Freiwilligenarbeit mit Handicap

24. Juni 2011, 06:56
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Ein Paar im Rollstuhl ist ehrenamtlich tätig und bezahlt die dafür nötige persönliche Assistenz selbst

Zwei Stunden pro Woche übersetzt Katharina Zabransky für World Vision freiwillig Briefe von Paten an ihre Patenkinder und umgekehrt. Von Englisch auf Deutsch und von Deutsch auf Englisch. Alleine kann sie diese Freiwilligenarbeit aber nicht ausüben. Sie braucht eine Assistentin, weil sie nach einem Tumor an der Halswirbelsäule und nach vielen Operationen seit ihrem fünften Lebensjahr im Elektrorollstuhl sitzt und nicht mehr eigenständig auf einer Tastatur tippen kann.

Zabransky benötigt auch für ihr weiteres Engagement Hilfe: Für Beiträge im Freak Radio von Ö1, das sich mit dem Thema Behinderung auseinandersetzt, und für Deutschkurse, die sie im Integrationshaus hält.

Im Unterschied zu anderen Freiwilligen investiert Zabransky nicht nur ihre Freizeit. Pro Tag bekommt sie zu Hause für etwa acht Stunden eine persönliche Assistentin zur Seite gestellt. Mit deren Hilfe bewältigt die Frau ihren Alltag. Dafür wird sie vom Fonds Soziales Wien finanziell unterstützt. An den Tagen, an denen sie freiwillig tätig ist, muss ihre persönliche Assistentin dabei sein, um ihr zu helfen. Diese Zeit fehlt Zabransky dann etwa für Hausarbeit, Duschen oder andere Tätigkeiten, die sie nicht selbst verrichten kann. Würde sie einer bezahlten Arbeit nachgehen, würde sie außerdem vom Bundessozialamt eine so genannte Assistenz am Arbeitsplatz erhalten. Bei Freiwilligenarbeit steht ihr diese nicht zu.

"Hindernisse beseitigen"

Im Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit kündigte Sozialminister Rudolf Hundstorfer die "Schaffung günstiger Rahmenbedingungen, Beseitigung rechtlicher und administrativer Hindernisse für Freiwilligenarbeit" an. Für Zabransky ist die Situation mit der Assistenz genau ein solches administratives Hindernis. Sie würde sich zusätzliche Assistenzstunden wünschen. "Kein Problem", heißt es aus der Pressestelle des Fonds Soziales Wien: "Wir fördern Freiwilligentätigkeit sehr wohl mit Mehrstunden an Assistenz." Das Ausmaß der Zusatzstunden würde aber von Fall zu Fall variieren. Und melden müsse man das Engagement natürlich auch. Selbst wenn das bei Katharina Zabransky nicht der Fall sein sollte, will sie sich weiterhin engagieren: "Weil es Spaß macht."

Ihr Lebensgefährte Thomas Richter ist ebenfalls freiwillig bei World Vision tätig und auch er sitzt im Rollstuhl - nach einem Unfall im Alter von vierzehn Jahren Der Wirtschaftsinformatiker in Frühpension stellt nun drei Stunden in der Woche die Steckbriefe neuer Patenkinder auf die Homepage der NGO. Zudem kümmert er sich um Stundenlisten, kuvertiert Briefe und recherchiert Hintergrundinformationen.

Keine Wahlfreiheit beim Engagement

Außerdem betreut er seit zehn Jahren ein Patenkind in Mosambik. Bisher habe er das Kind aber nicht besucht. "Ich glaube, dass die Infrastruktur für Rollstuhlfahrer in Mosambik nicht geeignet ist", sagt Richter und lacht. Neben seiner Tätigkeit bei World Vision tanzt der Mann in der inklusiven Tanzgruppe "Danse Brute", bei der nicht-behinderte und behinderte Personen gemeinsam arbeiten, und er fotografiert. Seine dritte Ausstellung findet noch bis Mitte Juli im GründerInnenzentrum statt.

Aufgrund ihrer Behinderung können sich Richter und Zabransky weder ihren Arbeitsplatz noch ihr freiwilliges Engagement selbst aussuchen. "Man muss immer darauf achten, dass alles behindertengerecht eingerichtet ist", so Zabransky. Vor allem die Toilette müsse auch mit dem Rollstuhl befahrbar sein. Für die Zukunft wünschen sich beide, dass es vor allem an Schulen und in öffentlichen Gebäuden keine Barrieren mehr gibt und Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen gefördert werden. "Meine Vision ist, dass ich irgendwann einmal nicht mehr überall anrufen muss, um mich zu erkundigen, ob die Veranstaltung oder das Lokal auch für Rollstuhlfahrer geeignet ist", sagt Richter und fügt hinzu: "Aber das ist wirklich nur eine Vision." (Bianca Blei, derStandard.at, 21.6.2011)

Thomas Richter stellt noch bis Mitte Juli im GründerInnenzentrum für Menschen mit Handicap seine Fotografien aus. Auf seiner Homepage findet sich ein Auszug aus seinen Werken wie Doppelbilder, Spiegelungen oder ganz allgemein unter Ausstellung. Kontakt zum Künstler kann per E-Mail hergestellt werden.

  • Katharina Zabransky arbeitet für Ö1 Freak Radio, Integrationshaus und World Vision. Bei letzterem ist auch ihr Lebensgefährte Thomas Richter tätig.
    foto: derstandard.at/blei

    Katharina Zabransky arbeitet für Ö1 Freak Radio, Integrationshaus und World Vision. Bei letzterem ist auch ihr Lebensgefährte Thomas Richter tätig.

  • Die Vision des Paares: "Keine Barrieren für behinderte Menschen"
    foto: derstandard.at/blei

    Die Vision des Paares: "Keine Barrieren für behinderte Menschen"

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