Ausfransender Verkehrksnotenpunkt: Kurt Palms Lokalaugenschein in Attnang-Puchheim, wo zurzeit das Festival der Regionen läuft
Ich beginne meine Erkundungstour durch Attnang-Puchheim am Platz vor dem
Bahnhof. Wenn mich nicht alles täuscht, ist das derselbe Platz, auf dem der
legendäre KPÖ-Politiker Ernst Fischer Ende der Fünfzigerjahre eine Rede zum
Ersten Mai mit der Frage begann: "Wo sind die Massen?" Das frage ich mich auch,
aber Deniz, der den Pizza-Kebap-Lahmacun-Bosna-Dürüm-Stand hier betreut, zuckt
nur mit den Schultern. "Weiß nicht", sagt er. Deniz, was so viel wie "das Meer"
heißt, ist einer von etwa 1700 Einwohnern Attnang-Puchheims mit migrantischem
Hintergrund. Nicht wenig für eine Stadt mit 9000 Einwohnern. Als ich Deniz
frage, wo sich das Zentrum befinde, macht er eine vage Handbewegung. Ich bin mir
nicht sicher, ob er Richtung Meer oder Richtung B 1 deutet.
Eineinhalb Stunden später bin ich am Rathausplatz gelandet, zu dem die
Einheimischen überraschenderweise "Zentrum" sagen. Dieser Platz strahlt den
herben Charme einer rumänisch-moldawischen Grenzstadt aus, was ich aber durchaus
sympathisch finde. Architektonisch herrscht hier die pure Anarchie, aber
immerhin gibt es neben der obligaten Bank noch ein Wirtshaus ("Post"), eine
Bäckerei ("Brotstube Streumühle") und einen Brunnen, der sich selbst genügt und
gemütlich vor sich hin plätschert.
Während ich mich in Ermangelung einer Sitzgelegenheit an diesen Brunnen lehne
und über Attnang-Puchheim nachdenke, fällt mir der Titel eines Buchs von Christa
Wolf ein: Kein Ort. Nirgends. Darin geht es zwar nicht um
Attnang-Puchheim, sondern um Karoline von Günderrode, aber es wird schon seinen
Grund haben, warum mir ausgerechnet jetzt dieser Titel in den Sinn kommt.
Dass Attnang-Puchheim heute ein Nicht-Ort ist, der nach allen Richtungen hin
ausfranst, ist nicht die Schuld der Leute, die hier wohnen. Attnang-Puchheim ist
vielmehr das Produkt einer chaotischen Raumplanung, die allerdings den Charakter
der gesamten Region hier prägt. Ein Blick in die nähere Umgebung zeigt, dass
viele andere Orte mit denselben Problemen wie Attnang-Puchheim zu kämpfen haben,
in Nang-Pu gewisse Defizite aufgrund historischer Besonderheiten nur deutlicher
sichtbar werden.
Dass die meisten Gebäude der Stadt in verschiedenen Etappen nach dem Zweiten
Weltkrieg errichtet wurden, hängt mit den verheerenden Bombardements vom 21.
April 1945 zusammen, durch die große Teile des Ortes zerstört wurden. Mit diesen
Bombardements der US-Armee sollte nicht nur der Nachschub der Nazis aus der
"Alpenfestung", sondern auch die Belieferung der geheimen Raketentestanlage in
Zipf unterbunden werden. In beiden Fällen diente der Bahnhof Attnang-Puchheim
als wichtiger Knotenpunkt und Umladeplatz. Wenige Tage nach diesen Angriffen
wurden Häftlinge aus dem KZ Ebensee, einem Nebenlager des KZ Mauthausen, nach
Attnang-Puchheim verfrachtet, um bei den Aufräumarbeiten zu helfen.
Viele
Häftlinge dieser sogenannten "Todeskolonne" starben bei diesen Einsätzen. 2003
wurde in Erinnerung an die Häftlinge des "Todeskommandos Attnang-Puchheim" am
Bahnhof ein Mahnmal errichtet, das im Zuge der gegenwärtigen Umbauarbeiten
allerdings wieder weggeschafft wurde. Als ich mich bei der Fahrdienstleitung
nach dem Verbleib des Mahnmals erkundige, kann mir niemand sagen, wo es sich
gerade befindet und wann es wieder aufgestellt wird.
