Auf der Suche nach der breiten Mehrheit für Wrabetz

23. Juni 2011, 14:16
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Am 30. Juni wird der Posten des Generaldirektors ausgeschrieben - Spekulationen über eine "große Lösung" - Mit Grafiken

Wien - In einer Woche gibt der ORF-Stiftungsrat den Startschuss für die Wahl des neuen ORF-Chefs. Am 30. Juni treten die Mitglieder des obersten ORF-Gremiums zusammen und der Posten des ORF-Generaldirektors wird ausgeschrieben. Binnen vier Wochen können sich Kandidaten bewerben, am 9. August wird der Stiftungsrat den neuen ORF-General wählen.

Favorit: Wrabetz

Haushoher Favorit ist weiter der von der SPÖ unterstützte Amtsinhaber Alexander Wrabetz, der derzeit auf Basis einer rot-grün-orangen Mehrheit mit 20 bis 25 Stimmen in dem 35-köpfigen Gremium rechnen kann. Im Hintergrund werden gegenwärtig weitere Varianten abgesteckt, etwa eine "große Lösung" unter Einbeziehung von ÖVP und FPÖ. Geknüpft wäre dies wohl an personelle Zugeständnisse, etwa in den ORF-Landesstudios.

Stegers Rat: "Breiter Konsens"

FPÖ-Stiftungsrat Norbert Steger rät Wrabetz etwa öffentlich, "einen breiten Konsens zu suchen, vor allem im Hinblick darauf, dass er in zwei Jahren möglicherweise wieder ein ORF-Gesetz braucht. ... Wenn er dies nicht tut, hielte ich das für schwer unternehmensschädigend." Grundsätzlich sagt Steger "weder Ja noch Nein" zu einer Wiederwahl des amtierenden ORF-Chefs, macht aber auch deutlich, woran ein "Ja" geknüpft sein könnte: "Ein Signal wäre, dass Finanzdirektor Richard Grasl und Onlinedirektor Thomas Prantner weiter eine Rolle in der Führung spielen. Es muss Schluss sein mit dem Köpfen verdienter Mitarbeiter." Eine für Steger denkbare Variante: "Ein wesentlicher Konsens wäre es, dass Grasl für die Information zuständig ist. Das wäre ein Signal, dass man nicht versucht, einen rot-grünen ORF zu machen."

Bundesländer-Wünsche

Auch der vom Land Kärnten nominierte und dem FPK nahestehende Gremienvertreter Siggi Neuschitzer wünscht sich von Wrabetz offen ein Entgegenkommen in personeller Hinsicht und erinnert dabei etwa an das Anhörungsrecht des Landeshauptmanns bei der Bestellung von ORF-Landesdirektoren. Hintergrund: In Kärnten steht Direktor Willy Haslitzer möglicherweise vor dem Abgang, womit das Land bei der Wiederbestellung gerne ein Wort mitzureden hätte. "Wenn man die Stimme des Dritten Lagers will, dann wird der zum Zug kommen, der die Ideen der Freiheitlichen in Wien und Kärnten anhört", so Neuschitzer.

Weitere Personalfragen mit Folgewirkung auf das Stimmverhalten von Stiftungsräten könnten die Besetzungen der Landesdirektoren von Tirol und Oberösterreich werden. In Linz dürfte Amtsinhaber Helmut Obermayr in Pension gehen, wodurch der amtierende Tiroler Landesdirektor Kurt Rammerstorfer ins Land ob der Enns wechseln könnte. Der Tiroler bürgerliche Stiftungsrat Helmut Krieghofer wird für diesen Fall als möglicher Tiroler ORF-Landesdirektor gehandelt. "Für mich ist das kein Thema", sagte Krieghofer. Sein Urteil über die von der ÖVP stets scharf kritisierte Ära Wrabetz fällt aber milde aus: "Ich würde nicht sagen, dass der ORF an die Wand gefahren wird, so wie das manche darstellen. Mit Richard Grasl ist sicher ein guter Mann am Werk, der im Konzert mit Wrabetz gute Arbeit abgeliefert hat."

