Vordenken und Nachbeten

24. Juni 2011, 17:08

Die Ewigkeit feiert wieder einmal ein Comeback: neue Bücher über die Sehnsucht der Menschen nach Religion

Wenn Politiker auf Religion zu sprechen kommen, ist meist Vorsicht geboten. So hat die deutsche Kanzlerin Angela Merkel vor einigen Monaten gesagt: "Unser Land leidet nicht an einem Zuviel an Islam, sondern an einem Zuwenig an Christentum!" Abgesehen von den berechtigten Zweifeln daran, ob sie diesen Satz selbst glaubt, ist er doch aufschlussreich. Denn Merkel ist ja keine Vordenkerin, sondern eine Nachbeterin. Sie betet nach, was sie aus dem Volk zu vernehmen meint, und deswegen ist ihre kleine Predigt ein wichtiges Indiz dafür, dass Religion - sagen wir es zur Vorsicht einmal so allgemein - immer noch (oder wieder?) wichtig ist, Säkularisierung hin oder her.

Die Bestsellerlisten zeigen das gleiche Bild, überall wird über letzte Dinge nachgedacht, mehr aber noch über die zutiefst menschlichen Bedürfnisse nach Liebe, Geborgenheit, Trost, Freiheit und Kraft, die Margot Käßmann, vormals evangelische Bischöfin, in ihrem äußerst erfolgreichen Buch Sehnsucht nach Leben einfach einmal ernst nimmt. Im Katalog der religiösen Textgattungen würde man hier von Betrachtungen sprechen, vielleicht auch von Meditationen, die Schriftform angenommen haben. Käßmann, die sich durch Fehlbarkeit (Alkohol am Steuer) um ihr Amt gebracht, dafür aber die Herzen der Menschen erobert hat, vertritt jene heute weitverbreitete Religiosität, die sich vor allem aus der Begrenztheit des Lebens begründet: "Allein entscheidend ist, ob ich begreife, dass ich nicht aus mir selbst heraus Lebenssinn schaffen kann. "

Der darauf folgende Satz klingt dann wie eine logische Schlussfolgerung, dabei ist er alles andere als das: "Wer das nämlich versteht, wird sich Gott ganz und gar anvertrauen." Dieses Anvertrauen ist zugleich ein "Loslassen", hier berührt sich der zu neuem Gottesglauben zurückgekehrte Kulturprotestantismus mit einer Grunderfahrung der Moderne.

Wesentlich streitbarer als die integrative Margot Käßmann gibt sich der Publizist Matthias Matussek, der mit seinem Buch Das katholische Abenteuer - Eine Provokation gerade die Talkshows und Blogs aufscheucht. Dass ein bekannter Journalist sich als Anhänger der Papstkirche outet, wirkt auf den ersten Blick mutig - und erweist sich nach der Lektüre des Buches als typische Besetzung einer noch halbwegs vakanten Position im Kampf um Aufmerksamkeit. Matussek zitiert an einer Stelle den Schriftsteller Martin Walser, der einmal geschrieben hat: "Ich bin an den Sonntag gebunden wie an eine Melodie. Ich habe keine andere gefunden, ich glaube nicht, aber ich knie."

In dieser prägnant offenen Formulierung wird deutlich, dass Religion vor allem in ihren lebensweltlichen Prägungen noch nachwirkt - wie eine "Melodie", also als ästhetische oder kulturelle Erfahrung, die man ins Treffen führen kann, wenn es wieder einmal um die Ladenöffnungszeiten an Sonntagen geht. Matussek ist nun einer, der diese "Melodie" überall zu vernehmen beginnt: Was auch immer ihm unterkommt, es verweist ihn auf Grundsätzliches.

Dass er dabei ein bedenkliches Maß an Opportunismus an den Tag legt, verrät schon der erste Satz: "Erschütternder kann unsere Diesseitsgläubigkeit - grenzenloses Wachstum, technologische Vernunft - nicht scheitern als mit dieser radioaktiven Wolke, die gerade auf Tokio zutreibt, während ich diese Zeilen schreibe." Die Provokation von Matusseks Buchs, das wird hier gleich deutlich, liegt in seiner intellektuellen Dürftigkeit.

