Biken in Colorado

Immer nur bergab!

26. Juni 2011, 20:05
  • Artikelbild
    vergrößern 600x450
    foto: rottenberg

    Das Bergauffahren mit dem Rad ist am Pikes Peak verboten. Das Naturerlebnis beschränkt sich also aufs Bergabrollen.

  • Artikelbild
    grafik: der standard

    Anreise und Unterkunft:

    Pikes-Peak-Touren (und anderer Radabenteuer): http://www.bikithikit.com

    Anreise, Unterkünfte, Touren, Packages und Colorado im Allgemeinen:

    Colorado Tourism Office, c/o Get It Across Marketing, Neumarkt 33, 50667 Köln

In Colorado macht man aus ängstlichen Couchpotatoes glückliche Hardcore-Mountainbiker - zumindest in deren eigener Wahrnehmung

Auf 3900 Metern kommt die Pumpe ziemlich rasch in einen Schlagzahlbereich, der nicht mehr gesund ist. Dafür muss man gar nicht von unten, aus dem Tal, bis hier herauf gestrampelt sein. Obwohl "unten" relativ ist: Schließlich liegt Colorado Springs 6035 Fuß über dem Meer. Das sind 1840 Meter Seehöhe. Flachländer kommen manchmal schon da ins Schnaufen.

"Versuch es einfach", hatte Harvey Heaston, einer der drei Guides, gemeint, als er den Bus nach einer 24,5 Meilen (knapp 40 Kilometer) langen Bergfahrt anhielt und begann, Mountainbikes vom Dach zu laden. Harvey wusste, was kommen würde: Das kurze Aufjaulen einer Polizeisirene. Der Parkranger im Auto in der Kehren nimmt seinen Job ernst: Wenn heute das Ende der Bergstrecke auf den Pikes Peak - den mit 14.110 Fuß (4301 Meter) höchsten Berg bei Colorado Spring - aufgrund der Schneeverhältnisse weiter oben ist, dann ist hier eben Schluss. Abgesehen davon, dass das Bergauffahren mit dem Rad am Pikes Peak ohnehin verboten ist.

Während die Guides Bikes verteilen, Sattelhöhen einstellen, vom Wechsel der Gänge auf den Tretkurbel-Zahnkränzen abraten, vor der Vorderbremse warnen - und den dann fragend schauenden Gästen erklären, welche Bremse wo greift, schweift der Blick über das Panorama: Der Pikes Peak liegt in der "Front Row" der Rocky Mountains - dann kommt die Endlosigkeit der Prärie. Das klingt nach Klischee - und ist eines. Aber: Das Klischee ist beeindruckend. Sehr beeindruckend.

"Nicht überholen. Rechts von den Guides bleiben. Nicht vor die Guides fahren. Nicht hinter die Guide zurückfallen. Autos gibt es nicht: Der Van hält uns den Rücken frei." Die Guides instruieren ein letztes Mal. "Keine Angst, die Bremsen überhitzen nicht. Wir werden oft stehen bleiben. Aber: Nicht stehen bleiben, wenn wir nicht stoppen!"

Die Straße ist zweispurig. Sie ist gut asphaltiert (bis auf eine zwei Kilometer lange, betonhart planierte Erdpiste) schneefrei - und trocken: Mountainbikes passen optisch, praktisch sind grobstollige Reifen die falsche Wahl. Aber so schnell, dass irgendetwas zu flattern beginnen könnte, werden wir nicht: Gemächlich rollt der Konvoi gen Tal. Ausblick schlägt Tempo: Schnee und Felsen. Wälder und Seen - und der Blick in die Weite.

Als es nach an einem Bilderbuchsee kurz bergauf geht, stellt der Fahrer den Van schräg: Eigentlich sollten die Räder für die Steigung wieder aufs Dach. Damit dabei niemand vor ein Auto läuft, wird die Straße blockiert. Ben Engelhaardt, einer der Guides, schüttelt den Kopf: "Man kann es wirklich auch übertreiben", murmelt er. Ben ist neu. Es ist sein erster Arbeitstag: Bisher war Ben Waldbrand-Feuerwehrmann. Er sprang per Fallschirm in Brandzonen ab. Aus Liebe zu seiner Freundin wurde er sesshaft. An die Usancen amerikanischer Hochsicherheits-Extremsporterlebnisse muss er sich erst gewöhnen. Der Blick von Ober-Guide Harvey wischt das sarkastische Grinsen aus Bens Gesicht: Ben braucht den Job.

