Aktueller Schiele-Weltrekord, neue Verhandlungsbasis für offene Vergleiche, Proteste in Wien und London
Wien/London - Die Onanierende Frau mit gespreizten Schenkeln wäre ein
ungezogener Titel, weshalb er diesen jetzt auch nicht verlesen werde,
alberte Sotheby's-Auktionator Henry Wyndham und erntete Gelächter
seitens des Publikums. Bei umgerechnet etwas mehr als 425.000 Euro
notierte die Bleistiftzeichnung von Egon Schiele am Ende der Sitzung
schließlich als niedrigster Verkaufspreis. Den höchsten Wert des mit
insgesamt 35 Kunstwerken der Sparte Impressionist & Modern Art
bestückten Angebots holte sich am Abend des 22. Junis erwartungsgemäß
seine Häuser mit bunter Wäsche (Vorstadt II).
Erwartungen auf ein dramatisches Gerangel mehrerer Bieter wurden
enttäuscht. Um 20.19 Uhr Ortszeit eröffnete Wyndham die Versteigerung
für das im Auftrag des Leopold Museums offerierte Ölbild bei 18
Millionen Pfund, eine knappe Minute später donnert er bereits sein
verstümmeltes Auktionatorenhämmerchen, den sogenannten Gavel, auf das
Pult. Verkauft für netto 22 Millionen Pfund an einen anonymen
Telefonbieter, der mangels weiterer Konkurrenten nicht mehr als die
ohnedies von Sotheby's im Vorfeld garantierte Summe bewilligen musste.
Umgerechnet sind das zumindest 24,8 Millionen Euro, die an die
Leopold-Museum-Privatstiftung ausbezahlt werden.
Entgegen den sonstigen Gepflogenheiten werden von Sotheby's weder
Verkäuferprovision noch Fotokosten einbehalten. Ob die Vereinbarung auch
eine Beteiligung an der Käuferprovision inkludiert, will das
Auktionshaus nicht kommentieren. Der offizielle neue Schiele-Rekordpreis
wird mit 27,63 Millionen Euro (brutto, inkl. Premium) beziffert. Peter
Weinhäupl, kaufmännischer Direktor des Museums, bekundete Zufriedenheit,
die Refinanzierung des Bildnis Wallys sei damit ebenso wie die im Laufe
der Jahre angefallenen Anwaltskosten, also insgesamt etwa 19 Millionen
Euro, gesichert. Mit dem Rest können weitere, bereits abgeschlossene
Restitutionsvergleiche finanziert werden.
Zeitnah veranstaltete die Israelitische Kultusgemeinde (IKG)
Protestaktionen: Unter dem Motto "Don't sell - restitute!"
patrouillierten vor dem Auktionshaus in London und dem Leopold Museum in
Wien Demonstranten - derStandard.at berichtete exklusiv. Damit sollte
auf die Causa zum ebenfalls in der Sammlung Leopold befindlichen Gemälde
Häuser am Meer aufmerksam gemacht werden, für das die IKG jahrelang eine
Naturalrestitution forderte. Im Mai erzielte das Museum mit einer der
Erben nach Jenny Steiner eine Einigung (rund 3,5 Mio. Euro). Für den
Anwalt weiterer Erbengruppen sei der aktuelle Weltrekordpreis nun auch
die neue Verhandlungsbasis. (kron / DER STANDARD, Printausgabe, 24.6.2011)