Mittelalter zwischen Religion und Fantasy

22. Juni 2011, 19:03
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Germanist Klaus Amann ediert kaum bekanntes Schweizer Passionsspielfragment

Wie das zweitälteste deutsche Passionsspiel aus dem frühen 14. Jahrhundert bis zum Ende des 20. Jahrhunderts unentdeckt bleiben konnte, ist ungewöhnlich, aber erklärbar: Die Benediktiner im Pfäferser Kloster nahe Chur in der Schweiz definierten das Stück Pergament als Recyclinggut und verwendeten es als eingeklebtes Vorsatzblatt zur Verstärkung eines Bucheinbands. Ob aus Versehen oder Missfallen, bleibt allerdings ungeklärt.

Viele andere Aspekte hat Klaus Amann, Postdoc am Institut für Germanistik der Universität Innsbruck, untersucht und so die Grundlage für seine weitere Beschäftigung gelegt: Herkunft, Alter, Schreibsprache, literarische Traditionen, Quellen, geschichtliches Umfeld der Abtei und die Edition des Textes selbst.

Das Pfäferser Fragment enthält ein frühes Passions- und Osterspiel und gibt so Aufschlüsse über deren Entwicklung. Für seine Dissertation, mit der er den Dornröschenschlaf des Werks beendete, erhielt der Germanist den Liechtensteinpreis des Fürstentums Liechtenstein. Er wird seit 1983 jährlich verliehen und zählt zu den renommiertesten Auszeichnungen für Forschung.

Die Dramaturgie der Theaterstücke mit religiösem Inhalt ist immer ähnlich gestrickt. Die Passionsspiele haben Leben und Leiden Jesu zum Inhalt. Nach dem "Cliffhanger" zeigt die Osterspiel-Fortsetzung die Auferstehung und den Gang der Frauen zum Grab, wo ihnen der Engel die Auferstehung verkündet. Zwischen den geistlichen Gesängen bietet die sogenannte Salbenkrämerszene Anlass für ein komisches Intermezzo. Die Frauen gehen zu einem Salbenkrämer, um Balsam zu kaufen. "Üblicherweise streiten der Krämer, seine Frau und/oder sein Diener, was oft zu Prügelszenen, wüsten Beschimpfungen und allerlei burlesken Szenen führt", erläutert der Fachmann.

Das Spiel entstand im Spätmittelalter, in einer Zeit des Umbruchs, in der die Pest in Europa rund ein Drittel der Menschen dahinraffte. Städte und Handel wurden immer wichtiger, Adel und Kirche büßten Macht ein, immer mehr Menschen erlangten Bildung. Es war eine sehr gewalttätige Zeit, in der aber auch die Fundamente für das heutige Europa gelegt wurden.

Am Mittelalter fasziniert den Dornbirner das Vertraute und gleichzeitig Fremde. "Die Mentalität war ganz anders, die Religion spielte eine überragende Rolle, gleichzeitig begann man der Welt naturwissenschaftlich auf den Grund zu gehen. Das alles spiegelt sich auch in der Literatur dieser Zeit wider", sagt Amann, der sich auch mit der lustigeren Seite des Spätmittelalters beschäftigt. So ist die Heldenepik für ihn die Fantasy-Literatur des Mittelalters, gespickt mit Feen, Riesen, Zwergen, Drachen und Superhelden, die jeden Gegner besiegen. Seinen Studierenden versucht er mittelalterliche Literatur und Sprache möglichst bunt und quellennah mit Handschriften zu vermitteln.

Für insgesamt zehn Monate Väterkarenz unterbrach der 35-Jährige seine Forschung und kann das nur empfehlen. Für die Habilitation will er sich nun mit der Frage beschäftigen, wie sich Sprache, Literatur und Wissensorganisation auf die regionale Identitätsbildung auswirken. Sein Fallbeispiel ist Vorarlberg, wo er selbst herkommt, das als Region nicht von großen Fürstenhöfen, Städten, Klöstern etc. als Zentren geprägt ist. (Astrid Kuffner/DER STANDARD, Printausgabe, 22.06.2011)

  • Klaus Amann erhielt heuer den Liechtensteinpreis.
    foto: privat

    Klaus Amann erhielt heuer den Liechtensteinpreis.

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