Die Pikes-Peak-Tour, die Tini Campbells Outdoor-Unternehmen "Challenge Unlimited" seit mittlerweile 20 Jahren anbietet, ist aber mitnichten ein Ausreißer im weiten Land des amerikanischen Mega- und Über-Protektionismus. Wo sich die Angst vor Schadenersatz- und Schmerzensgeldklagen mit der Sehnsucht nach Pionierfeeling paart, sind Weichspül-Abenteuer das Ergebnis: Grenzerfahrungen mit drei Sicherheitsnetzen, Catering, Pausen-Taste und Klimaanlage - aber ohne Eigenverantwortung und Konsequenzen, echtem Risiko oder hässlichen Schweißflecken. Wer der Masse jenes Abenteuer anbieten will, das konsumiert zu haben, Zeitgeist und Gazetten gebieten, hat gar keine andere Wahl: Bevor Campbell die Behörden von Colorado Springs davon überzeugte, dass das Herabrollen vom Pikes Peak ein touristisches Highlight sein könnte, war Radfahren auf der Mautstraße mit dem vielleicht spektakulärsten Ausblick der Rockies überhaupt verboten. Hinauf wie hinunter.

Die Himalaya-Trekkerin Campbell änderte das. Weil es ein gutes Geschäft ist - und weil sie weiß, dass auch noch die kontrollierteste Fahrradbummelei mehr Naturerlebnis vermittelt als jede Autofahrt. Dass das Marketing über die Suggestion der Asset-Troika (Grenzgang, Natur, Selbsterfahrung) der Trend-Branche Outdoor-Experience geht, ist logisch - nur wer genau schaut, findet den Hinweis auf den Weichspüler im Hardcore-Outfit: "If you can sit on a bike, you qualify", steht auf der Homepage. Freilich ist auch das Extremsport. Das bestätigt nicht zuletzt Reinhold Messners Mantra: "Extremsport ist individuell. Es ist für jeden das, was einen Schritt weiter liegt, als das Gewohnte." (Thomas Rottenberg/DER STANDARD/Rondo/24.06.2011)



->
Noch mehr Bilder vom wilden Bergabradeln gibt's in dieser Ansichtssache.
Kommentar posten
16 Postings
Settembrini
00
7.11.2011, 18:49
"Sie hassen uns, weil wir frei sind".

Einige Amerikaner glauben das. In Wahrheit sind dort Sachen verboten, daß einem das Hirn stehenbleibt. Aufwärtsfahren. Biertrinken. Stehenbleiben wanns einem paßt. Wehe.... Einfach nur bescheuert. Das beste an Amerika ist die Landschaft.

Nebelscheinwerfer
04
27.6.2011, 10:26
arm

Einfach nur noch armselig. Rottenberg glaubt der Verarschung dieser Veranstaltung auf die Schliche gekommen zu sein, verarscht sich mit diesem Artikel aber hochgradig selbst! Die Sache hier ist weder skuril, auch nicht "krank" sondern einfach nur eine ganz banale Touristenfalle. Und hat mit MB in den Rockies in etwa so viel zu tun wie Wassersport am Neusiedlersee mit Elektrobootfahren.

muppizz
02
27.6.2011, 10:07
für die würste!

denn herrn Rottenberg würd ich gern mal auf eine tour mitnehmen und die berge hinauf- und hinunterjagen, dass ihm hören und sehn vergeht ;)

Augenausstecher
 
00
27.6.2011, 09:51
safety last

DM2006
07
26.6.2011, 23:32

Eigentlich sollte man sich ja wegen so einem Artikel nicht aergern, aber da ich selbst einmal in Colorado gewohnt habe (und noch immer Kontakt zu Leuten in der Mountainbike Szene habe) geht mir das ein bisschen Nahe.
Da kommt ein Journalist aus Oesterreich, bucht bei einem Tour Operator eine Tour fuer die keine sportlichen Vorrausstzungen noetig sind (solche Sachen kann man in Oesterreich auch buchen) und verallgemeinert das dann auf Colorado ohne sich ueber die fantastischen Moutainbike und Roadbike Moeglichkeiten (ich erwaehne Kayaking, etc... hier gar nicht) zu informieren, die es dort gibt.

Falls jemand einen 14000er in Colorado mit dem Roadbike erklimmen will, kann ich uebrigens Mount Evans (154 Fuss hoeher als Pikes Peak) sehr em

phaidros
00

14000er? na wow. da ist ja ein everest nix dagegen.

Krawuzi Kabuzi
00
26.6.2011, 22:08
Mein Senf dazu

Es gibt genug Einheimische, die in den Rocky Mountains bergauf und bergab, hobby-mäßig oder semi-professionell, allein oder im Rudel mit dem Radl die Gegend unsicher machen. Das ist nichts ungewöhnliches. Radln in 3800m ist auch nicht so etwas besonderens, wenn man jahrein/jahraus in 2000m Höhe lebt.

Zum Über-Protektionismus: ok, die Anwälte lauern in den USA. Aber wenn ich einen Waiver zur Haftungsaussetzung unterzeiche, kann ich oft extremere Sachen machen als in Österreich.

maxbz
00
26.6.2011, 21:53
Eine solch breite Straße und da darf man nicht bergaufradeln?

