"Es geht nicht um Euthanasie"

Kommentar der anderen23. Juni 2011, 18:40
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Streitobjekt Sterbehilfe: Zwei Anworten auf Bischof Küng

Der Sankt Pöltner Dözesanbischof nahm vergangenen Montag an dieser Stelle Terry Pratchetts umstrittene BBC-Dokumentation "Choosing to die" zum Anlass für einen Appell gegen Tötung auf Verlangen und "assistierten Selbstmord".

Ich bin fast 87 und habe vor 10 Jahren meine Frau plötzlich, drei Stunden vor unserem Abflug nach Syrien verloren. Ich kann dies bis heute nicht überwinden und bin doch dankbar, dass ihr Tod ein rascher war. - Jüngst habe ich innerhalb eines Jahres meine zwei besten Freunde verloren. Der eine war 97 Jahre alt und mein Lehrer an der Uni und ich konnte mit ihm bis wenige Wochen vor seinem Tod jeden Tag in einem Kaffeehaus über Tod und Teufel - also die Menschen - reden.

Der zweite - und um den geht es hier - war mein Studienkollege nach dem Krieg, beinamputiert, zwei Jahre älter als ich, später Professor in Deutschland. 2010 stürzte er über eine Treppe auf den Hinterkopf - Intensivstation, die Ärzte retteten ihn für ein Jahr Pflegeheim. Er konnte bald nicht mehr sprechen, nicht gehen, nichts mehr. Sein Bruder war zwei Jahre ein Pflegefall gewesen, bis er sterben konnte und er, mein Freund, wusste, was das für ihn und seine Familie bedeutet und hat mir oft gesagt: "Bitte nur das nicht, sollte so etwas kommen, dann möchte ich sterben" - doch er durfte nicht, die Schwestern (Caritas) pflegten ihn aufopfernd, der nur mehr ein Gerippe war und nichts anders wollte als sterben bis zu seinem Tod.

Und ich, ich bete jeden Tag "nur das nicht", eine Sterbeverfügung liegt da, und meine Kinder wissen um meinen Wunsch - nur ...

Es geht nicht um Euthanasie - auch darüber sprach ich viel mit meinem Lehrer und Freund, dessen Onkel im Dritten Reich dieser zum Opfer fiel - sondern um die Lösung dieses Problems: Darf ich als dzt. geistig und körperlich noch halbwegs gesunder Mensch bestimmen, dass ich bitte unter bestimmten festgelegten Umständen sterben darf - in Würde und Abschied nehmend von dieser Welt und den Meinen? Dass die Kirchen dagegen sein müssen ist verständlich - wenngleich sie predigen, dass Christus sehenden Auges bewusst in den Tod ging, um die Menschen zu erlösen, und ich nur die Meinen und mich erlösen will. (Kommentar der anderen, Helmut Flügel, em. o. Prof. für Paläontologie an der Universität Graz; DER STANDARD; Printausgabe, 24.6.2011)


Was wäre, wenn sich die Menschen nicht so sehr vor dem Tod ängstigen würden, dass sie ethische Grundsätze in ihrem Leben einfach aus sozialen Gründen walten lassen würden? Richtig, die organisierte Religion wäre überflüssig. Es ist also die Furcht vor Machtverlust, die sofort das "Leben, zu dem auch Leiden gehört" ins Spiel bringt.

"Als Christ glaube (sic!) ich sowieso: Das Leben ist etwas....über das wir nicht einfach verfügen können - weder bei uns selbst noch bei anderen". Welch ein Widerspruch in sich! Herr Küng maßt sich hingegen sehr wohl das Recht an, über mein Leben und Sterben zu verfügen, indem er das Recht auf Sterbehilfe verweigert.

Die Kirche schwafelt gern vom "freien Willen", aber für mein Sterbenwollen soll er nicht gelten? - Ich will jedenfalls nicht vom Glauben irgendjemandes abhängen, wie lange mein Leben dauert. Gut möglich, dass ich "bei Unheilbarkeit" nicht mehr in der Lage bin, mein "Leben als Gesamtheit objektiv zu sehen". Aber ein Spitalsarzt, der mich nicht kennt, schon? Wo bleibt da die Logik?

Ich halte jedenfalls heute als einigermaßen gesunder Endsechziger fest, dass mein eventuell in Zukunft geäußerter Wunsch, "bei unheilbarer Krankheit mit Würde freiwillig aus dem Leben (zu) scheiden", nicht auf Eigennutz und Bequemlichkeit meiner Verwandten beruhen wird. Und ich meine, ein Menschenrecht auf Autonomie, auch in Form eines selbstgewählten Sterbens zu haben. - Apropos "manipulative Wirkung": das Wort Selbstmord ist ebenso manipulativ wie die dezente Einstreuung des Wortes "Euthanasie", das in Deutschland und Österreich zu Recht in Verruf geraten ist (Kommentar der anderen, Ernst Bonek, em. o. Prof. für Elektrotechnik an der TU Wien; DER STANDARD; Printausgabe, 24.6.2011)

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