Hier macht sich ein Mann zum modernen Verfechter einer alten Religion, der von dieser nicht das Grundsätzliche sehen will, sondern nur das Beiwerk. "Der Katholizismus, mit dem ich groß wurde, war in eine faszinierende Formensprache gehüllt. Heute ringt er um Form und Fassung. " Diesem Ringen setzt Matussek einen "Thrill der Wahrheit" entgegen, der sich auf einen Alltagsglauben beruft, ohne den wir in keinen Aufzug einsteigen würden. Daraus einen Aufweis der Existenz Gottes zu deduzieren ist ein ähnlich raffiniertes Manöver wie die Anmutung einer Jenseitsgläubigkeit, die er aus der Nuklearkatastrophe in Japan ableitet. Der Katholizismus, in den Matussek sich gern hüllen würde, ist eine Schwundstufe des Feuilletons in Zeiten des Internets. Was einst eine theologisch komplexe, politisch prekäre, sozial und kulturell interessante Religion war, die neben den Kathedralen auch große Gedankengebäude hervorgebracht hat, ist nun ein schwammiges Allerlei (religionswissenschaftlich: ein Hort des Synkretismus), in dem bezeichnenderweise für Jesus außer ein paar Alibiformulierungen kein Platz ist.

"Jesus ja - Kirche nein" war vor noch gar nicht langer Zeit der Ruf von jungen Frommen, und es zeugt von der grundlegenden Wende im geistigen Leben der Zeit, dass ein Mann wie Mattusek nun mit einer kaum mehr religiös zu nennenden Begeisterung für Kirchenzugehörigkeit so viel Aufhebens machen kann.

Man wird das besser verstehen, wenn man zum Vergleich das Buch von Helmut Schmidt über Religion in der Verantwortung - Gefährdungen des Friedens im Zeitalter der Globalisierung liest, in dem Gelegenheitstexte des Altkanzlers versammelt sind, in denen auch immer wieder von Glaubensfragen die Rede ist. Diese werden auf eine staatsmännisch trockene Weise in die Schranken gewiesen, die von der Aufklärung aufgerichtet wurden. Schmidt weiß, dass es eine "Gemeinsamkeit der sittlichen Prinzipien" ist, die Gläubige und Nichtgläubige miteinander teilen müssen, und er kann diese Gemeinsamkeit durch Erinnerungen an persönliche Begegnungen zum Beispiel mit Anwar al-Sadat oder Golda Meir besser nachvollziehbar machen.

Schmidt weiß aber auch, dass gelassenes Hantieren mit Konzepten (Toleranz, Dialog ...) genau jene Bedürfnisse nicht befriedigt, mit denen Käßmann und Matussek rechnen können. Dass es irgendwie "mehr" geben müsste als das Leben, glauben viele Menschen. Aber ob dieses Mehr tatsächlich in einer komplexen Dogmatik und anspruchsvollen Regeln bestehen soll (und das ist nun einmal die streitbare Substanz der Hochreligionen), darüber gehen sowohl Käßmann als auch Matussek mit ihren wohlfeilen Göttern zu locker hinweg.  (Bert Rebhandl/ DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.6.2011)

  • Margot Käßmann, "Sehnsucht nach Leben". € 18,50 / 176 Seiten, adeo Verlag, München 2011
  • Matthias Matussek, "Das katholische Abenteuer - Eine Provokation". € 20,60 / 368 Seiten, DVA-SPIEGEL-Buch, München 2011
  • Helmut Schmidt, "Religion in der Verantwortung". € 20,60 / 256 Seiten, Propyläen, Berlin 2011
Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 52
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dizzkutant
00
26.6.2011, 10:21
Religion ist ...

