Wunderbarer Kardinal

24. Juni 2011, 19:42
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Kardinal König als zurückhaltender Kirchenmann, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort sprach und handelte

Freudenfest in Berlin, die Mauer fällt, Reisefreiheit für alle, Deutschland wiedervereint, Ende des Kalten Krieges, Jubel: Mit stoischer Miene nimmt der Kardinal die Bilder im Fernsehen zur Kenntnis. Von den Emotionen lässt er sich nicht mitreißen: "Es wird eine Zeit dauern, bis die Mauern in den Köpfen der Menschen zum Einsturz kommen."

Es hatte kochen können in Kardinal König, er hätte sich nichts anmerken lassen, erzählte dessen Büroleiterin Annemarie Fenzl. Emotionen nicht zu zeigen erleichtert nicht unbedingt die Umsetzung eines realen Stoffs zum Spielfilm. "Das Schlimmste, was man über eine Figur sagen kann", war sich Regisseur Andreas Gruber im Doku-Film "Der Kardinal" des Dilemmas bewusst.

Der Herausforderung stellte er sich - und bestand. Gruber präsentierte Kardinal König als einen zurückhaltenden Kirchenmann, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort sprach und handelte und damit zur Lichtgestalt Österreichs wurde.

Die Mischung aus Spielszenen, Archivaufnahmen und Zeitzeugeninterviews nahm im Bemühen um televisionäre Aufarbeitung von historischen Themen zweifellos eine Ausnahmestellung ein. 90 Minuten wechselten die Genres ab, ohne abgehackt zu wirken.

Dokumentarischer als Heinrich Breloer (Die Manns) entstanden in zwölf Drehtagen (!) die Spielszenen. In diesem Gefäß war es sogar möglich, den Mythos zu hinterfragen: Loyalitätsfragen wurden durchaus kritisch beleuchtet.

August Zirner war ein wunderbarer Kardinal. Zeitzeugen wie der ehemalige deutsche Kanzler Helmut Schmidt, Wegbegleiter Helmut Krätzl und Historiker Gerhard Jagschitz erwiesen sich als Glücksfälle. (Doris Priesching/DER STANDARD; Printausgabe, 25./26.6.2011)

  • August Zirner als Kardinal König.
    foto: orf

    August Zirner als Kardinal König.

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