"Islamophobe sind verbreiteter als Islamisten"

27. Juni 2011, 07:00
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Staat konzentriere sich zu sehr auf islamischen Fundamentalismus - und zu wenig auf islamophoben, sagt Politologe Harald Schmid

derStandard.at: Was haben islamische und islamophobe FundamentalistInnen gemeinsam? 

Harald Schmid: Beide erklären sich die Welt durch ein einfaches Modell, und dieses Modell setzen sie absolut. Sie operieren gegen Pluralismus, gegen Toleranz. Egal, ob religiöser oder säkularer Fundamentalismus - beide Strömungen unterminieren die Demokratie. Im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht aber derzeit der islamische Fundamentalismus, der mit Gewaltbereitschaft identifiziert wird. 

derStandard.at: Zu Recht?

Schmid: Die Politik ist immer an aktuellen Schwerpunkten der Aufmerksamkeit orientiert, und die liegen seit 9/11 beim islamischen Fundamentalismus. Den säkularen Fundamentalismus sollte man aber viel stärker ins Auge fassen. In Deutschland und Österreich gibt es Fälle, die demokratiebedrohend wirken können - ich denke an den deutschen SPD-Politiker Thilo Sarrazin, der zumindest fundamentalistische Rhetorik bedient. Fundamentalisten schaffen Feindbilder: „Diese Gruppe, diese Geisteshaltung ist schuld, folglich muss diese Gruppe, diese Geisteshaltung an den Rand gedrängt werden."

derStandard.at: Wer hat die größere Breitenwirkung in Deutschland? Die islamischen Fundis, oder die antimuslimische Rechte im Stil Sarrazins?

Schmid: Die Mentalität Sarrazins ist wohl verbreiteter. Das hat mit kulturellen Anschlussmöglichkeiten zu tun, mit seiner Bekanntheit, seinem Status. Er kann im gegenwärtigen islamophobischen Klima viel schneller an ein öffentliches Interesse andocken, weil er bekannt und populär ist. Mittlerweile ist er Sprachrohr für Kritik durchaus anderer Art, die nicht unbedingt mit Fundamentalismus zu tun hat. 

derStandard.at: Warum finden sowohl rechtspopulistische FundamentalistInnen als auch fundamentalistische Strömungen im Islam Zulauf?

Schmid: Beide versuchen, eine sehr emotionale Abwehrhaltung aufzugreifen. Diese Gruppierungen haben es sehr viel leichter als etablierte Parteien. Die klassischen Parteien müssen dafür sorgen, dass eine breite Bevölkerungsmehrheit angesprochen wird, dass die Gesellschaft integrierend wirkt. Desintegration zu fördern ist leicht, weil sie immer mit einfachen Argumenten hantiert, mit einfachen Freund-Feind-Schemata. Scheinbar sehr belastende Probleme werden mit scheinbar ganz einfachen Lösungen zusammengebracht, das ist der intellektuelle Trick. 

derStandard.at: Was tun, wenn Menschen einfache Antworten suchen, die es nicht gibt? 

Schmid: Es geht dabei nicht um die Menschen, sondern um ganz bestimmte. Meist sind es Menschen, die Schwierigkeiten haben, der gesellschaftlichen Entwicklung zu folgen, sie zu verstehen. Menschen, die sich wenig mit Politik beschäftigen, die eher durch ihre Ängste gesteuert sind als durch ruhige Überlegungen. Menschen mit geringerer Bildung, „Modernisierungsverlierer". 

derStandard.at: Thilo Sarrazin ist nicht gerade das, was man sich unter einem Modernisierungsverlierer vorstellt. 

Schmid: Es gibt immer zwei Ebenen: Hier die intellektuellen, oft rassistischen Wortführer, da die Menschen, die dafür anfällig sind. Die Wortführer können Politiker, aber auch Intellektuelle oder Wissenschafter sein. Sie haben die Macht, gehört zu werden und die Fähigkeit, Botschaften geschmeidig zu transportieren. Und ihre Unterstützer folgen ihnen, weil sie glauben, dass hier Themen angesprochen werden, die wichtig und scheinbar tabuisiert sind. Die Menschen denken: „Der spricht für uns, der sagt etwas, was lange nicht gesagt wurde." 

derStandard.at: Manche neigen dazu, Fundamentalismus als eine Verrücktheit Einzelner darzustellen, ihn nicht ernst zu nehmen. Ist das ein sinnvoller Umgang mit dem Phänomen?

Schmid: Nein, diese Haltung macht es sich zu einfach. Wenn wir sagen, die 9/11-Attentäter wussten nicht, was sie tun, die waren einfach krank, dann verbauen wir uns die Möglichkeit, zu fragen, wie es überhaupt dazu kam, dass diese jungen, gut gebildeten Männer Anschläge planten. Eine mögliche Antwort drauf könnte ja sein, dass das Verhältnis zwischen dem Westen und der Peripherie der westlichen Gesellschaft in den letzten 200 Jahren ein extremes Gefälle war, ein Verhältnis der Ausbeutung. 

derStandard.at: Ist das nicht auch eine einfache Erklärung? 

Schmid: Es ist nur ein Aspekt einer Erklärung, aber kein unwichtiger. Denn wir sollten uns im Westen dafür sensibilisieren, dass der islamische Terrorismus nicht nur ein äußeres Ereignis irgendwelcher Verrückten ist. Es gibt durchaus rationale Zusammenhänge, die natürlich nicht zwangsläufig zu einem Anschlag führen. Aber sie sollten uns nachdenken lassen. Wir verbauen uns die Möglichkeit, angemessener damit umzugehen, wenn wir sagen, das sind alles Verrückte. Wir sollten offen und auch selbstkritisch diskutieren.

derStandard.at: Sie sagen, man soll von FundamentalistInnen lernen. Was denn? 