"When one person suffers from a delusion, it is called insanity. When many people suffer from a delusion it is called a Religion." (Robert M. Pirsig: Zen and the Art of Motorcycle Maintenance)

Lord Jim
00
25.6.2011, 23:59

der standard ist vermutlich die falsche zeitung für so eine frage, aber kann mir irgendjemand erklären was die kirche mit den evangelien gemein hat, jetzt les ich sie zum zehnten mal, und ich komm einfach nicht drauf, weit und breit keine gemeinsamen werte.aber bilder von halbnackten am kreuz verkaufen sich halt gut.

relatio subsistens
00
26.6.2011, 10:44

Kirche ist von ihrem Wesen her das Geschehen der Weitergabe des Evangeliums, also der christlichen Botschaft, die von sich selbst behauptet, die letztgültig befreiend sich auswirkende Selbstmitteilung Gottes zu sein. Das bedeutet aber, dass man dieses eigentliche Wesen der Kirche nur im Glauben erfassen kann.

Es geht nicht so sehr um "Werte", weil die Kirche bzw. das Evangelium keine moralische Anstalt ist.

Sie kennen vermutlich weder die Kirche noch das Evangelium gründlich genug.

Lord Jim
00
26.6.2011, 13:23

die kirche erscheint mir eher wie die institutionalisierung eines glaubens den sie für ihre eigenen zwecke entfremdet, ich kann da weder eine nachfolge christi noch einen aufruf zur nachfolge christi sehen, sondern im gegensatz dazu eine prunkvolle selbstdarstellung die sich bei kapital und politik anbiedert und nicht einmal genügend anstand besitzt auf die kirchensteuer zu verzichten, ein verein der die gläubigen zu ihren mitgliedern subordiniert, mit einem in teueres tuch gehüllten oberhaupt das sich den ring am finger küssen läßt, eine kirche die vor der reformation ihre messen in lateinischer sprache abgehalten hat um durch die unwissenheit des volkes über dieses sich zu stellen,

Lord Jim
00
26.6.2011, 14:24

die ein fegefeuer für die ungetauften erfindet um es später wieder abzuschaffen, und die selbst heute mehr an politischem einfluß als an der weitergabe der frohbotschaft interessiert scheint...(diese liste könnte man schier endlos weiterschreiben, allerdings sitz ich grad in der arbeit und muß mit unchristlichen kunden kämpfen).nietzsche hat geschrieben daß es erst wieder wahre philosophen geben würde, wenn philosophie bei strafe verboten wäre, ich denke das läßt sich auch auf christen umlegen, die wohl während ihrer verfolgung mit herzblut bei den worten jesu waren, denn in solcher lage debatiert man nicht über die unrechtmäßikeit von verhütungsmitteln und die krankheit von schwulen und ähnlichen schwachsinn.

relatio subsistens
11
26.6.2011, 14:00

"die kirche erscheint mir eher wie die institutionalisierung eines glaubens den sie für ihre eigenen zwecke entfremdet"

Natürlich gab und gibt es Entfremdungstendenzen zu Hauf (wobei Ästhetik immer interpretationsbedürftig bleiben wird). Man kann sie nur vom eigentlichen Sinn der Kirche her kritisieren (so wie Sie das tun).

Regis 1
01
25.6.2011, 18:20
house md

"You talk to God, you're religious. God talks to you, you're psychotic"

wo er recht hat, hat er recht

Regis 1
01
25.6.2011, 18:17
Allein entscheidend ist, ob ich begreife, dass ich nicht aus mir selbst heraus Lebenssinn schaffen kann

und wieso nicht?

deus_ex_machina
10
25.6.2011, 18:45
Weil gegen Leid, Schuld ohnd vor allem gegen den Tod kein Kraut gewachsen ist.

Regis 1
12
25.6.2011, 19:55
Weil gegen Leid, Schuld ohnd vor allem gegen den Tod

leid? schuld? gegen leid gibts schmerzstillende tabletten und/oder das vergessen bzw. die erinnerung, die viel verklärt. schuld - dann stellen sie halt nichts an, weswegen sie sich schuldig fühlen müssten. und der tod - das ist eben der preis dafür, dass wir mehrzellige lebewesen sind ...

dizzkutant
11
26.6.2011, 10:17
bravo, stimmr ihnen vollinhaltlich zu!

ich kann mit diesem geschwafel von deux_ex_machina (unausweichliches leid, alle werden schuldig, usw. ??) auch nichts anfangen.

deus_ex_machina
10
26.6.2011, 14:16
Es bleibt dennoch wahr, dass auch ihnen Leid nicht erspart bleiben wird, dass sie schuldig werden und dass sie einmal sterben werden. Das zu leugnen wäre ja gerade so, wie wenn man seine Existenz leugnen würde.

deus_ex_machina
10
25.6.2011, 20:17

Es gibt unausweichliches Leid.

