The European: Eberhard Lauth

Leben in der Stadt

25. Juni 2011, 12:11

Das Leben in der Stadt macht krank. Das Leben auf dem Land ist auch keine Alternative. Wir brauchen daher neue Städte

Der Mensch, so scheint es, ist nicht für die Zivilisation gemacht. Die Zivilisation macht unmäßig. Sie macht fett. Sie macht Rückenschmerzen. Sie macht alt. Und sie ruiniert nebenbei unseren Planeten.

Nun bin ich der Letzte, der gerne auf die Zivilisation verzichten möchte. Ich möchte nicht einmal mehr auf dem Land leben, auch wenn dem Landleben gemeinhin ein entschleunigender und heilender Einfluss auf alle Stadtgeschädigten nachgesagt wird - also auf jene, die von den Auswüchsen der Zivilisation als besonders geschädigt gelten.

Angst und Stress bevorzugt

Von dieser Form des Idylls hatte ich in meiner Kindheit und Jugend genug. Den Rest meines Lebens bevorzuge ich in Angst und Stress zu verbringen - so wie mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung.

Das Leben in einer dicht bevölkerten Umgebung (vulgo Stadt), so steht es in einer dieser Tage in der Zeitschrift "Nature" publizierten Studie vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim, erhöht nämlich das Risiko für Angstzustände und Depressionen. Mögliche Ursache dafür, folgern die Forscher, könnte der Stress in der Enge des urbanen Raums sein. Warum? Weil die Gehirnaktivitäten bei der funktionellen Magnetresonanztomografie diesen Schluss nahelegen: Je größer der Herkunftsort des Probanden während der Beobachtung, desto aktiver war seine Amygdala. Und je länger er in einer Stadt gelebt hatte, desto aktiver war auch sein cingulärer Cortex. Amygdala und cingulärer Cortex sind für Angst, Stress und depressive Phasen in unserem Leben zuständig - und wer in der Stadt lebt, beschäftigt diese Hirnregionen besonders ausgiebig.

Diese These - hier noch einmal ausführlicher in "Wired" nacherzählt - klingt sehr plausibel, darf aber nicht als Vorwand verstanden werden, sich das Landleben schönzureden. Das wurde samt der Zersiedelung ganzer Landstriche zu Suburbia ohne Gesicht, Infrastruktur und Chance auf Abkehr von der Motorisierung lange genug als Ideal hochgehalten.

Autos haben in einer menschenfreundlichen Stadt nichts verloren

Jetzt gilt es, aus Studien wie der obigen eine Empfehlung dafür abzuleiten, dass die Rahmenbedingungen für unser Leben in den Städten dringend unseren Bedürfnissen angepasst gehören. Mit menschenfreundlicher Architektur und rigiden Verkehrskonzepten, die endlich den motorisierten Individualverkehr beschränken, anstatt ihn zu fördern oder zu verstecken.

Vor allem die Übermacht des Autos ist es doch, die einen in der Stadt unter Stress setzt. Autos engen ein wie wenig anderes und drängen den Menschen im öffentlichen Raum Straße an deren Ränder. Autos haben in einer menschenfreundlichen Stadt der Zukunft schlicht nichts verloren. Und so wichtig sie für den Fortschritt unserer Gesellschaft im 20. Jahrhundert waren, so sehr entwickeln sie sich im 21. Jahrhundert zur Geißel unserer Zivilisation.

Vorbild wie ich bin, verbringe ich diesen Samstagvormittag daher auch in der Eisenbahn. Ich verlasse die Stadt und fahre aufs Land. Der Wetterbericht ist eine Katastrophe. Und wenn ich an die Nebelschwaden denke, die am Ende der Reise vielleicht im Tal hängen, verspüre ich Stress, weil ich nicht selbstbestimmt wieder wegkomme, sondern jemanden brauche, der mich zum nächsten Bahnhof bringt.

Aber dieser Stress, so weiß ich aus langer Erfahrung, hat nichts mit meinem Leben in der Stadt zu tun, sondern mit der Sehnsucht, die mich befällt, sobald ich sie verlasse. Der Stadtmensch, so scheint es, ist nicht für die Zivilisation am Land gemacht. (derStandard.at, 25.6.2011)

Autor

Eberhard Lauth, The European, der Journalist arbeitete viele Jahre als freier Autor und in den Chefredaktionen der Magazine "WIENER" und "Seitenblicke". 2009 gründete er das Meinungsmagazin ZiB21

Kommentar posten
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15
27.6.2011, 00:36
Seit Jahrzehnten liegt Wien bei den Herz-Kreislauferkrankung 30 % über dem Österreichschnitt.