Überall Provisorien
Dass der Bahnhof von Attnang-Puchheim gerade umgebaut wird, merkt man an
allen Ecken und Enden. Ein Teil des alten Gebäudes ist bereits abgerissen, und
überall stößt man auf Provisorien. Statt eines Warteraums gibt es einen
Container, der "wegen Vandalismus" von 20 Uhr bis vier Uhr geschlossen ist. Um
vier Uhr früh gehen in Attnang-Puchheim die Vandalen offenbar schlafen. Die
Bahnhofstoilette (Eingang am Dr. Karl-Renner-Platz 1) ist von 20 Uhr bis 7 Uhr
geschlossen. Im neuen Bahnhofskomplex, der 2014 fertig sein soll, werden die
Toiletten dann rund um die Uhr geöffnet sein, dafür wird man für die Verrichtung
der Notdurft auch bezahlen müssen.
Überhaupt gilt der neue Bahnhof von Attnang-Puchheim schon jetzt als
Vorzeigeprojekt der ÖBB: Lichtdurchflutet wird er sein (was man sich gar nicht
vorstellen kann, weil es hier selbst am helllichten Tag überall finster ist),
barrierefrei und klimaneutral sowieso, und jede Menge Läden werden die Herzen
der Konsumenten höher schlagen lassen. Bahnhofsgaststätten wie die legendäre
"Anni" werden endgültig der Vergangenheit angehören, und statt faschierter
Laibchen mit Erdäpfeln und einer Halben Bier wird es künftig Big Mac's mit
Pommes frites und Coca-Cola geben. Und alle werden glücklich sein. Ob Gerhard
Bronner auf der Suche nach seinem "Baby" allerdings auch im neuen Bahnhof von
Attnang-Puchheim Station gemacht hätte, wage ich zu bezweifeln. Im
Bundesbahnblues von 1956 hat er das noch getan: "Is she in Scheibbs, in
Lunz, in Ybbs, in Schruns, in Wulkaprodersdorf, in Attnang-Puchheim?"
Aber noch ist es mit dem neuen Bahnhof nicht so weit, und wenn es nach der
neuen Finanzministerin ginge, könnte es sogar sein, dass bei seiner Eröffnung
2014 die ÖBB privatisiert sind. O-Ton Maria Fekter: "Die ÖBB kann man locker
privatisieren, da hab ich kein Problem damit. Das kann eine strategische
Partnerschaft sein, eine Kooperation, ein Börsengang. Mir wäre eine strategische
Partnerschaft am liebsten, damit das Werkl funktioniert." Dass für die heutige
Misere der ÖBB die schwarz-blau-orangen Regierungen der Jahre 2000 bis 2006
verantwortlich sind, die die ÖBB in Teilgesellschaften zerstückelt haben,
verschweigt Fekter. Überhaupt ist es ein Treppenwitz der Geschichte, dass
ausgerechnet eine Finanzministerin, die aus der Eisenbahnerstadt
Attnang-Puchheim stammt, die Zerschlagung der ÖBB vorantreibt.
Aber lassen wir das und schauen, was es außer Baustellen sonst noch gibt. An
den Wänden des spärlich beleuchteten Betontunnels, der zu den Bahnsteigen führt,
wird z. B. nicht nur für die Gartenschau in Ansfelden geworben, sondern auch für
das "Festival der Regionen", das derzeit bis 3. Juli stattfindet. "Das große
Umsteigeseminar. Regionen wechseln" steht auf einem Plakat, wobei sich das
Seminar nicht an die 7200 Pendler, die hier täglich ein-, aus- oder umsteigen,
richtet, sondern an Menschen, "die ihr Geschlecht wechseln, von einer Religion
in eine andere umsteigen, von einer Partei zur anderen umsatteln und in eine
andere Haut schlüpfen wollen".
Auch ein kopierter Zettel, der mit Tixo auf einen Baustellenzaun geklebt ist,
weist auf ein Projekt des Festivals hin. "Dringend! Statisten für Theaterstück
im öffentlichen Raum in Attnang-Puchheim gesucht. Kurze Rollen (ca. 1-2
Minuten). Gute Bezahlung sofort vor Ort. Keine Vorkenntnisse werden benötigt."
Für ihr Projekt "Passantenbeschimpfung" sucht die Performance-Gruppe God's
Entertainment noch Statisten, die "Passagiere am Bahnhof auf hohem
sprachlichem Niveau beschimpfen". Wenn Sie dieser Tage in Attnang-Puchheim
nichtsahnend auf dem Bahnsteig stehen und von jemandem beschimpft werden, machen
Sie sich nichts draus: Es handelt sich dabei um ein Kunstprojekt und ist nicht
gegen Sie persönlich gerichtet.
Aber in Attnang-Puchheim tut sich auch abseits des Festivals einiges: In der
Kellerbühne Puchheim läuft gerade die Komödie Die drei Eisbären von
Maximilian Vitus; die Gruppe "OKUD-Balkanfolk Attnang-Puchheim" spielt
Balkanfolk; im Arbeiterbriefmarkensammlerverein sammeln Arbeiter Briefmarken,
und im "Foto- und Whiskeyclub Attnang" wird im Rahmen "geselliger Zusammenkünfte
umfassendes Wissen über Fotografie und Whiskey ausgetauscht". Auch das Angebot
für Sportler ist passabel: So kann man die "Attnanger Meile" laufen oder beim
Bogenschützenverein "Attnanger Indianer" lernen, wie die Apachen mit Pfeil und
Bogen umgegangen sind.