Die sind wirklich völlig bekloppt.

Georges_Danton
00
26.6.2011, 21:45
ich muss jetzt auch angeben!

man darf in colorado schon auch mit dem fahrrad über den berg fahren. in vielen fällen gibt es gut ausgebaute radwege (asphaltiert).
wenn man das selber strampelt wird man manchmal für verrückt erklärt, aber auch nicht mehr als bei uns. (renn)radfahren ist aber auch in den usa (und gerade in colorado) populär: zumindest wir haben auf dne passstraen auch einige einheimische am rad getroffen!

[angeben] hier noch ein paar fotos von unserer reise über die rockies auch bergauf und ohne begleit-van ende mai[angeben ende]

http://www.grandtour.at/main/news... al-divide/

http://www.grandtour.at/main/news... e-rockies/

Wayne Schlegel
00
26.6.2011, 21:28
MTB auf der Straße als "Extremsport"?

Welch ein Unsinn!

Dabei hat Colorado in Sachen Mountain Biking so viel mehr zu bieten. Hier mit einer Aufzählung aller lohnenswerten Trails zu beginnen, würde den Rahmen sprengen.

Das Areal um Grand Junction/Fruita sollte man dennoch hervorheben, da es vom mäßig anspruchsvollen XC-Trail bis zum, nur für Experten geeigneten "Free Lunch" DH-Trail alles zu bieten hat. Zudem liegt Moab, UT mit Trails wie "Porcupine" und "Slickrock" nur wenige Fahrtstunden westlich.

Bezüglich des Materials stellen ein sog. All Mountain Bike bzw. ein leichter Freerider den besten Kompromiß dar. Fährt man bewaldete Trails der Rockies, sollte man eine "Bear Bell" (Bärenglöckchen) an Bike oder Ausrüstung befestigen. Yogi & Co. hassen nämlich Überraschungen.

Proconsul
01
26.6.2011, 20:57
Abgesehen davon, dass das Bergauffahren mit dem Rad am Pikes Peak ohnehin verboten ist.

wtf????

The Sicilian
00
26.6.2011, 20:25
Also auf unserer Reise durch den Südwesten der USA (Nevada, Utah, Arizona, Colorado) im Mai...

... haben wir vom "amerikanischen Mega-Protektionismus" genau gar nichts mitbekommen. Zwar wird überall vor allem gewarnt, aber aktiv kontrolliert wird wenig. Bei der Dampfzugfahrt durch die Rocky Mountains war der Aufenthalt auf den Platformen zwischen den Wagons zwar theoretisch verboten, aber ein Plausch mit dem Brakeman der Zuggesellschaft ebendort war kein Problem. Im Zion National Park wurde man vor Wanderungen auf schmalen Felsgraten, die hunderte Meter senkrecht abfallen, zwar gewarnt, aber sonst nicht beeinflusst oder gar daran gehindert. Auch im Grand Canyon wird z.B. empfohlen, den Ab- und Aufstieg (2000m runter und wieder rauf) nicht an einem Tag zu wagen, aktiv daran hindern tut einen aber niemand.

northrim
00
26.6.2011, 22:23

auf welchem trail gehen sie zum grand canyon mit 2000hm runter und am gleichen tag wieder rauf? von süden sind es wohl eher 1400hm und vom norden um die 1800hm aber die trails von norden sind so lange dass sie nicht am selben tag wieder rauf kommen, ausser sie sind ueli steck oder der k2-visualisierer. lasse mich aber gerne belehren, interessiert mich nämlich wirklich.

The Sicilian
00
26.6.2011, 23:39
Stimmt natürlich, vom South Rim sinds nur etwa 1450hm.

Hatte irgendwie im Kopf, dass der Höhenunterschied vom Rim bis zum Colorado 2000m beträgt.
Ich selbst bin auch nicht bis ganz runter gewandert, sondern wollte nur betonen, dass dort keiner daran gehindert wird, eine Tour in einem Tag zu gehen, die jedes Jahr ein paar Menschenleben fordert, sondern dass nur deutlich auf Gefahren hingewiesen wird.

northrim
00
27.6.2011, 08:32

was sie schreiben stimmt schon, von allem wird abgeraten weil gefährlich etc., aber wirklich drum scheren tut sich dann eh keiner. die trails werden z.b. als "extrem" eingestuft wegen ein, zwei unguten stellen die aber lächerlich sind, dagegen sind rauher kamm und herminensteig wahre hochalpine abenteuer...

The Sicilian
00
26.6.2011, 20:32
... insgesamt würde ich im Vergleich zu Österreich sagen,

... dass es wesentlich mehr Informationen zu sportlichen Unternehmungen in der Natur gibt, es aber trotzdem jedem frei steht, wie viel Risiko er eingehen will. Also eigentlich eine recht gesunde Einstellung, meiner Meinung nach.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.