Schulfiasko für Asylwerber

26. Juni 2011, 16:24
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Ausbildungsprobleme junger Asylsuchender und Flüchtlinge zeigen deutlich, wie unflexibel das Schulsystem immer (noch) ist

Die Sitzenbleiber-Streiterei, die die österreichische (Bildungs)politik seit mehreren Wochen dominiert, schmort im eigenen Saft. Denn über die modulare Oberstufe in höheren Schulen wird fast nur als „Aufsteigen mit drei Fünfern" diskutiert. Dass die vorgeschlagene neue Oberstufe ganz im Gegenteil SchülerInnen in schwachen Fächern fördern, statt sie aus ihrem Jahrgang kicken soll, kommt nur am Rande vor.

Das zeigt, wie autoritär - und unflexibel - man in Österreich nach wie vor über Schule spricht. Wie wenig der Gedanke hierzulande Verbreitung hat, dass Bildung (und damit verbundene, sinnvolle Leistungsansprüche) ein allgemeines Gut und kein Ausschließungsmittel sind.

Was das mit jungen Flüchtlingen zu tun hat? Sie leiden unter der erwähnten Unflexibilität und der Tendenz zur Ausschließung durch Schule besonders stark. Vor allem jene, die bei ihrer Ankunft in Österreich schon 14, 15 Jahre sind: Ein Alter, in dem sich weltweit viele Jugendliche allein auf der Flucht befinden.

Doppelbelastung

In Österreich kommen diese Jugendlichen bis zum 15. Lebensjahr in die Hauptschule. Dort müssen sie sich Deutsch und den vorgesehenen Lehrplan gleichzeitig aneignen. Begleitende Deutschkurse in ausreichendem Maß gibt es nicht. 

Nach dem 15. Geburtstag dann können sie ihren Hauptschulabschluss in einjährigen Kursen nachholen, mit vielfach sehr engagierten Lehrern, aber ohne entsprechende, darüber hinausgehende, Hilfen. Die Folge: vielfach fortdauernde, schwere Wissensdefizite. 

Und damit ist die Schulfalle auch schon gelegt. Denn wenn sich die jungen Asylwerber (oder bereits anerkannten Flüchtlinge) trotz ihrer Wissendefizite als intellektuell sehr begabt und ehrgeizig entpuppen, verlangt das österreichische Schulsystem ziemlich Unleistbares von ihnen. 

Ihr Weg zur Matura führt dann zum Beispiel über Höhere Technische Lehranstalten (HTL) oder durch Übergangsklassen, wie manche Gymnasien sie anbieten. Dort müssen sie unter den gleichen Bedingungen denselben Lehrstoff bewältigen wie KlassenkollegInnen, die ihre ganze Kindheit in Österreich verbracht haben: ohne entsprechende Hilfen. 

Friss oder stirb

Wenn also einem - sagen wir - blitzgescheiten jungen Nigerianer, der gerade erst drei Jahre in Österreich lebt, in - sagen wir - zwei Fächern ein Fünfer droht, hilft es gar nichts, wenn allen Beteiligten klar ist, woran das liegt: nicht, weil er zu dumm ist, sondern weil er bisher zu kurz in der Schule war. Orte und Ressourcen, um auf höherem Schulniveau ein Nachholen zu ermöglichen, gibt es keine, weder Förderklassen noch Module. 

Die Konsequenz: Friss oder stirb. Entweder schafft der junge Nigerianer trotz Defiziten die Nachprüfungen oder aber er wiederholt - und geht ihm dann immer noch nicht der Knopf auf ist er eben, wie es dann so schön heißt, „auf einem anderen Ausbildungsweg besser aufgehoben". 

Nur bitte, wo? Denn ist der Betreffende dann noch Asylwerber, so bleibt ihm jede Lehre versperrt. Berufsausbildung gilt als Arbeitsaufnahme - und die ist Asylwerbern in Österreich de facto untersagt. Aber das ist eine andere Geschichte. (Irene Brickner, derStandard.at, 26.6.2011)

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    Friss oder stirb heißt es für viele junge Asylwerber im österreichischen Schulsystem.

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