Tiago lässt den Jaguar rauchen

23. Juni 2011, 16:56
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Jaguars neuer Hochleistungssportler: Beim XKR-S stehen jetzt 550 PS zur Verfügung. Auch sonst ist alles auf die schnelle Fortbewegung abgestellt

Tiago heißt der Portugiese, er wohnt praktisch auf der Rennstrecke. Jedenfalls arbeitet er dort, er kennt jeden Bremspunkt und jeden Kurvenausgang persönlich. Tiago sitzt in einem Jaguar XKR-S, noch in der Boxengasse des Autódromo Internacional Do Algarve. Neben sich hat er einen Journalisten aus Wien sitzen. Solche frühstückt er normalerweise.

Der Journalist aus Wien hat es sofort durchschaut. Tiago hat nur eine einzige Mission: dem Journalisten aus Wien zu zeigen, wo der Hammer hängt. Ganz besonders, wo am Autódrom Do Algarve der Hammer hängt. Vorausblickend könnte man feststellen: gelungen.

Der Motor läuft, er bebt und bollert, er klingt zornig und unbeherrscht, und der Journalist aus Wien rekapituliert: 550 PS. 680 Newtonmeter Drehmoment. Bei 300 km/h wird abgeregelt. Eh erst, denkt der Journalist aus Wien. Irgendwo im Hinterstübchen denkt er auch: Wenn man den Jaguar gegen die Wand lenkt, hat man 161.600 Euro sehr abrupt der Wertschöpfung entzogen. Aber jetzt fährt erst einmal Tiago, der Portugiese, sein Problem.

Bis zum Boxenausgang ist alles friedlich, 60 km/h, der Portugiese lächelt. Dann drischt er noch zwei, drei Gänge rein, beschleunigt auf dreitausend km/h, bremst vor der Kurve runter, dass dem Journalisten aus Wien der Kopf nach vorne fliegt und der Helm verrutscht. Wenn der Portugiese dem Journalisten aus Wien den Schneid abkaufen will, ja, das geht er gut an. Der Wagen steht quer, rauch und brüll und quietsch, der Portugiese lächelt und nickt freundlich herüber. "Ein solcher Falott!", denkt sich der Journalist aus Wien, dann wird wieder die Gnackwatsche der Beschleunigung gereicht, die nächste Kurve steht an, der Wagen kommt quer, da eilt eine Wand heran, und der Journalist aus Wien sieht es ganz genau: Der Portugiese lacht.

Finanzhilfe ist schon gestrichen, denkt sich der Journalist aus Wien, und dann werden wieder Gnackwatschen gereicht. Auch seitlich stehen Fliehkräfte an. Rauch und brüll und quietsch. Der Journalist aus Wien denkt sich: spektakulär. Aber schneller kommt man wohl ohne Querstehen um die Kurve herum.

Der Journalist aus Wien registriert ein leichtes Transpirieren. Der Portugiese hingegen: staubtrocken.

Boxengasse, jetzt darf der Journalist aus Wien ans Steuer, der Portugiese lächelt maliziös, der Journalist aus Wien zieht den Helm enger. Nach der Boxengasse drischt er die Gänge rein, vielleicht einen weniger, dreitausend km/h sind es auch nicht, und viel zu schnell ist die Kurve da, und der Portugiese sagt: "No brake", aber zu spät. Und vor der nächsten Kurve sagt der Portugiese wieder: "No brake", als der Journalist aus Wien schon den Fuß vom Gaspedal nimmt, die Kurve ginge voll, wenn man der Portugiese wäre, und in der nächsten Kurve schreit dieser: "Brake!", aber zu spät, der Jaguar hat die Kurve rechts liegengelassen und ist geradeaus gefahren, wühlt jetzt den Schotter abseits der Strecke auf. Und obwohl die Klimaanlage an ist, kann der Journalist doch ganz genau die kleine, feine Perle auf der Stirn des Portugiesen entdecken. Aber der lächelt noch. "No problem", sagt er.

Ein paar Runden gehen noch, "No brake!", entfährt es dem Portugiesen, oder auch "Brake!", dann lenkt der Journalist aus Wien in die Boxengasse. Die Fliehkräfte wirken noch nach, der Journalist aus Wien kommt kaum aus seinem Sitz heraus. Dann merkt er, dass er in der Aufregung vergessen hat, den Gurt zu öffnen. Der Portugiese: lächelt.

Zweiter Turn, der Portugiese und der Journalist schreiten zum Jaguar, der Portugiese fasst sich in den Schritt und fragt: "Tomates?" "Ovos!", antwortet der Journalist aus Wien und zieht den Helm ganz fest. Die Gänge knacken hinein, der Motor brüllt, die Kurve naht, "No brake", sagt der Portugiese, gelegentlich auch einmal "Brake". Die Kurven werden runder und weniger eckig, der XKR-S arbeitet, und dann sagt der Portugiese gar nichts mehr, deutet nur noch mit der Linken die Ideallinie, nickt, lächelt. Wenn der Motor jetzt nicht brüllen würde, es wäre ganz still.

240 km/h stehen am Ende der Start-Ziel-Gerade an, so soll es sein, dann schmiegt sich die Kurve in den Jaguar.

Zurück in der Boxengasse beugt sich der Portugiese ganz weit rüber, "Um Gottes willen", denkt sich der Journalist aus Wien, "jetzt will er mich küssen." Aber Tiago will nur helfen, er langt rüber und öffnet ihm den Gurt. (Michael Völker/DER STANDARD/Automobil/24.06.2011)

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Jaguar

  • Ausnahmsweise und nur weil es so gut passt, gibt es den Jaguar auch in 
einem aggressiven, schnellen Blau. Der XKR-S liegt einen Hauch tiefer 
als die zivile Version, und das Flügerl muss sein.
    foto: werk

    Ausnahmsweise und nur weil es so gut passt, gibt es den Jaguar auch in einem aggressiven, schnellen Blau. Der XKR-S liegt einen Hauch tiefer als die zivile Version, und das Flügerl muss sein.

  • Der Jaguar XKR-S auf der Rennstrecke im Portugiesischen: Ein Fest für die Strecke und den Fahrer, ein Wettstreit zwischen Tiago und dem Journalisten aus Wien.
    foto: werk

    Der Jaguar XKR-S auf der Rennstrecke im Portugiesischen: Ein Fest für die Strecke und den Fahrer, ein Wettstreit zwischen Tiago und dem Journalisten aus Wien.

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