Wir alle werden schuldig.

Der Tod bedeutet Vernichtung und Abbruch (von etwas, das wir zumindest teilweise als schön und wertvoll erleben).

Meister Yoda
01
25.6.2011, 18:50

Wieso solte dies hinderlich dabei sein, dem eigenen Leben selbst einen Sinn zu geben?

deus_ex_machina
11
25.6.2011, 19:13
Sie können allem irgendeinen Sinn geben. Im christlichen Glauben geht´s aber um einen letztgültigen Sinn; etwas, was das Leben trotz seiner Nichtigkeit bejahenswert macht.

Meister Yoda
02
25.6.2011, 23:20

"Leben trotz seiner Nichtigkeit bejahenswert macht." Wenn Sie ihr Leben als Nichtigkeit empfinden, machen Sie etwas grundlegend falsch.

Der letztgültige Sinn, von dem ihnen die Vertreter des Glaubens erzählt haben, existiert nicht. Das mag für einige frustrierend sein, ändert aber nichts daran, dass dem so ist.

deus_ex_machina
00
26.6.2011, 07:46
Auch Sie werden zum Staub der Nichtigkeit zurückkehren. Das spätestens dann werden Síe´s wissen...

Meister Yoda
00
26.6.2011, 13:13

Was bitte soll der "Staub der Nichtigkeit" sein?

deus_ex_machina
00
26.6.2011, 14:12
"Vom Staub bist du genommen und zum Staub wirst du zurückkehren."

Meister Yoda
00
27.6.2011, 21:27

Toller Bibelspruch! Der mag für einfach gestrickte Geister genügen, gibt aber die Realität sehr, sehr ungenügend wieder.

PS: Mit was soll eigentlich der zu Staub Zerfallene erfassen können, dass er jetzt zum Staub der Nichtigkeit gehört? Mit seinem Gehirn sicher nicht, denn das ist ja zu Staub zerfallen.

Ihr Weltbild ist logisch nicht stimmig, darüber kann auch ihre blumige Sprache nicht hinwegtäuschen.

deus_ex_machina
00
28.6.2011, 08:26
Wenn es das Gehirn nicht mehr gibt, gibt´s auch nichts mehr, was Sinn erleben bzw. erfassen kann.

Meister Yoda
00
Richtig!

Damit haben Sie zugegeben, dass der letzte Satz Ihres Postings:

"Auch Sie werden zum Staub der Nichtigkeit zurückkehren. Das spätestens dann werden Síe´s wissen..."

absolut sinnfrei ist. Oder wars ironisch gemeint?:-)

Regis 1
00
25.6.2011, 19:51
etwas, was das Leben trotz seiner Nichtigkeit bejahenswert macht

wie kommen sie darauf, dass es "nichtig" ist?

deus_ex_machina
10
25.6.2011, 20:15
Weil jede positive Erfahrung, jede Sinnerfahrung begrenzt und vergänglich ist. Wir erfahren nicht nur Sinn, sondern mindestens soviel Sinnlosigkeit.

Die Nichtigkeit hat also damit zu tun, dass jede Sinnerfahrung von der Erfahrung der Sinnlosigkeit durchdrungen ist. Und am Ende scheint die Sinnlosigkeit sogar Recht zu behalten, wenn mit dem Tod alles aus ist.

Regis 1
02
25.6.2011, 21:22
Und am Ende scheint die Sinnlosigkeit sogar Recht zu behalten, wenn mit dem Tod alles aus ist.

wenn sie es so sehen - natürlich ist mit dem tod alles aus. aber ich betrachte mein leben deswegen nicht als "nichtig". solange ich lebe, lebe ich - wenn ich tod bin, bin ich tod. für mich ist das leben, solange ich lebe(n will), für MICH sinnvoll. und das das leben als solches "sinnlos" ist - ich kann damit leben. ich brauche keinen gott oder göttin oder religion, um eine "existenzberechtigung" zu haben

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