Die Farbe der Unschuld

24. Juni 2011, 17:11
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Christine Velan erzählt in ihrem Romandebüt die Geschichte einer komplexen gegenseitigen Abhängigkeit

Kinder lassen sich auf mancherlei Weise gebrauchen oder missbrauchen - zum Beispiel als Blindenhund. Christine Velan erzählt in ihrem erstaunlichen Romandebüt die Geschichte eines Mädchens, das seiner langsam erblindenden Mutter als Stütze dient und zusehends mit ihr zusammenzuwachsen scheint. Die Rolle des Blindenhundes bedeutet einerseits mehr Verantwortung, als sich mit einem Kinderrucksack tragen lässt, andererseits verleiht sie der kleinen Louise eine Wichtigkeit, die sie genießt. Je mehr ihr die Grenzen ihres Ichs verschwimmen, desto stärker identifiziert sie sich mit ihrer Mutter, auf die sie bald einen Alleinvertretungsanspruch erhebt: Louise weigert sich, sie als Behinderte zu sehen, aber sie will auch nicht, dass die Blinde sich mithilfe verschiedener Techniken von ihr emanzipiert.

Die aus Marseille gebürtige Christine Velan beschreibt aber nicht nur minutiös ein komplexes gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis, sondern auch eine Entwurzelung samt problematischer Verpflanzung in fremde Erde: Mutter und Tochter flüchten vor dem gewalttätigen Vater aus Frankreich zu den Eltern der Mutter nach Deutschland. Dort, in einer als Bielefeld identifizierbaren Stadt, herrscht das penetrant perfekte Nachkriegsparadies der Siebziger, mit Bohnerwachs und Desinfektionsmitteln, mit treudeutschen Liedern, Bismarck-Büste und Hitler-Nostalgie.

Der Großvater ist Arzt und führt einen Feldzug gegen Mikroben, weshalb Louise ihren geliebten Hund nicht mitbringen darf. Die Großmutter, der Putzteufel und böse Geist der Familie, unterstützt diesen Kampf durch eine rigorose Haushaltsführung, die keine blinden Flecken gestattet. Vergeblich versucht sie, dem Enkelkind Manieren beizubringen; wenn Louise vor Wut sprachlos ist, fängt sie an zu bellen.

Die deutsche Sprache ist für das Mädchen ein spanisches Dorf, es memoriert Bandwurmwörter wie "Dienst-bo-ten-ein-gang" und "Be-hör-den-gän-ge" und schreibt in der Schule "CHLUSEL BUNT" und "BUTER BROD". Stolz auf die Überlegenheit deutscher Kultur und die ihrer Familie, will die Großmutter aus der kleinen Louise Blanc (also "Weiß"), die sie hartnäckig Lise nennt, unbedingt eine Schulte-Krude machen: "Wieso mochte sie mich nicht? Ich war weiß wie der Arztkittel des Großvaters, weiß wie das Scheuer- und Waschpulver, weiß wie die gebügelten Leinen-, Seiden- und Damasttischendecken, weiß wie (...) alles, was sie liebte."

Die Ich-Erzählung verfolgt genau, wie dieses Kind, das Orientierung geben soll, selbst den Halt verliert, sie zeigt subtil, wie sich das fremde Terrain in der Sprache spiegelt. Mag eine gewisse Unbeholfenheit und Umständlichkeit der Darstellung der kindlichen Perspektive geschuldet sein, so sind die Dialoge der Dramatikerin Christine Velan von verstörender Prägnanz. Hier werden laute blinde Flecken sichtbar: die bürgerliche Borniertheit, gegen die das heimwehkranke Kind rebelliert, die Einsamkeit der Mutter, deren Blindsein den Eltern als Defekt gilt, die dunkle Seite des gütigen Großvaters, das symbiotische Mutter-Kind-Verhältnis, in dem eine letzte Grenze überschritten wird.  (Daniela Strigl / DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.6.2011)

 

  • Christine Velan, "Der blinde Fleck".  € 21,90 / 311 Seiten. Braumüller Verlag, Wien 2011
    foto: braumüller

    Christine Velan, "Der blinde Fleck".  € 21,90 / 311 Seiten. Braumüller Verlag, Wien 2011

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