Die Mailand-Männermodeschauen warteten mit verspielten Kollektionen für das Frühjahr auf - Stephan Hilpold aus Mailand
Der Weg zu einer gelungenen Kollektion führt manchmal über einen Umweg. Im Fall der Miuccia Prada wird dieser von eigenartigen Farben, verschobenen Proportionen und kindischen Mustern gesäumt.
All diese Elemente sind in Pradas Männerkollektion des kommenden Frühjahrs zu finden. Nichtsdestotrotz war sie der Höhepunkt der Mailänder Männer-Modeschauen in den vergangenen Tagen.
Prada schaffte nämlich etwas, was vielen ihrer Designerkollegen in dieser Saison nicht gelungen ist: den widersprüchlichen Tendenzen, die die Männermode derzeit charakterisieren, ein zeitgenössisches Gesicht zu geben - und dabei gleichzeitig gut auszusehen. Das ist eine Frage des Gleichgewichts: aus klassischen Elementen und ihrer Neuinterpretation, aus ironischen Anspielungen und ihrer Integration in eine alltagstaugliche Silhouette.
Ein Look für Golfer
Prada wählt dafür einen Umweg, der über ausgesprochene Hässlichkeiten führt. Aus einem Hawaiihemd wird eine Hawaii_hose, Männer-Clutches leuchten in Pastellfarben, von den Blousons und den mit Plastikspikes ver_sehenen Brogues schillern bunte Nieten.
Maß genommen hat Prada bei einer Sportart, der man wohl am besten mit viel Ironie begegnet: Schließlich lebt der Golfsport maßgeblich von seinen Zuschreibungen. Das Bild des erfolgreichen Geschäftsmannes auf dem Rasen kontrastierte sie mit einem Defilee von Doppelreihern samt schlappen Schirmmützen und lustig gemusterten Halstüchern.
Verspieltheit
Nach Saisonen, in denen die Designer verbissen um die Gunst der Einkäufer kämpften, macht sich derzeit wieder eine gewisse Verspieltheit breit. Im vergangenen Jahr stieg der Export italienischer Mode immerhin um 14,5 Prozent (der Gesamtumsatz um sieben Prozent).
Auch das Haus Versace schifft wieder in ruhigerem Fahrwasser - wenngleich nicht auf dem marmorbesetzten Laufsteg. Hier fand diesmal ein humoriges Revival von Giannis lautem 80er-Jahre-Powerlook statt. Warum auch nicht?
Klassiker von seinerzeit
Während die nachgeborene Jugend wie verrückt auf Schulterpolster und Gladiatorensandalen ist und Lady Gaga den Stil der Zeit kopiert, versucht man bei Versace aus der Renaissance der schillernden Popdiven und muskulösen Pfundskerle Kapital zu schlagen, und zwar mit einer doppelten Strategie: Im November wird Donatella eine Kollektion für H&M entwerfen, wie am Tag nach der Modeschau bekanntgegeben wurde, und auch bei Versace selbst setzt man auf den Neoklassizismus von seinerzeit.
Ikonische Versace-Muster sind auf glamourösen Oberteilen mit tiefem V-Ausschnitt bis zu weiten Bademänteln zu finden. Dazwischen gibt es alles, wofür man die 1980er wahlweise geliebt oder aus tiefstem Herzen gehasst hat. Aus grimmigem Ernst ist mittlerweile aber ein lustiges Zitat geworden.
Die Mode voranzutreiben ist schon eher der Anspruch von Raf Simons, dem Chefdesigner von Jil Sander. Zu Schnürstiefeln im Pythonmuster schlägt er für Frühjahr 2012 eine Silhouette aus hochsitzenden Bundfalten-shorts und kastigen Oberteilen vor, die in verschiedenen Garnen gestrickt oder gehäkelt sind.
Lackierter Aal
Darüber trägt man durchsichtige Jacken aus PVC oder Mäntel in schwarzlackierter Aalhaut. So wirklich stimmig ist der Look allerdings nicht - auch wenn (oder vielleicht weil) Simons alle großen Mailänder Trends auf die Spitze treibt.
Selten hat man auf den Laufstegen ein solch klar definiertes Arsenal an wiederkehrenden Elementen wie in dieser Saison gesehen: Da sind zum einen die vielen Shorts, die mal wirklich kurz sind (Jil Sander) und mal bis über die Knie reichen (Calvin Klein), da sind die Hochwasserhosen, die von Emporio Armani (weit) bis Gucci (eng) immer kürzer und kürzer werden, da sind die Schuhe, die entweder dicke Plateausohlen haben oder aber leichte Mokassins sind.
Prince-of-Wales-Muster
Und da sind natürlich all die Prince-of-Wales-, Gingham- und Jacquard-Muster, all die Karos _und Paisleys, Stickereien und Häkeleien, die von Etro bis D&G in den verführerischsten Farben schillern. Am häufigsten tritt der Musterrausch dabei in Stricktops auf, deren Kurzarmärmel genau bis zu den Armbeugen reichen.
Auch Bottega Veneta hat den wilden Mustermix im Angebot. Das von Tomas Maier betreute Luxushaus schafft wie wenige sonst das Gleichgewicht aus Tradition und Innovation.
Dieses bestimmt die Männermode noch viel mehr als die Damenmode, wie man etwa am verunglückten Debüt des Designers Alistair Carr bei Pringle of Scotland studieren konnte. Plötzlich sieht die Traditionsmarke aus wie Balenciaga, wo Carr zuletzt gearbeitet hat. Vorsichtiger ging die neue Designhoffnung Umit Benan sein Debüt bei Trussardi an: Er zeigte vor allem Taschen und Koffer.
Keine wirklichen Revolutionen
Auch von Bottega Veneta sind keine wirklichen Revolutionen zu erwarten: Selbst wenn Maier Leder auf Denim treffen lässt, ist das Resultat eben hochluxuriös.
Es gibt derzeit sicher nur wenige Modehäuser, die mit Bottega Venetas Umgang mit Materialien konkurrieren können.
Dazu gehören Zegna, deren Kollektion durch die Feinabstimmung der verwaschenen Pistazien- und Mauvetöne bestach und Burburry. Für das englische Traditionshaus entwarf Designer Christopher Bailey eine Kollektion, die beinahe so humorvoll ist wie jene von Prada.
Ringellook mit Bommeln
Verantwortlich dafür sind lustige Ringelpullis, die zur Hälfte gestrickt, zur Hälfte gehäkelt sind, Schirmmützen mit Bommeln und die ubiquitären Plateauschuhe, bei Bailey allerdings mit Basteinsätzen. Mode sollte auch Spaß machen - um so mehr in einer Mailänder Saison, die mit wenigen wirklichen Höhepunkten aufwarten konnte. (Stephan Hilpold/Der Standard/24/06/2011)