eines sehr großen und - zugegeben - hochsubventionierten Betriebs, war schon Teil des vorletzten Koalitionsübereinkommens und wurde von der ÖVP 2008 neuerlich eingefordert. So kam es dazu, dass bei allen Konzerngesellschaften wirklich viele, viele Arbeitsstunden anfielen. Deren Kosten kann ich nicht beziffern, jedenfalls sind sie sehr hoch.

Standard: Darüber wurden keine Aufzeichnungen geführt? Das ist sonderbar - gerade bei einer Effizienzanalyse. Zudem hörte man Sonderbares: Dass die Evaluierer keinen blassen Schimmer vom Theaterbetrieb hatten. War der enorme Aufwand gerechtfertigt?

Springer: Aus meiner Sicht: Ja. Weil wir manche Diskussion nicht mehr führen müssen. Denn die Evaluierung kam zu den folgenden Ergebnissen: Die Konzernkonstruktion mit vier Gesellschaften und einer Holding ist richtig. Und: Der Betrieb wird entsprechend den Grundsätzen der Wirtschaftlichkeit, Sparsamkeit und Zweckmäßigkeit geführt.

Die Bühnengesellschaften werden - trotz aller Kritikpunkte - hervorragend geführt. Jetzt geht es nur mehr um die Frage: Was kann man im Aufbau und Ablauf noch optimieren, ohne dass es zu Qualitätseinbußen kommt?

Standard: Also ohne Reduktion des künstlerischen Angebots. Bekennt sich die Politik dazu auch bei stagnierenden oder künftig gar geringeren Budgets?

Springer: Uns hat man versichert, dass sich das qualitative und quantitative Angebot nicht verändern soll. Das bedeutet, dass die Politik frisches Geld in die Hand wird nehmen müssen.

Standard: Wieso frisches Geld? Ich dachte, Sie arbeiten an einem Maßnahmenpaket. Sie kündigten ein Optimierungspotenzial von zehn bis 14, 4 Millionen Euro bis zum Jahr 2015 an.

Springer: Das schon. Aber was wird sich bis dahin ausgabenseitig abspielen? Nehmen wir an, wir schaffen eine Optimierung um zwölf Millionen. Gleichzeitig steigen aber die Ausgaben aufgrund von Bezugserhöhungen und Inflation um, sagen wir, 20 Millionen. Dann haben wir einen zusätzlichen Bedarf von acht Millionen Euro.

Standard: Zuletzt haben Sie 20 Millionen mehr gefordert. Nun sind es nur acht. Wie aber wollen Sie die zwölf Millionen einsparen? Manche Vorschläge der Evaluierer sind derart praxisfern, dass sie in den Häusern für Heiterkeit sorgten.

Springer: Aus den nun vorliegenden, einzig ausschlaggebenden Berichten können Sie ablesen, dass ausgabenseitig nur ein geringes Potenzial an Einsparungsmaßnahmen vorhanden ist. Das empfinden wir als Kompliment. Denn wir haben in den letzten Jahren schon viele Maßnahmen gesetzt. Es ist eben nicht mehr viel Fett da. Wenn empfohlen wird, in allen Häusern ein einheitliches Bilanzierungstool einzuführen, dann ist das sicher richtig. Aber das bringt ja außer Anschaffungskosten nicht wirklich viel. Nachhaltige Optimierungen müssen also vor allem einnahmenseitig erzielt werden.

Standard: Das bedeutet?

Springer: Natürlich hat es eine gewisse Logik, die Kartenpreise jährlich an die Inflationsrate anzupassen. Ich persönlich halte das für falsch. Denn ich will nicht wie ein Berserker die Betriebe ruinieren und im Zuschauerraum einen löchrigen Emmentaler sitzen haben. Jährliche Preiserhöhungen sind Mord! Denn Kundenbindung und Zufriedenheit wird nur erzeugt, wenn das Preisniveau möglichst lange gleichbleibt. Aber bis 2015 wird es dennoch eine richtig platzierte Preiserhöhung geben müssen. Denn sonst erreichen wir das Optimierungspotenzial nicht.

Standard: Die Preise wurden im Burgtheater zuletzt im Herbst 2010 erhöht, in der Staatsoper werden sie es mit Herbst 2011. Das Credo der sozialdemokratischen Kulturministerin ist aber die Teilhabe möglichst aller. Das erinnert mich an Bert Brechts "Der gute Mensch von Sezuan", der einen kapitalistischen Cousin aus dem Hut zaubert. Und der sagt dann eben: "Preiserhöhung!"

Springer: Das müssen Sie mit jemandem anderen diskutieren. Ich bekenne mich voll zu einem möglichst freien Zugang zu Bildungseinrichtungen - und zu einem sozial gestaffelten und vernünftigen Preissystem. Daher darf es keine lineare Preiserhöhung um die Inflationsrate geben. Man muss schauen, was zumutbar ist.

Standard: Könnte man nicht die Sponsoringeinnahmen erhöhen?

Springer: Ja, aber das ist nicht so leicht. Sponsoring ist ein Zufallsgeschäft.

Standard: Helga Rabl-Stadler, der Präsidentin der Salzburger Festspiele, gelang es, die Sponsoringeinnahmen in fünf Jahren um 66 Prozent zu steigern.

Springer: So etwas geht nur bei einem Festival, aber nicht bei einem Ganzjahresbetrieb. Außerdem ist der Gegengeschäftspreis hoch.

Standard: Wie wäre es, die Namen zu verkaufen? Zum Beispiel UPC-Burgtheater.

Springer: Die "Hütten" heißen, Gott sei Dank, wie sie eben heißen. Das müsste der Gesetzgeber ändern, aber ich wäre nicht dafür. Auch deshalb, weil die Projektsponsoren abspringen würden.

Standard: Und wie wäre es, eine "Hütte" zu schließen?

Springer: Es gibt dezidiert keine Empfehlung, den Spielbetrieb einzuschränken oder eine Spielstätte zu schließen, auch nicht die Kinderoper oder das Vestibül des Burgtheaters.

Standard: Das Opernmuseum im Hanuschhof zu schließen wird aber vorgeschlagen.

Springer: Ja, das brächte eine Ersparnis. Zudem gehört der Raum dem Konzern, also der Theaterservice-Gesellschaft. Wir könnten ihn teurer vermieten. Da sind wir schon sehr in der Nähe Ihrer pfiffigen Ideen: Wir machen mit einer Supermarktkette die große Knete. Aber es gibt ja auch Ideen, die sinnvoller erscheinen.

Standard: Unter anderem?

Springer: Das Kinderopernzelt kann sicher nicht ewig auf dem Dach der Staatsoper bleiben. Eine Studiobühnenlösung unmittelbar in der Nähe der Kostümwerkstätten und der Staatsoper wäre mir weit lieber als ein Supermarkt! (Thomas Trenkler/DER STANDARD, Printausgabe, 27. 6. 2011)


GEORG SPRINGER (64) ist seit 1991 Generalsekretär des Bundestheaterverbandes bzw. seit 1999 Chef der Bundestheaterholding. Sein Vertrag läuft bis Herbst 2012. Springer ist auch Kuratoriumsmitglied der Salzburger Festspiele.

  • Bundestheaterchef Georg Springer will nicht wie ein Berserker die 
Betriebe ruinieren.
    foto: strauss/dpad

    Bundestheaterchef Georg Springer will nicht wie ein Berserker die Betriebe ruinieren.

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