"In Europa weiß man nicht, was Nächstenliebe bedeutet"

22. Juni 2011, 15:38
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"Was bedeutet für dich Glück?" lautete eine Vorgabe der aktuellen Deutschmatura am BG 18 Klostergasse in Wien - Geld sei jedenfalls nebensächlich, meint der Maturant. Wichtiger sei der Wille, für andere da zu sein

Wien - "Viel Glück!" Diese Redewendung hören wir täglich - vor Schularbeiten, vor der Matura oder vor Bewerbungsgesprächen. Doch dieser Satz hat längst an Bedeutung verloren, wirkt wie sinnlose Wortfetzen ohne Aussagekraft. "Glück" wird fatalerweise mit "Erfolg" gleichgesetzt. Zwei Begriffe, die aber unterschiedlicher nicht sein könnten. Diese Reduzierung des Glücks auf beruflichen oder schulischen Erfolg ist ein typisches Merkmal unserer globalisierten, erfolgsorientierten Gesellschaft. Gewiss wird man sich den Unmut vieler zuziehen, denen man sagt: "Du hast die Matura bestanden, weil du Glück hattest", denn Glück hat nichts mit Leistung oder Intelligenz zu tun.

Glück ist ein abstrakter Begriff, der sich nicht so einfach definieren lässt, weil jeder andere Vorstellungen davon hat. Es gibt Menschen, die meinen glücklich zu sein, weil sie Geld haben. Dieses "Glück" ist meist von kurzer Dauer. Mittlerweile ist bekannt, dass Glück nichts mit materiellen Werten zu tun hat. Schon vor tausenden Jahren waren die Stoiker so weit, wir haben für diese Erkenntnis etwas länger gebraucht. Für einen Stoiker war die "vita beata" das oberste Ziel - das glückliche Leben. Um dies zu erreichen, war die vollkommene Loslösung von materiellen Werten und Gütern, ein Leben in Einklang mit Natur, Erde und Lebewesen sowie politisches Engagement und tugendhaftes Handeln nötig. Diese Aspekte sind im Wesentlichen auch auf heute umzulegen. Die Pflicht zum politischen Engagement geht auf eine Zeit zurück, in der es vielen Leuten nicht erlaubt war, ihre Meinung zu sagen - und wenn sie diese äußerten, wurden sie umgebracht. In vielen Staaten der Erde ist es noch immer oder wieder so, deswegen ist politisches Engagement heute besonders wichtig.

Wie hinderlich materielle Güter bei der Suche nach Glück sind, zeigt der Happy Planet Index. Er wird errechnet aus Lebenszufriedenheit, Lebenserwartung und dem ökologischen Fußabdruck. Diesem Index zufolge waren die "glücklichsten" Länder der Welt im Jahr 2010 Costa Rica, die Dominikanische Republik und Jamaika. Kein Industriestaat schaffte es, auch nur in die Nähe dieser Staaten zu kommen - Österreich belegte Rang 57. Tendenziell sind die Einwohner ärmerer Staaten viel glücklicher als die Einwohner reicherer Staaten.

Für jemanden, der in einem reichen Land wie Österreich lebt, ist so etwas fast unvorstellbar. Aber wenn man genau hinsieht, liegen die Vorteile auf der Hand: Diese Leute kennen keinen Stress, keine Hektik. Das Leben läuft entspannt ab. Hier in Österreich herrscht ein Druck, an dem viele Menschen zerbrechen: Man geht in die Schule, man studiert, man arbeitet - in meinem Fall sicher schon bis 75 -, man geht in Pension und man stirbt. Nüchtern betrachtet ist das keine tolle Aussicht auf die Zukunft. Aber man muss auch die Dinge dazwischen sehen: meine Familie, die immer für mich da ist, oder meine wunderbare Freundin, die mich liebt und nervöser ist als ich bei meiner Matura. All das macht mein Leben glücklich.

Abgestumpft und egoistisch

Natürlich kann man nicht so weit gehen, dass man einen Bettler fragt, wieso er nicht glücklich ist, weil er ja keine materiellen Güter besitzt. Für ein glückliches Leben bedarf es Mindestvoraussetzungen. Den Happy Planet Index 2011 gewann eine Südseeinsel. Die Einwohner antworteten auf die Frage, warum sie so glücklich sind, dass sie alle Güter teilen und auch Essen herschenken an die, die es brauchen. Das ist der Unterschied: der Gemeinschaftssinn. Wir verabscheuen Bettler, ja erlassen sogar Gesetze, die es verbieten zu betteln, weil wir "solche Leute" nicht einmal sehen wollen. In Entwicklungsländern werden Gemeinschaft und Nächstenliebe großgeschrieben, in Europa weiß man nicht mal mehr, was das ist. Viele Menschen sind so auf ihren eigenen Erfolg konzentriert, dass sie ihre Mitmenschen vergessen.

Dies spricht auch der Philosoph Robert Pfaller in seinem Essay "Wofür es sich zu leben lohnt" an. Glücklich werden könne man nur als "public man" und nicht als ein "in sich gekehrter Idiot". Für mich ist Glück Zufriedenheit mit dem, was man hat. Doch das muss man erst mal erkennen. Das Wesentliche ist, dass man empfänglich sein muss. Man darf sich dem Glück nicht verschließen, und man soll es auch nicht krampfhaft suchen. Denn das Glück kommt, wenn man es am wenigsten erwartet. (Alexander Oberkersch, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.6.2011)

  • DER STANDARD-Schwerpunkt Thema Glück.
    foto: standard

    DER STANDARD-Schwerpunkt Thema Glück.

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