Schmid: Lernen können wir bestenfalls im negativen Sinne: Was passiert, wenn Menschen der Versuchung erliegen, die alltäglich auf uns einstürzende Komplexität der Gesellschaftsentwicklung auszublenden und zu sagen: „Ich habe es satt." Dann delegieren diese Menschen die Vertretung ihrer Interessen an die Wortführer: Nicht mehr ich agiere selbst, sondern beispielsweise der FPÖ-Chef soll in meinem Sinne handeln. Das ist die große Gefahr - dass dieser Populismus die Menschen zunächst zwar scheinbar politisiert, aber bei genauerem Hinsehen eigentlich entpolitisiert. Sie ziehen sich zurück. Die Menschen sind zunehmend überfordert. Da ist die Bildungspolitik gefragt. Dort wird aber massiv gespart. 

derStandard.at: Auf den Punkt gebracht: Spart die Regierung bei der Bildung, dann stärkt sie die parteipolitische Konkurrenz von Rechts?

Schmid: Sagen wir so: Die Chancen der Menschen, Entwicklungen zu begreifen und sich aktiv einzubringen, sind gesunken. Und, das hat viel damit zu tun, dass Bildungspolitik nicht auf Platz eins der Agenda steht. 

derStandard.at: Ist die Gesellschaft komplexer, als wir es aushalten können? 

Schmid: Viele würden das unterschreiben, ja. Die Schwierigkeit besteht darin, diesen Menschen zu erklären, dass es keine Alternative gibt, wir können aus dieser Entwicklung nicht aussteigen. Natürlich kann der oder die Einzelne für sich entscheiden, sich zurückzuziehen, und das ist auch ein legitimes Verhalten. Bedenklich wird es, wenn das größere Gruppen von Menschen tun. Demokratie muss daran interessiert sein, möglichst viele Bürger und Bürgerinnen im Prozess der öffentlichen Diskussion zu halten. Bildungspolitik ist keine Garantie, aber sie ist eine Möglichkeit, wenn wir nicht in eine scharfe Konfrontation geraten wollen - eine Konfrontation einerseits zwischen den politischen und gesellschaftlichen Elite und andererseits der steigenden Zahl von Menschen, die sich „ausklinken". Wenn es dazu in größerem Umfang kommt, wird es sehr schwierig. 

derStandard.at: Alte Wertemuster wie Religion, traditionelle Familie erodieren, manche kommen damit nicht zurecht. Wie kann Bildung da helfen?

Schmid: Ja, die Emanzipation von alten Orientierungsmustern impliziert immer Freiheit, aber auch Freisetzung. Wir müssen heute über vieles selbst bestimmen, was uns früher durch Tradition vorgegeben war. „Nie waren wir so allein wie in der Moderne", sagt der Politikwissenschafter Thomas Meyer sinngemäß. Und das überfordert viele Menschen. Aber das können wir den Menschen nicht nehmen, diese Einsamkeitserfahrung, dieses Überfordertsein - wir können sie nur so gut wie möglich durch Bildung darauf vorbereiten, diese Situation auszuhalten, und ihr soziales Umfeld möglichst kreativ zu gestalten. 

derStandard.at: Sie bezeichnen Islamophobe als FundamentalistInnen. Wo ist denn hier das Fundament, auf das man sich bezieht? Das Gemeinsame beschränkt sich doch auf eine Abwehr. 

Schmid: Man verabsolutiert die eigenen Interessen. Das ist wesentlich: Eine multikulturelle Gesellschaft bedeutet ja nicht nur, dass die „Eingeborenen" sich mit den Zugewanderten kulturell auseinandersetzen, sondern auch, dass sie sich überlegen müssen, wie sie den Zugewanderten Möglichkeiten der Mitbestimmung geben, Möglichkeiten, ihre Interessen durchzusetzen. 

derStandard.at: Terrorismusbekämpfung steht wieder hoch im Kurs. KritikerInnen sagen, die Demokratie wolle sich vor Angriffen schützen, gefährde sich aber selbst - Stichwort Vorratsdatenspeicherung, Videoüberwachung, Fluggastdatenspeicherung.

Schmid: Ich glaube, es wird zu viel Politik mit der Angst vor Terrorismus gemacht. Die Gefahr, dass Bürgerrechte eingeschränkt werden, ist real. Man wappnet sich vorauseilend gegen Gefährdungen, die aber in dieser Form bislang nicht eingetreten sind. Die Sorge vor Fundamentalisten, die vom Wort zur Tat übergehen, sollte man dabei nicht klein reden. Aber alle Akteure sollten diesen Bereich genau im Auge behalten, weil die Sicherung unserer Grundrechte mindestens genauso stark über unsere Zukunft entscheidet wie die Sicherung des Verfassungsstaats und der Schutz vor Attentaten. (Maria Sterkl, derStandard.at, 27.6.2011)

HARALD SCHMID

ist Politikwissenschaftler und Zeithistoriker in Hamburg, Lehrbeauftragter an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Autor und Mit-Herausgeber diverser Bücher, u.a. Mit-Herausgeber des „Jahrbuchs für Politik und Geschichte" (Franz-Steiner-Verlag, Stuttgart)

  • "Es wird zu viel Politik mit der Angst vor Terrorismus gemacht", sagt Politologe Harald Schmid.
    foto: derstandard.at/mas

    "Es wird zu viel Politik mit der Angst vor Terrorismus gemacht", sagt Politologe Harald Schmid.

  • "Rechte Parteien haben es viel leichter als etablierte"
    foto: derstandard.at/mas

    "Rechte Parteien haben es viel leichter als etablierte"

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