Ausgebrannt

Zwischen Selbstausbeutung und Perfektionsdrang

Alkan Güler, 26. Juni 2011, 17:00
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    foto: apa/raimund wrana

    Erste Anzeichen eines Burnouts werden von den Betroffenen geflissentlich ignoriert.

Wer die eigenen Bedürfnisse hintanstellt, kann in einen Teufelskreis aus Überlastung und Erschöpfung geraten

Sie fühlen sich ausgelaugt und erschöpft, sind ständig unter Strom und gereizt und können auch nach Dienstschluss oder am Wochenende nicht zur Ruhe kommen. Burnout nennt sich das Phänomen, das heutzutage in aller Munde ist und nicht nur Top-Manager trifft. "Jeder kann davon betroffen sein", so der Klinische- und Gesundheitspsychologe Boris Zalokar, der auch im Bereich der Arbeits- und Organisationspsychologe tätig ist. Besonders gefährdet sind Menschen, die unter Doppel- und Mehrfachbelastungen leiden.

"Ein Burnout entsteht nicht von heute auf morgen, sondern über einen längeren Zeitraum, über Wochen oder Monate hinweg", betont der Psychologe und differenziert das Erkrankungsbild von wiederkehrenden Stresszuständen und einmaligen Überlastungen. Körperliche und psychische Erschöpfung, eine psychische Leere und das sogenannte Depersonalisationsphänomen, das durch Zynismus und abwertende Haltung gegenüber anderen Menschen und dem eigenen Umfeld gegenüber gekennzeichnet ist, sind typisch für das "Ausgebranntsein". Dazu kommt ein massiver Leistungseinbruch, während die eigenen Freunde und Familie immer mehr zu "Zeit- und Energieräubern" mutieren.

Eigene Bedürfnisse im Hintergrund

"Häufig kommt es zu einem frühen Verlust der Wahrnehmung eigener Bedürfnisse. Der Kontakt zu sich selbst geht verloren," beschreibt der Psychologe, was ein Burnout im Detail mit dem Individuum Mensch macht. All das passiert am Anfang schleichend und unbemerkt, mit der Zeit nimmt jedoch die körperliche und seelische Erschöpfung und Vernachlässigung zu. Auf die Frage nach den eigenen Sehnsüchten und Wünschen fällt den Betroffenen am Höhepunkt ihrer Erkrankung nicht mehr viel ein. 

Die Ausbeutung der eigenen Persönlichkeit nimmt ihren Lauf. Das Wort "Nein" existiert nicht mehr und die Kollegenschaft freut sich darüber, dass die Arbeit so klaglos und uneingeschränkt übernommen wird. Dass sich hinter diesem Nicht-Nein-Sagen-Können der Wunsch nach mehr Anerkennung und Wertschätzung verbirgt, ist den Betroffenen in ihrem eigenen Handeln gar nicht bewusst. Das geringe Selbstwertgefühl wird zum inneren Motor und wenn das ersehnte Lob kommt, dann fällt das Nein-Sagen beim nächsten Mal umso schwerer.

Sensibilisierungsarbeit

Hilfe von anderen lehnen ausgebrannte Menschen aber ab. "Sie wollen den Druck, den sie im familiären oder beruflichen Umfeld haben, aushalten. Ganz nach dem Motto: Ich muss funktionieren," erklärt der Psychologe den Grund, warum viele Betroffene erst dann Hilfe in Anspruch nehmen, wenn der Leidensdruck eigentlich schon zu groß ist. Aufhalten lässt sich diese Entwicklung mit Hilfe von Prävention durch Sensibilisierung, so der Experte. Er will das "Darüberreden"  enttabuisieren, auch um die Angst vor Stigmatisierung zu reduzieren. Werden beginnende Schlafstörungen und Spannungszustände richtig interpretiert, dann lässt sich ein maximaler Erschöpfungszustand mit einer professionellen Behandlung noch aufhalten.

Die therapeutischen Möglichkeiten sind gut aber teuer. Zwar gibt es in Österreich Zuschüsse von den Krankenkassen, die verbleibenden Kosten sind für viele Patienten aber trotzdem unerschwinglich. "Viele Betroffene weichen daher auf niederschwelligere Angebote aus, bräuchten aber eigentlich andere therapeutische Angebote," so Zalokar.

