Schlottern auf Knöchelhöhe

24. Juni 2011, 17:12
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310 Millionen Euro setzte man dieser Tage in London um. Die Gewinne der Auktionsgiganten schrumpfen trotzdem

Hinter den Kulissen der globalen Auktionsbranche brodelt es. Nicht nur weil sich der asiatische Kontinent mitsamt Hundertschaften von Auktionsunternehmen anschickt, die über Dekaden fixe Aufteilung der Marktführerschaft zu zerzausen. Es mag (berechtigte) Zweifel an den zu China lancierten Zahlen geben, ein deutlich höherer Marktanteil als noch vor fünf Jahren ist gewiss, lediglich über die tatsächliche Größe sind sich Insider und Strategen unklar. Am Beispiel des im Juli 2005 gegründeten Unternehmens Poly International: 2007 belief sich der veröffentlichte Umsatz aus Versteigerungen mit Kunst auf umgerechnet 167 Millionen Euro, 2010 soll dieser bereits 991 Millionen gelegen haben.

Schrumpfende Margen

Ein Wachstum, das in diesem Zeitraum im Rest der Welt wahrhaft seinen Vergleich sucht. Zur Akquise reisen Polys Experten längst nicht nur nach Japan oder Taiwan, sondern auch in die USA. Noch liegt der Schwerpunkt des Angebotes auf chinesischer Kunst. Aber es ist vermutlich nur eine Frage der Zeit, wann dort jene europäischen Hochkaräter angeboten werden, die sich chinesische Sammler dieser Tage aus dem Londoner oder New Yorker Auktionsangebot gefischt haben. Und diese Entwicklung verschärft den ohnedies bereits aggressiv geführten Kampf um Qualitätsware.

Schon jetzt wissen potenzielle Einbringer diese Abhängigkeit der traditionellen Marktplätze beinhart zu nutzen. Auf den ersten Blick scheinen die diese Woche im Zuge der Versteigerungen der Sparte Impressionist & Modern Art in London erzielten Umsätze ganz stattlich. Allein die renommierten Evening Sales, die stets nur der Topware vorbehalten sind, schlugen sich mit umgerechnet 158 (Christie's) bzw. etwas mehr als 108 (Sotheby's) Millionen Euro zu Buche. Wie viel die beiden Giganten diese Woche dabei wirklich verdient haben, steht auf einem anderen Blatt.

In der Theorie würde man sich sowohl vom Einbringer als auch vom Käufer eine Gebühr holen. Die Praxis ist längst eine andere, und die redensartlichen Hosen der Verantwortlichen schlottern tendenziell auf Knöchelhöhe: Bei wichtigen Kommissionierungen wird Verkäufern das Meistbot 1:1 und ohne Abzug ausbezahlt, besonders privilegierten wird das "Give back"-Modell zugestanden, das auch noch eine prozentuelle Beteiligung an der Käuferprovision vorsieht. Zu den aktuellen Fällen dürften vermutlich nicht nur die Sammlung von Ernst Beyerle (Christie's, 104 Kunstwerke für 55,94 Mio. Euro) oder Egon Schieles im Auftrag des Leopold Museums an einen anonymen Telefonbieter verklopfte Häuser mit bunter Wäsche (27,63 Mio.) gehören.

Die tatsächliche Ernte fährt man bei den deutlich weniger glamourösen und mit John Smith's und Jane Does Mittelware bestückten Tagesauktionen ein. Aktuell summierten sich diese aber immerhin auf 16,44 (158 Positionen, Sotheby's) bzw. 24 (207 Lots, Christie's) Millionen Euro.  (Olga Kronsteiner/ DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.6.2011)

 

Blondes Wetteifern der Highlights
Vorschau auf kommende Auktionen

Kaum haben die Experten internationaler Auktionshäuser den Einbringern ein hochwertiges Werk oder Ensemble abgeschwatzt und vertraglich fixiert, lässt man es die Öffentlichkeit wissen. Auf den zweiten Blick ist das, was Außenstehende an einen veritablen Pinkelwettbewerb erinnert, längst Usus, der von den umworbenen Einbringern auch gefordert wird.

Am Beispiel der kommenden Woche in London stattfindenden Versteigerungen der Sparte Post War & Contemporary steht dieses Spiel um die Aufmerksamkeit potenzieller Käufer seit Mitte März auf dem Programm: Der "wichtigsten Gruppe an Papierarbeiten Lucian Freuds, die jemals auf den Markt gekommen ist" aus der Sammlung der Galeristin Kay Saatchi (Christie's, 15. 3.), folgte ein "bahnbrechendes Porträt, ein Wendepunkt in Freuds OEuvre" (Christie's, 31. 3.).

Anfang Mai konterte Sotheby's, nicht minder prominent besetzt, mit der Kollektion des Grafen Christian Dürckheim, der "signifikantesten Sammlung zeitgenössischer Deutscher Kunst der 1960er- und 70er-Jahre, die je versteigert wurde" und um die 33 Millionen Pfund bringen soll (4. 5.). Einen Tag später folgte Crouching Nude, "ein Hauptwerk des führenden britischen Postwar-Künstlers Francis Bacon" (5. 5.), und die ambitionierten Unterstützungserklärung von Künstlern, die 46 Werke zugunsten einer neuen, von Zaha Hadid projektierten Ausstellungslocation der Serpentine Gallery stifteten (Sotheby's, 11. 5.).

Kurz vor knapp schmiss sich noch Dave "Eurythmics" Stewart mit Teilen seiner Sammlung (Sotheby's, 3. 6.) ins Geschehen und beanspruchte Andy Warhols Porträt von "Blondie Bombshell Debbie Harry" das letzte Wort für sich (Sotheby's, 6. 6.). Versteigert wird all das und noch viel mehr am 29. sowie am 30. Juni und soll zwischen 55 (Christie's) zwischen und 74 Millionen (Sotheby's) Pfund einspielen. (Olga Kronsteiner/ DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.6.2011)

  • Die Evening Sales, wie hier in London, gelten als wichtigstes 
Marketingtool 
der Branche.
    foto: sotheby's

    Die Evening Sales, wie hier in London, gelten als wichtigstes Marketingtool der Branche.

  • Blondie (by Warhol) soll wenigstens 3,5 Mio. Pfund bringen.
    foto: sotheby's

    Blondie (by Warhol) soll wenigstens 3,5 Mio. Pfund bringen.

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