Das Schlusswort gehört aber zwei jungen Heimwerkern,
denen ich am Leberkäsestand im Foyer eines Vöcklabrucker Baumarktes zuhörte: Der
eine mit der Rohrzange: "Oida, wos reiß ma on heit Nocht?" Der andere mit der
Überwurfmutter: "Oida, gemma Attnang-Puchheim." (Kurt Palm / DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.6.2011)
Attnang-Puchheim: Umsteigen zum Aussteigen
Oberösterreichs Festival der Regionen unter neuer künstlerischer Leitung
Attnang-Puchheim - Fläche: 12,32 Quadratkilometer. Einwohnerstand: 8908. Drei
Kirchen, ein Schloss. Hauptsitz der Getränkefirma Spitz. Bundesstraße B1 mitten
durch den Ort. Attnang-Puchheim im oberösterreichischen Hausruckviertel muss man
nicht gesehen haben. Und doch, jeder Bahnreisende kennt den Ort: Die
Stadtgemeinde ist Kreuzungspunkt der Westbahn mit der Salzkammergutbahn, ein
Bahnknotenpunkt. Auch Gottfried Hattinger ist lange nur mit Zug durchgefahren
oder dort umgestiegen. Irgendwann stieg er aber aus und war beeindruckt von der
Spröde der zweigeteilten Stadt. Das bürgerliche Puchheim abseits des Bahnhofs
und der Arbeiterort Attnang rund um den Bahnhof.
Für den neuen künstlerischen Leiter des Festivals der Regionen, stand fest:
"Das ist ein total geiler Festivalort." Es habe sich bei ihm sogar so etwas wie
Lokalpatriotismus eingestellt, sagt er. Also findet das Festival der Regionen
dieses Jahr in Attnang-Puchheim statt, im Bahnhof und dem angrenzenden
Stadtraum. Das Motto ergab sich von selbst: Umsteigen/Change over.
Überrascht hat Hattinger, dass er von der Bevölkerung mit offenen Armen
empfangen wurde, vom Modelleisenbahnclub bis zur Musikkapelle. So entstanden
Kooperationen zwischen örtlichen Vereinen und internationalen Kunstformen. 40
Projekte werden bis zum 3. Juli gezeigt.
Mit dem Zug zum Festival Reisende erwartet in der Bahnhofsunterführung
Bernadette Hubers Stille Post: "Umsteigen, Einsteigen, aufzeigen ...", steht am
Anfang in großen Buchstaben am Boden. Am Ende des 200 Meter langen Ganges wird
daraus ein "Brav bleiben" - was die Irin Amanda Dunsmore vor dem Bahnhof auf den
Kopf stellt. Sie begibt sich mit Attnang-Puchheimern auf Löchersuche, damit sie
ihre Köpfe hineinstecken: "Ein bisschen Abenteuer und Risiko aber auch die
Möglichkeit, die Umgebung neu zu erfahren", sagt sie.
Bernhard Cella, in Salzburg geboren, in Wien lebend somit ein Kind der
Westbahnstrecke, ist beim Pendeln die Werbung für einen Juwelier an einem Haus
vor dem Bahnhof Attnang-Puchheim aufgefallen. Seit den 1960er-Jahren ziert die
Fassade eine verschleierte Frau mit einem Diamanten um den Hals. Cella nahm mit
der Kamera die Fährte zu dieser Frau auf und fand: Hundebesitzer, BMW-Fahrer,
Unfallopfer, Linkshänder, Vegetarier und Diamantenbesitzer, die er für Portraits
ablichten wird.
Trauriger Rekord
Im Rundlokschuppen wird Frank Fellners Eisenbahnsymphonie Why Attnang
aufgeführt. Der hier aufgewachsene Fellner thematisiert mit seinem Auftragswerk
den 21. April 1945, den dunkelsten Tag Attnang-Puchheims: Er machte den Ort zu
jenem mit der höchsten Todesrate Österreichs im Zweiten Weltkrieg. In nur drei
Stunden wurden 13 Prozent der Bevölkerung ausgelöscht.
Über 700 Menschen starben im Bombenhagel. Der Bahnhof und alle angrenzenden
Gebäude wurden durch US-Bomben zerstört. Im Finale von Fellners Symphonie
verliert sich die düstere Stimmung: "Macht Party, aber seid wachsam." (ker/ DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.6.2011)