Ursache: Lärm, Abgase, Stress, Bewegungsmangel u. dgl.

Trotzdem ignoriert die Politik in Wien die ständige Lärm- und Verkehrszunahme komplett. Viele Großstädte in Europa sind in dieser Hinsicht wesentlich umweltfreundlicher und beschränken beispielsweise den Verkehr.

Solange in Wien die Wohn- und Lebensqualität nicht erhöht wird (massive Reduktion der Lärm- und Abgasbelastung usw.), wird Suburbia munter weiterwuchern, und werden sich jedes Wochenende Blechlawinen aufs Land wälzen.

Wobei in Suburbia die Lebensqualität laut Umfragen durch Verkehrs- und Lärmzunahme, steigende Umweltzerstörung, ausgestorbene Nahversorgung und totale Verhüttelung auch den Bach runtergeht – wenn alle im Grün leben wollen, gibt es kein Grün mehr.

Iris Meier1
04
27.6.2011, 00:17
stadt land

wenn vor allem familien die stadt so unlebenswert finden und in den speckgürtel ziehen um dann als pendler die stadt zustinken, zudröhnen, zustauen dann kann das wohl auch keine lösung sein, da muss sich wohl die stadt ändern
lauter einfamilienhäuser mit gärtchen bis Bratislava, grauslich

Niccolo Machiavelli..
 
91
27.6.2011, 00:06
Eine Stadt ohne Auto - ein oxymoron ?

Es ist wahrlich eine sehr schöne Illusion, eine Stadt ohne Auto und ohne Lärm, aber ist nicht gerade das Auto und der damit verbundene Lärm Ursache für die Schaffung einer Stadt ?
Was wäre eine Stadt ohne Lärm, ohne Auto und ohne Menschen ? Eben genau KEINE Stadt sondern ein Kaff!

bloody-nine
 
00
27.6.2011, 09:35
nein, die städte wurden nicht erschaffen

um darin auto fahren und lärm machen zu können.

formosa
01
27.6.2011, 00:23

sie werden es kaum glauben, aber staedte gab es schon vor dem 2. weltkrieg ...

Niccolo Machiavelli..
 
00
27.6.2011, 00:24

und die waren sicher lärm- und menschenfrei ? ...

formosa
04
27.6.2011, 00:33

ist es so schwer zu verstehen, dass es ums auto geht? eine stadt ist der lebensraum vieler menschen, aber nicht notwendigerweise der lebensraum vieler autos, auch wenn das manche glauben.

Niccolo Machiavelli..
 
00
27.6.2011, 00:37

Das war nicht die Antwort auf meine Frage, ob Städte auch vor dem 2. Weltkrieg immer lärm und menschenfrei gewesen sind ...

formosa
00
27.6.2011, 00:44

menschenfrei waren sie nicht. laerm ist ein sehr subjektiver begriff den ich nicht nur ueber die lautstaerke definieren wuerde. worauf wollen sie denn hinaus? die lautstaerke ist nur ein kleiner aspekt der probleme die autos generieren.

Niccolo Machiavelli..
 
00
27.6.2011, 00:49

Sie versteifen sich zusehr auf "Autos".

Eine Stadt/ Grossstadt hat gewisse "Unannehmlichkeiten" aufgrund der Konzentration an Infrastruktur, sei es nun Menschen, Lärm der von denselbigen entsteht, Autos, Züge, Marktplätze, Baustellen, etc.

formosa
04
27.6.2011, 01:01

und weiter? was ist falsch daran diese unannehmlichkeiten reduzieren zu wollen? unannehmlickeiten durch die ausscheidungen anderer menschen wurden auch nicht einfach hingenommen. nein, man erschuf die kanalisation!

Niccolo Machiavelli..
 
00
29.6.2011, 22:39

die Ausscheidungen wurden nur kanalisiert, die Menschen in Städten verrichten nach wie vor ihre Notdurft ...

fridakeynes
10
27.6.2011, 09:19
ja, aber auch erst im 18. jahrhundert! davor erstanken

die menschen förmlich, da sind ihre vielgehassten autoabgase a lercherl dagegen! und wenn sie nicht erstanken, starben sie an zahllosen seuchen, ausgelöst durch die exkremente in den straßen! jaja, die gute alte zeit......

formosa
00
27.6.2011, 10:07

und damals gab es wohl zeitgenossen die meinten: "Eine Stadt ohne Kot - ein oxymoron ?". haben reaktionaere kanalkritiker recht behalten?