Der bürgerliche Zentralbetriebsrat Robert Ziegler möchte derzeit keinen Kandidaten "ein- noch ausschließen". Wichtig sei ein "Konzept, wie man den ORF wirklich zukunftsfähig macht".

Eigener ÖVP-Kandidat "bleibt Option"

Der zuletzt harte Widerstand gegen Wrabetz im ÖVP-Lager scheint jedenfalls langsam zu bröckeln. ÖVP-"Freundeskreis"-Leiter Franz Medwenitsch berichtet mittlerweile von "Gesprächen mit dem Ziel einer breiten Konsenslösung, aber ein eigener Kandidat bleibt sicher eine Option. Es wäre ja auch ein Armutszeugnis für den ORF, gäbe es nur einen einzigen namhaften Bewerber und ein einziges Konzept." Das RTL-Chef Gerhard Zeiler entnervt per Interview abgewunken hat, bedauert Medwenitsch: "Die erste Wahl wurde ja bedauerlicher Weise bereits parteipolitisch entschieden, indem das Antreten des mit Abstand bestmöglichen Bewerbers Zeiler aktiv verhindert wurde, statt ihn einzuladen."

Kandidat Rabl? "Unsinn"

Ein möglicher Hoffnungsträger des bürgerlichen Lagers wäre im ORF ansonsten Finanzdirektor Richard Grasl, der aber wiederholt abwinkte. "Ich schließe eine Kandidatur aus", erklärte Grasl. Als möglicher ÖVP-Kandidat wurde auch Ex-"Kurier"-Herausgeber Peter Rabl ins Spiel gebracht, der die Überlegungen auf Anfrage jedoch als "Unsinn" bezeichnete. "Ich wurde nicht gefragt."

Gheneff-Fürst: "Frauenquotenregelung muss nicht unbedingt erfüllt werden"

BZÖ-Stiftungsrätin Huberta Gheneff-Fürst macht ihre Zustimmung für einen ORF-Generaldirektor von dessen "Vorstellungen zum Programm" abhängig. Dort müsste ihrer Meinung nach eine starke visionäre Persönlichkeit sitzen, die die Zukunftsvoraussetzungen für den ORF schafft. Wer ihr genau vorschwebt, sagte Gheneff nicht. Im Auge könnte sie aber einen Mann haben, der derzeit im Ausland arbeitet, denn sie betont: "Die Frauenquotenregelung muss hier nicht unbedingt erfüllt werden. Es wäre zwar bedauerlich, wenn in dem neuen Gremium keine Frau sitzt, es ist aber kein Muss." Es gebe "etliche kreative Österreicher, die teilweise im Ausland werken". Sie würde einen externen Kandidaten bevorzugen.

Der unabhängige Kirchenvertreter Franz Küberl will sich noch nicht festlegen, betont aber, dass in der künftigen Geschäftsführung mehr Konsens herrschen müsse. Wichtig sei ein Team, "das bereit dazu ist, dass man nicht aneinander eingeht, sondern aufeinander zugeht", so Küberl.

SPÖ-"Freundeskreis"-Leiter Nikolaus Pelinka wirbt naturgemäß für eine breite Mehrheit für den Amtsinhaber. "Jede Stimme, die Wrabetz hinter sich haben wird, ist eine gute Stimme und je breiter die Mehrheit sein wird, desto besser ist das für den ORF und die Herausforderungen der nächsten Jahre", sagte Pelinka. "Ich halte ihn für den Besten - egal gegen wen er antritt. Wrabetz hat in den vergangenen Jahren gute Arbeit geleistet und sein Unternehmen steht stabil und gut da."

Wehrschütz will vom Balkan auf den Küniglberg

Seine Kandidatur kündigte diese Woche, wie DER STANDARD berichtete, der als FPÖ-nah geltende Balkan-Korrespondent Christian Wehrschütz an, der im dritten Lager aber offenbar nicht unbedingt als Favorit hofiert wird. "Es gibt keine Automatik, dass er gewählt wird", so Steger. "Ich finde übrigens, er ist ein sehr guter Auslandskorrespondent - am Balkan." Neuschitzer freut sich "dass wir einen neuen Kandidaten haben", verweist aber darauf, dass man noch sehen müsse, ob auch Online-Direktor Prantner antrete. (APA)

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