Wege aus der Erschöpfung

Einen Gang runter zu schalten oder einfach mal entspannen sind da zwar gut gemeinte aber wenig hilfreiche Ratschläge. Denn gerade mit dem " Abschalten" tun sich die Betroffenen schwer. Zalokar plädiert für einen behutsamen Zugang: "Das ist für viele zu konfrontativ - so wie wenn ich von Hundert auf Null abbremsen würde." In der psychologischen Beratung lernen die Patienten deshalb Zugang zu den eigenen Bedürfnissen zu finden, Prioritäten und Grenzen zu definieren, um dem Teufelskreis aus Mehrfachbelastung, Leistungserwartung und Erschöpfung erfolgreich zu entkommen. (derStandard.at, 26.06.2011)

Kommentar posten
17 Postings
Selbsthilfegruppe Depersonalisation
00
10.5.2012, 18:14
Depersonalisationsphänomen

Das Depersonalisationsphänomen wird hier nur am Rande erwähnt. Einige wissen gar nicht was mit Ihnen los ist, wenn Sie DP bekommen. Depersonalisation ist eine psychische Störung die aber auch andere Ursachen als Burnout haben kann.

Sabine Werner
00
29.6.2011, 14:02

obwohl ich diesen artikel als gutgeschrieben empfinde - im gegensatz zu anderem holistischem schwurbel - sollte man jetzt mal mit der artikelflut aufhören - ich denke sonst wird ein wichtiges thema zerpflückt und tw. nicht mehr ernst genommen.

ralikka
09
27.6.2011, 02:35

Das ist jetzt schon der 10. inhaltsgleiche Burn-Out Artikel. Variationen sind noch in der Berufsgruppe vorhanden.
Was soll das?
Hier gehts doch nicht um die Krankheit einer Randgruppe, sondern um ein gesellschaftliches Phänomen.

eknaD
04
27.6.2011, 12:12

geht mir ähnlich, ich empfinde diese (sehr ähnlichen) Artikel irgendwie nicht als authentisch, so wie ein reines Auftragswerk - damit halt das Thema abgehandelt ist,
man merkt es auch an der Resonanz, wenig Kommentare und die wenigen sind dann interessanter als der Artikel.

Count Zero Interrupt
01
27.6.2011, 01:50

Burnout ist also Selbstständigkeit?

astemp79
03
26.6.2011, 22:53
Ein Zeichen unserer Zeit -

aber nicht nur.
Denn der Teufelskreis beginnt schon viel früher, in der Kindheit, bei den Eltern. "Du sollst etwas werden, das erreichen, was ich nicht erreicht habe". Leistung, Anspruch, Erfüllung der unerfüllten Elternwünsche. Das eigene Ich zurückstecken, um zu gefallen und geliebt zu werden.
Dieser Bereich im Leben eines Erwachsenen - der Bereich der Kindheit - wird oft viel zu wenig beachtet.
Burnout ist ein Zeichen unserer Zeit, aber er hat eine Wurzel. Und die muss gefunden und bearbeitet werden, um das Problem zu erlösen.

No_lD
04
27.6.2011, 14:12
stimmt

Gleichzeitig muss etwas gegen diese neoliberalistischen sklaventreiber unternommen werden, die das feuer im burnout prozess kräftig anfachen! Es wird oft so dargestellt, als ob es keine täterschaft rings um das opfer gibt...

Barbarin
10
28.6.2011, 15:59
EU-Austritt also...

Ich bin dafür... ich habe noch nie verstanden, warum DIE Wirtschaft ständig wachsen und die Produktivität gesteigert werden muss, aber ich bin auch kein Manger oder Aktionär (beides Positionen ohne echte Verantwortung und Konsequenzen für deren Fehler)

erich1963
020
26.6.2011, 21:38
Die eigenen Bedürfnisse unter die Räder kommen zu lassen..

..ist das Eine. In der Praxis kommt es aber mindestens genauso oft vor, dass Burnout-Betroffene monate- und jahrelang vergeblich versucht und sich daran aufgerieben haben, ihre eigenen Grundbedürfnisse (Respekt, Anerkennung, fairer Gehalt, menschliche Arbeitszeiten, Nichterreichbarkeit, etc.) bei verständnislosen, sturschädligen Vorgesetzten durchzusetzen und außer einem "Darum geht es doch gar nicht, Herr Müller" nichts erreicht haben.

Abgesehen davon wird schön langsam klar, dass Burnout die Folge verschiedenster neoliberaler Denkfehler ist, denen der Einzelne mit seinen Bedürfnissen oft völlig Wurscht ist. In Asien warten ja schon 30 Chinesen auf deinen beschissenen Arbeitsplatz.

No_lD
00
27.6.2011, 14:13
so isses

Grad oben gepostet, sinngemäss gleicher inhalt.
Das problem hat mehr als nur eine (persönliche) seite...

Minister der Ökomonie
016
27.6.2011, 00:55
Die Sache ist auch, dass wir...

