"Yvonne, die Burgunderprinzessin" der intergroup aus Graz regt zum Nachdenken an
Wien - Was
für ein Fest, wenn König Ignaz und Königin Margarete sich ihrem
Hofstaat präsentieren: Man singt und tanzt, und Prinz Philipp stampft
den Takt dazu. Aber ach, eine seltsame Missmutigkeit hat vom Prinz
Besitz ergriffen: Das adelige Leben langweilt ihn. Da taucht Yvonne auf,
die sich durch ihre Hässlichkeit und ihr beharrliches Schweigen von
allen anderen unterscheidet.
Nein, es
folgt keine Handlung der Marke "Traumtyp macht Schwan aus hässlichem
Mädchen". Die intergroup, ein Theater-Spielclub am Schauspielhaus Graz,
bringt mit Yvonne, die Burgunderprinzessin alles andere als ein
nettes Märchen auf die Wiener Bühne: Aus einer Laune heraus beschließt
der Prinz, die linkische, aber stolze Yvonne zu heiraten, die er zuerst
quält und bedrängt. So sehr sich Philipp zu seiner eigenen Überraschung
im Folgenden bemüht, sie wirklich liebzugewinnen, und so sehr der
Hofstaat sich bemüht, nur hinter vorgehaltener Hand zu lachen, schlägt
die Stimmung bald um. Philipp will nicht Ziel des Spottes sein, und
Yvonnes Verhalten wird vom Königspaar und den Damen als Verhöhnung ihrer
Makel interpretiert. So beschließt jeder für sich, den personifizierten
"Gewissensbiss" Yvonne loszuwerden ...
Witold
Gombrowiczs Stück, das Anja Sczilinski inszeniert, erschließt sich nicht
ganz einfach. Es ist absurdes Theater: Man muss sich mit einem stark
konstruierten Inhalt, Handlungsumschwüngen und unschlüssigen Reaktionen
der Figuren anfreunden. Dennoch ist das Stück spannend und reich an
pointierten Aussagen. Trachtenkostüme (Kostüme: Peter Schultze) und
Lieder im Dialekt bringen die Steiermark auf die Bühne, der Spielort
eines fiktiven Königshofs enthebt den Inhalt aber der Realität. Das
zwanzigköpfige Ensemble spielt hervorragend und erschafft eine Stimmung,
die sich einerseits der Satire annähert, und andererseits durch starke
sprachliche Gewalt jedes Lachen erstickt.
Die
absurde, symbolisch überhöhte Geschichte um die verschlossene Yvonne,
deren Unterwerfung unverständlich bleibt, regt in ihrer Unbequemlichkeit
zum Nachdenken an: Warum holt das Fremde und Andersartige oft das
Schlechteste aus den Menschen heraus? Warum muss es ausgegrenzt oder
vernichtet werden, um das Gefühl von Ruhe und Sicherheit zu wahren?
Mit diesen komplexen Themen kann man sich am Freitag um 19.30 im Kasino auseinandersetzen. (Sabina Zeithammer / DER STANDARD, Printausgabe, 24.6.2011)