Gespräche beim Leichenschmaus

24. Juni 2011, 18:53
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Zwanzig Jahre nach dem Tod der jugoslawischen Idee ist die sogenannte "Jugosphäre" Realität und Lichtblick für die Nachfolgestaaten

Wenn Sie als Fremder Bosnien über den Grenzübergang Slavonski Brod betreten, haben Sie mein vollstes Verständnis, sollte Sie bereits nach wenigen Kilometern der Impuls überkommen, unverzüglich umzukehren. Die Raffinerie-Anlage zu Ihrer Rechten ist so hässlich, wie derartige Gebäude es wohl sein müssen. Die Landstraße, die Sie weiter ins Landesinnere führt, ist gesäumt von zerschossenen Häusern aus deren Überresten allerlei Grün wuchert - gruselig und optimistisch stimmend zugleich: Immerhin erobert sich die Natur anscheinend alles schnell zurück. Durchbrochen wird diese seltsame Kulisse durch auffällig gut gepflegte Friedhöfe links und rechts der kurvigen Straße. Eine viel bessere Beschreibung dieses "Niemandslandes" finden Sie übrigens in Miljenko Jergovićs "Freelander". Dort erfährt der interessierte Leser auch, was es mit den pedantisch gepflegten Friedhöfen mitten in der Ödnis auf sich hat und welche politischen Implikationen Grabpflege in Bosnien haben kann.

Auch wenn man nur halb so viel Lebenserfahrung wie Jergovićs Held Karlo Adum hat, verwandelt sich jede Reise in den ex-jugoslawischen Raum in ein Roadmovie der Erinnerungen. In diesem Frühsommer reicht dazu allerdings auch ein Blick in die Zeitungen. Jugoslawien ist überall. Die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien ist zwar vor 20 Jahren im Bürgerkrieg auseinandergefallen, macht aber noch immer Schlagzeilen.

Jugoslawien und die noch ältere jugoslawische Idee starben blutig und endgültig Anfang der Neunzigerjahre. Die mediale Totenfeier fällt im Jubiläumsjahr üppig aber auch sehr eintönig aus. Auch "20 Jahre danach" erschöpft sich die Berichterstattung in den österreichischen Medien - bis auf wenige Ausnahmen - auf die Kriegsjahre, die Grausamkeiten des Krieges und die Folgen des Krieges. Anders als auf einem Leichenschmaus üblich, wird wenig über das Leben des Verstorbenen geredet.

Dabei hat die sogenannte Jugo-Nostalgie in fast allen exjugoslawischen Republiken - wie auch in der Diaspora - gerade Hochkonjunktur. Es geht dabei weniger um einen verklärten Blick auf die "goldene" sozialistische Vergangenheit oder um das naive Negieren der politischen Spannung im post-jugoslawischen Raum. Vielmehr ist es eine Annäherung an eine gemeinsame Vergangenheit, die zwar nicht frei von Spannungen war, aber auch großes Zukunftspotential birgt. Die immer intensiver werdenden Kontakte der postjugoslawischen Gesellschaften - zunächst durch die Wirtschaft angestoßen und durch Kulturschaffende intensiviert - lassen neuerlich eine "Jugosphäre" entstehen. Der englische Journalist Tim Judah entwickelte die These, dass die Folgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens weiterhin einen einheitlichen, wirtschaftlichen und "kulturellen" Raum bilden und nannte diesen "Jugosphäre". Von Nationalisten negiert und angefeindet, ist diese von Judah beobachtete Entwicklung schon lange Realität und tatsächlich nicht mehr aufzuhalten.

Aufarbeitung und Versöhnung brauchen natürlich Zeit. Überlässt man sie aber allein dem politischen Willen und den Impulsen "von oben", bleibt - vor allem im ethnischen streng separierten Bosnien - wenig Platz für Optimismus. Die Zweckgemeinschaft der "Jugosphäre", ohne den Rückenwind und die unvermeidlichen Fallen einer großen Ideologie, könnte allerdings ein Lichtblick in dem vielbeschworenen "Versöhnungsprozess" sein.

Karl Adum, der bereits erwähnte Held aus Jergovićs Roman, glaubt seine Erinnerungen an die jugoslawische Vergangenheit fest im Griff zu haben. Die Reise Richtung Sarajevo belehrt ihn eines Besseren. Während ihn der Autor von einem apokalyptischen postjugoslawischen Alltagsszenario zum anderen fahren lässt, wird Adum immer hoffnungsloser. Die schwere Last der Vergangenheit, sei es die Kindheit im von Nazis besetzten Jugoslawien oder die Repressionen des kommunistischen Regimes, werden mit dem Voranschreiten der Erzählung zusehends unerträglicher, eine Aussöhnung mit dem Feind unmöglich. Der konsequente Pessimismus ist aber kein Imperativ, auch nicht auf einer nostalgischen Reise durch Bosnien.

Dreht man nach dem Passieren des (noch immer provisorisch erscheinenden) Grenzübergangs Slavoski Brod das Autoradio auf, empfängt man Sender aus drei Staaten. Die Nachrichten ähneln sich, die Musik sowieso, die Werbespots bewerben Produkte und Läden der Nachbarn. Willkommen in der Jugosphäre! (Olivera Stajić, 24. Juni 2011, daStandard.at)

  • "Freelander": Miljenko Jergovićs Beschreibung des "Niemandslandes" ist bei Schöffling und Heyne erschienen.
    foto: verlag

    "Freelander": Miljenko Jergovićs
    Beschreibung des "Niemandslandes"
    ist bei Schöffling und Heyne erschienen.

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