Mit dem Synthie im Stall

23. Juni 2011, 18:18
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Psychedelischer Soul im 1970er-Cinemascope: My Morning Jacket veröffentlichen das Album "Circuital"

Die gängigen Umschreibungen der Kunst von My Morning Jacket lassen sich auf "Radiohead aus dem Kuhstall" herunterbrechen. Man merkt bereits, da hat's was. Das klingt ein bisserl verkrampft, und das wird der Band aus Louisville in Kentucky gar nicht gerecht. Zwar lässt sich die Band um Jim James selten zu geradlinigen Kompositionen hinreißen, sondern legt Wert auf die Atmosphäre ihrer Songs, die sie mit Detailarbeit generiert. Aber dass sie versucht, um jeden Preis anders zu klingen, kann man ihr nicht nachsagen.

Zu der Radiohead-Segnung dürfte ihre Vorliebe für gebrochene Rhythmen beitragen, die auf ihrem eben erschienenen sechsten Studioalbum Circuital wieder zu den charakteristischen Merkmalen zählen - nebst dem Gesang von Jim James. Dessen hohe Kopfstimme verleiht vielen MMJ-Songs etwas Ätherisches. Der Befund Kuhstall ist wiederum herkunftsbedingt zu deuten, andererseits taucht in manchen Stücken tatsächlich ein verfremdetes Country-Idiom auf, das aus dem Frühwerk der Band übrigge- blieben ist.

Den symbiotischen Gipfel dieser beiden Charakteristika erreichte die 1998 gegründete Band mit dem Album Z vor fünf Jahren. Darauf gelang ihnen mit einem sehr präsenten Synthie und einer stark räumlichen Produktion eine Ästhetik, zu der sie nach weniger gelungenen Arbeiten nun zurückkehren. Zwar vermisst man stürmische Songs wie Anytime, dafür pflegt die Band nun ihren Hang zu psychedelischem Soul aus den 1970er-Jahren um so stärker. Etwa in First Light, in dem bratzendes Synthie-Gewaber Einsatz findet und mit dem Bass die Tiefen auslotet. In You Wanna Freak Out gibt sich das Quintett wieder feingliedriger. James singt kapriziöser, zur Akustikgitarre gesellt sich ein Lap-Steel-Sound, später öffnet der Synthie tiefe Räume.

My Morning Jacket halten so eine Balance zwischen traditionellem Rock und seiner Brechung wie es auch der geistesverwandten Band Wilco in ihren besten Arbeiten gelingt. Man höre diesbezüglich den Titelsong des neuen Albums nach. Anders als Wilco konnte man My Morning Jacket noch nie in Österreich erleben. Schade aber auch, denn MMJ eilt der Ruf voraus, eine fantastische Live-Band zu sein, die sich an manchen Abenden zu drei- bis vierstündigen Shows hinreißen lässt. Vielleicht kommt die Circuital-Tour ja bei uns vorbei.   (Karl Fluch / DER STANDARD, Printausgabe, 24.6.2011)

  • My Morning Jacket: 
Circuital (Universal)
    foto: universal

    My Morning Jacket: Circuital (Universal)

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