... hier von klein auf, oft schon im Kindergarten, auf Leistung getrimmt werden, und nur dann temporär akzeptiert werden, wenn wir eine tolle Leistung erbracht haben. Stillstand wird als Versagen interpretiert und wer nicht ständig an seinen Grenzen funktioniert, wird als faul und lebensuntüchtig geschmäht. Wer ohne Mittagspause durch arbeitet ist ebenso ein "vorbildlicher" Mitarbeiter, wie einer, der in der Woche 10+ Überstunden anhängt. Weiter hat man uneingeschränkt loyal zu sein, jeder Job ist ein "guter" Job weil "überhaupt" ein Job und wer kündigt, fröhnt einem unerhörten, asozialen Luxus. Niemand lernt, auf seine Bedürfnisse zu hören. Wer auf sie hört, gilt als zimperlich, launisch und gestört. Gesund sind oft nur noch die Kranken.

NickKnarrkarton
00
23.7.2011, 19:47

Genau so ist es. Deshalb kann ich diesen Psychotherapie-Schmarrn auch nicht mehr hören. Das ist dann höchstens die Endstufe der neoliberalistischen Ausbeutung, wo "selbstlose" Heiler gegen Bezahlung vorgaukeln, daß der Einzelne irgendetwas an seiner Situation ändern könnte, während in der Gesellschaft Rücksichtslosigkeit und Egoismus immer mehr zur Normalität wird.

Hotblack_Desiato
00
27.6.2011, 19:35
es ist noch einen tick schlimmer

zuerst wird beigebracht, das man zu funktionieren hat.

anschließend kapieren einige, das das eben nicht so ist.

das teilt die gruppe effektiv in 3 teile (es gibt auch den mittelweg).

gruppe 1 ist die klassische burnout-gruppe: hackeln bis zum umfallen.

gruppe 2 ist die, die kapiert hat, das man auch ohne etwas zu tun recht normal leben kann.

gruppe 3 hat kapiert, das man sich anstrengen muss, aber man nicht alles dem job opfern darf, ohne gleich in die falle von gruppe 2 zu tappen.

gruppe 2 ist vornehmlich in hartz 4, mindestsicherung, usw zu finden (dort aber nur eine teilmenge, es gibt auch die, die diese leistungen in anspruch nehmen müssen).

gerade die entwicklung in deutschland (hartz 4 in 2. generation) macht da angst.

Hotblack_Desiato
00
27.6.2011, 21:40
ums klarzustellen

das ist keine schuldzuweisung an irgendjemanden in diesen gruppen.

es geht nur darum, das das system momentan gleichzeitig menschen hervorbringt, die im system über das burnout verbrannt werden, und menschen, die das system von vornherein nicht mehr ernstnehmen können und nur noch den weg des geringsten widerstands gehen.

beides ist ungünstig, und würde warscheinlich mit kleinen änderungen bereits für viele eine bessere situation schaffen.

Lugh Nasad
02
27.6.2011, 09:22

@Minister der Ökonomie

Ja, ich stimme voll ends zu!

Das Grundproblem und die Grundursache von Burnout liegt auch meiner Meinung nach definitiv schon in der Erziehung unserer Kinder im Kindergarten und in der Schule.

Nur Leistung zählt. Wer nichts leistet, ist wertlos. Tja und das nimmt man dann als junger Erwachsener dann mit und leistet, leistet, leistet, leistet, leistet so lange, bis der Körper und die Psyche k.o. gehen.

Ähnlich wie als hätte ich den Leistungsgedanken bei einem Autorennen. Ich habe einen alten VW-Bus und mein Rennkollege einen Redbull-Formel I Wagen. Und egal was kommt, ich muss die Leistung bringen, also ruiniere ich lieber den Motor des VW-Busses anstelle zu verlieren (auch wenn ich sowieso verlieren würde

No_lD
00
29.6.2011, 19:43
tja

Und das ist ja nur ein kleiner ausschnitt aus einem hochkomplexen gesamtsystem, das die Grundlagen für Burnout bildet. Amotivation hat teilweise gleiche Ursachen, der wesentliche Unteschied liegt nur in den Prägungen des individuums und in der auf belastung folgenden, erlernten reaktion. Die übrigen, grossteils externen umstände anzuführen, würde den rahmen hier sprengen...

paradiselost
03
26.6.2011, 21:22
Wecker, Fernseher, Radio, Handy, PC...

abschalten - zunaechst nur fuer einen tag in der woche; dann fuer mehrere tage, wochen...

langsam wieder hoeren lernen, was einem der eigene koerper erzaehlt.

und dann nur mehr einschalten, was eins wirklich braucht.

so einfach - so schwierig - aber auch: soo effizient!

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