Junge Schauspieler erkunden die Burg
Wien - "Was für ein Gefühl!" Gwendolin, Nachwuchsschauspielerin vom Theater
am Ortweinplatz Graz, steht auf der Bühne des Burgtheaters und blickt in den
Zuschauerraum für rund 1400 Menschen. Keine Spur von Hektik, obwohl in einer
guten Stunde die Besucher hereinströmen werden. Bis auf einen Klavierstimmer ist
die Bühne verwaist. Gwendolin und zehn ihrer Jungschauspielerkollegen spähen
unterdessen hinter die Kulissen von einem der bedeutendsten deutschsprachigen
Theater.
Nach mehr als 20 Jahren in der Burg kennt Publikumsdienstleiter Karl Heindl
alle Winkel und Geschichte(n): Schon seit 1776 hatte das Teutsche
Nationaltheater, damals allerdings noch am Micha-elerplatz, die
schichtenübergreifende "Sehnsucht nach geistiger Nahrung" gestillt - ein
Service, den Kaiser Josef II. für unabdingbar hielt. Nachdem das Haus zu klein
geworden war, übersiedelte das Ensemble ins heutige Burgtheater: Nach 14jähriger
Bauzeit wurde das letzte Prunkgebäude am Ring 1888 fertiggestellt.
Nach dieser Einführung geht es in die Maschinenräume unter der Bühne, vorbei
an einem Feuerwehrmann. "Kurz vor jeder Vorstellung wird der Brandschutz
überprüft", erklärt Heindl. Im Ernstfall trennt der elf Tonnen schwere
Eisenvorhang die Bühne vom Zuschauerraum. Ob er schon einmal zum Einsatz
gekommen ist? "Nein, zum Glück noch nicht."
Im stählernen Bauch des Theaters werden die Mechanismen der Bühne erklärt.
Fazit: Alles ist möglich - auch alle Arten von Unfällen. In der aktuellen
Inszenierung von Yasmina Rezas Gott des Gemetzels etwa kippt die
ganze Bühne langsam in Richtung Zuschauerraum, was schon zu so manchem Abrutsch
führte. Anekdoten wie diese machen den aufwändigen Theaterbetrieb anschaulich:
"Die Professionalität der Burg begeistert mich", sagt Ursula, Darstellerin vom
Theaterclub intergroup aus Graz - auch wenn sie selbst am liebsten tanzt und ihr
schon kleinere Bretter die Welt bedeuten, die Möglichkeiten sind faszinierend:
"Schon wenn es eine professionelle Maske gibt, ist das ein ganz anderes Gefühl."
Am Freitagabend führte ihre Truppe das Stück Yvonne, Prinzessin von Burgund
im Kasino am Schwarzenbergplatz auf. Dort saßen 200 Zuschauer - ein guter
Anfang. (Lisa Arnold, Florian Bayer/ DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.6.2011)