Durchwursteln im kleinen Prater

24. Juni 2011, 18:46
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Im Böhmischen Prater sieht es aus wie vor 100 Jahren - In nächster Zeit gibt es Veränderungen: Viele Schausteller gehen in Pension

Wien - Im Kaffeehäferl-Karussell sitzt als einziger Fahrgast eine Schaufensterpuppe, das Riesenrad ist gänzlich leer. "Besonders gut läuft das Geschäft nicht", sagt Franz Reinhardt und streicht dem Kunststoff-Pferd neben der Kassa über den Kopf, "ist auch kein Wunder, wenn die Leute unter der Woche erst gar nicht mehr aufsperren." Seit 40 Jahren ist Reinhardt, grauer Schnauzer, kariertes Hemd, Schausteller im böhmischen Prater. Er betreibt eine Kinderautobahn, diverse Klein-Karusselle und das Riesenrad - und ist einer der wenigen, die noch jeden Tag offen haben. Der Großteil der Unternehmer konzentriert sich inzwischen aufs Wochenende. Aber auch dann bleibt der Andrang überschaubar.

Denn die Zeiten, in denen der Rummelplatz im Laaer Wald - Ende des 19. Jahrhunderts von Schaustellerfamilien aus Böhmen und Mähren gegründet - eine echte Attraktion war, sind lange vorbei. Schießbuden, Schiffschaukeln, Ringelspiele aus Holz - während man im Wurstelprater krampfhaft versucht, mit neuen Kulissen an Wien um 1900 anzuschließen, ist der Böhmische Prater ein Zeitloch ohne doppelten Boden.

Die zwölf Unternehmen sind allesamt Familienbetriebe. Angestellte kann sich kaum jemand leisten. Die meisten Schausteller kommen langsam in ein Alter, in dem sie ans Aufhören denken, während die Nachkommen den Betrieb nicht übernehmen können oder wollen. Hedwig Kargl, deren Familie seit 1885 vom Böhmischen Prater lebt, sucht zum Beispiel seit über einem Jahr einen Käufer für Schießbude, Ringelspiel und Kinderautodrom. "Es gibt schon Interessenten, aber die wollen nichts zahlen", sagt sie.

Die Grundstücke gehören allesamt der Gemeinde Wien, die Unternehmer haben sie zu sehr humanen Preisen gepachtet. "In den nächsten Jahren wird es einige Wechsel geben", sagt Reinhardt, der auch Obmann des Clubs der Unternehmer ist. Der Großteil der Schausteller wohnt direkt neben dem Betrieb - in schmucken kleinen Häusern. "Bei manchen hat man das Gefühl, es geht mehr ums ruhige Wohnen als ums Geschäft", sagt Michael Riedl, "dementsprechend traurig schaut's zum Teil auch aus." Riedl ist derzeit der einzige Frischling, wie er sagt. Vor vier Jahren sperrte er eine Reihe neuer Karusselle auf. "Wenn man's gescheit macht, dann kommen die Leute auch", sagt er.

Beschwerliche Anreise

Die meisten kommen mit dem Auto. Denn die Anreise mit den Öffis ist beschwerlich: Von der nächstgelegenen Bushaltestelle der Wiener Linien geht es gut 15 Minuten durch eine Kleingartensiedlung, bis endlich die ersten Buden auftauchen. Seit vergangenem Jahr gibt es immerhin vier Tage pro Woche einen Shuttlebus, der zwischen Reumannplatz und der U3-Station Simmering stündlich Prater-Gäste befördert.

Im Wien-Wahljahr 2010 von den Grünen initiiert, kommen die Unternehmer inzwischen selbst für diesen Zubringer-Service auf. "Jetzt, wo die Wahl geschlagen ist, sind wir der Politik wieder wurscht", sagt Reinhardt. Bei größeren Investitionen setzt man zunehmend auf den Glücksspielkonzern Novomatic. Dieser hat vor ein paar Jahren ein Kasino am Eingang errichtet - der einzige Prater-Betrieb, der sich nicht über zu wenig Besucherzuspruch beschweren kann. Denn die Automaten im zweistöckigen, vollklimatisierten Neubau brummen bereits zu Mittag. Den Parkplatz davor hat Novomatic auf eigene Kosten saniert - sehr zur Freude der Schausteller. "Das hilft uns schon sehr", sagt Unternehmervertreter Reinhardt. In der roten Bezirksvorstehung ist man vom Engagement des Glücksspielkonzerns im Familienprater zwar nicht begeistert, hat dem aber auch wenig entgegenzusetzen: "Wir können schon rein rechtlich nicht mehr tun, als einzelne Kulturveranstaltungen zu unterstützen", sagt Büroleiter Franz Jerabek. (Martina Stemmer/DER STANDARD, Printausgabe, 25./26. Juni 2011)

  • Der gelernte Bauspengler Franz Reinhardt hat vor 40 Jahren in eine Schaustellerfamilie im Böhmischen Prater eingeheiratet, seither lebt er für Riesenrad und Ringelspiel. "Besonders gut läuft das Geschäft nicht", sagt er.
    foto: der standard/heribert corn

    Der gelernte Bauspengler Franz Reinhardt hat vor 40 Jahren in eine Schaustellerfamilie im Böhmischen Prater eingeheiratet, seither lebt er für Riesenrad und Ringelspiel. "Besonders gut läuft das Geschäft nicht", sagt er.

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