Niccolo Machiavelli..
 
00
hinkender Vergleich

Ihr analoger Vergleich ist falsch.

Wenn schon müssten sie dann sagen "Eine Stadt ohne Kot ein Oxymoron". Es gibt tatsächlich keine Stadt ohne menschlichen Ausscheidungen, wohl aber Kanäle.

oida
00
26.6.2011, 23:16
der typ wohnt einfach in der falschen stadt.

ich lade diesen mann nach wien ein - da kann er sich be- und entschleunigen, wie er will. er findet krotteneinsame winkel (vielleicht grad im riesengemeindebau im strauch hinter der mülltonne - oder auch auf an sich bekannten und überranten kuppen rund um die stadt. er kann in die donau hupfen, mit den affen reden im zoo, sich in der disco zudröhnen lassen oder zeigen, im kaffeehaus menscheln usw.)
vielleicht verzichtet er dann ja auf die hirnforscher und deren - wohl zu erforschende - kurzschlüsse!
viel zu verallgemeinert:
früher waren die vom land einfach dümmer, als die menschen in der stadt - hat sich mit der urbanisierung der letzten 30 jahre nicht bewahrheitet.

und heute arbeiten die gehirne anders? seltsam.

Toxo Logic
 
11
26.6.2011, 21:38

Wenn man Wien auf 10.000 Dörfer zu je 100-200 Einwohner aufteilt würde es die ganze Fläche von Niederösterreich beanspruchen. Aus Gründen der Gleichberechtigung mit den Landbewohnern fordere ich daher die Absiedeliung der Bevölkerung Niederösterreichs und Umwandlung in ein menschenleeres Naturschutzgebiet.

ich geb meinen senf dazu
13
26.6.2011, 15:58
@ Enge

Für mich ist es immer umgekehrt: ich fühle mich in der Stadt freier, ganz einfach weil ich die Möglichkeit habe aus einem breiten Angebot zu wählen, sowohl kulinarisch, kulturell sowie auch in anderen Bereichen. Der "Vertrag" in den man als Städter einwilligt ist eben dass sich viele Leute Infrastruktur teilen. Und in bezug auf Mobilität bin ich gerne bereit Abstriche zu machen, Wien macht es einem aber auch einfach aufs Auto zu verzichten.

Für mich persönlich ist das vollkommen in Ordnung, ich hab gerne Leute um mich und dafür auch bessere Infrastruktur und einiges zur Auswahl.

Wäre es das nicht, würde ich aufs Land übersiedeln und in meinem Haus mit meinem Schwimmbad/teich wohnen und mit meinem Auto rumfahren.

So einfach, oder?

fridakeynes
75
26.6.2011, 12:50
mei fad, immer das gleiche langweilige auto-bashing!

herr lauth, mehr fällt ihnen zum thema "leben in der stadt" wirklich nicht ein?

Fleisch
312
26.6.2011, 17:38

Es ist einfach der Haupt-Minuspunkt in der Stadt, dass die Landbewohner mit dem Auto hereinkommen.

marcel82
00
26.6.2011, 22:38
stellt sich

trotzdem die frage warum so viele aus wien wegziehen um dann mit dem auto wieder zu kommen.

badat
00
27.6.2011, 22:23

Weil es in Ermangelung leistungsfähiger Öffiverbindeungen im Wiener Umland abseits der der Hauptbahnstrecken gar nicht anders geht.

Allerdings sind die Neoniederöstterreicher hier keine unschuldigen Lamperln - wer nach Hintertupfing an der Einöd zieht und trotzdem weiterhin in Wien arbeitet, verpestet bewussst die Luft seiner Mitmenschen.

bloody-nine
 
00
27.6.2011, 09:37
daher city-maut und saftige parkabgaben

Urs
01
27.6.2011, 00:12

schon mal drüber nachgedacht warum Leute aufs Land ziehen? Die wenigsten um dann Autofahren zu können, sondern weils eine saubere Luft, mehr Auslauf für die Kinder, mehr Ruhe usw. wollen.
Die in der Stadt bleiben, dürfen dann die Nachteile der Neoländler ausbaden. Also: Egoismus pur

hflock
03
26.6.2011, 22:16

Seltsam, die meisten Autos, die ich hier in Wien herumfahren sehe, haben aber ein W-Kennzeichen ...

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