Mit dem Kahn kommt das Wissen übers Wasser

22. Juni 2011, 19:03
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Die Forschungskreuzfahrt geht weiter - Das deutsche Ausstellungsschiff MS Wissenschaft geht auch heuer wieder in Wien, Krems und Linz vor Anker

Dieses Mal dreht sich die interaktive Schau um Gesundheitsforschung.

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Die MS Wissenschaft, ein ehemaliger Frachtkahn, tuckerte bereits 2010 die Donau entlang. Und das offensichtlich mit Erfolg. Die große Nachfrage im letzten Jahr habe die Entscheidung erleichtert, heuer wieder mitzumachen, sagt Christoph Kratky, Präsident des Wissenschaftsfonds FWF, auf dessen Initiative der Wissensfrachter in heimischen Gewässern unterwegs ist. Unterstützt wird das Projekt vom Wissenschaftsministerium und der Medizinischen Universität Wien.

"Allein an den fünf Tagen, an denen die MS Wissenschaft 2010 in Wien vor Anker lag, haben mehr als 6500 Besucher vorbeigeschaut", sagt Kratky. Insgesamt seien es sogar rund 12.000 gewesen. "Das ist eine Bilanz, die der FWF bislang mit keiner anderen Wissenschaftskommunikations-Initiative erreichen konnte", sagt er weiter. Selbst der Träger des Projekts, Wissenschaft im Dialog (WiD), eine Gemeinschaftsinitiative der deutschen Wissenschaft, soll beeindruckt gewesen sein.

"Das liegt sicher daran", vermutet der FWF-Chef, "dass ein zum schwimmenden Science-Center umgebautes Frachtschiff schon per se attraktiv ist." Schließlich ginge es darum, das Interesse und die Neugier gerade einer jungen Zielgruppe an der Forschung zu wecken. Bis Mitte Juni haben sich bereits über 1200 Schüler für die interaktiv gestaltete Schau angemeldet, die sich heuer der Gesundheitsforschung widmet.

29 Ausstellungsobjekte sind an Bord. Sie sollen zeigen, woran Wissenschafter - von der Grundlagenforschung bis zum praktischen Helfer im Alltag - arbeiten, um Krankheiten zu erkennen, zu heilen und die Lebensqualität der Menschen zu verbessern.

Christine Mannhalter hat sich, sagt sie, spontan entschlossen mitzumachen, weil sie es großartig findet, wie hier Wissen vermittelt wird. Sie und ihr Team vom Klinischen Institut für Labormedizin der Med-Uni Wien gehen der Frage nach, wann lebenswichtige Blutplättchen gefährlich werden. "Diese haben eine lebenswichtige Funktion, weil sie dafür sorgen, dass wir bei Verletzungen nicht zu viel Blut verlieren", erklärt Mannhalter. Das Exponat stellt deshalb auch dar, wie die Plättchen, Thrombozyten genannt, beim Auftreten einer Wunde rasch aktiv werden, diese verschließen und den Blutverlust stoppen.

Allerdings, so wird dem Besucher mittels Textpassagen, Abbildungen und Animationen erläutert, können diese Plättchen auch unerwünschte Mechanismen in Gang setzen: "Wenn die Blutplättchen zu zahlreich oder überaktiv sind, besteht die große Gefahr, dass sie ein Blutgefäß zur falschen Zeit verschließen", sagt Mannhalter. Thrombosen, Herzinfarkt oder Schlaganfall können die Folgen sein.

Blutplättchen und Kreuzweh

Im Falle von zu wenigen oder nicht funktionierenden Blutplättchen wiederum blutet man beim geringsten Anlass oder viel zu lang, führt Mannhalter weiter aus. "Das kann zum Beispiel bei Operationen zu einem großen Problem werden." Die Wissenschafterin und ihr Team forschen daran, die Grundlagen zu verstehen, wie Thrombozyten ticken. "Die Steuermechanismen, zum Beispiel wie viele Plättchen produziert werden und wie aktiv diese sind, sind bisher nur wenig bekannt." Mittel- bis langfristiges Ziel sei es, die Entstehung von arteriellen Thrombosen zu verhindern.

Mit dem Volksleiden Rückenschmerzen beschäftigt sich das zweite heimische Exponat an Bord. Berührt man den Computerbildschirm, werden auch hier Animationen und ein Video gestartet. Mittels 3-D-Darstellung kann man eine Bandscheibe von allen Seiten betrachten und erfährt, wie sie funktioniert und was passiert, wenn sie richtig oder falsch belastet wird. Die allgemeinverständliche Vermittlung medizinischer Forschung sei ihm ein Anliegen, sagt Siegfried Trattnig vom Exzellenzzentrum Hochfeld-Magnetresonanz (MR) an der Med-Uni Wien über die Ausstellung.

Er und sein Team forschten an einer neuen MR-Technik, mit deren Hilfe Kreuzschmerzen behandelt werden können, bevor sie überhaupt spürbar sind. "Wir wollen erklären, welche Bedeutung diese sogenannte biochemische MR für Diagnose und Therapie eines Bandscheibenvorfalls haben", sagt Trattnig. Wichtige Bestandteile der Bandscheibe könnten nun ganz ohne Röntgenstrahlen dargestellt und gemessen werden.

Gezeigt und erläutert wird auch, wie eine neue Therapie nach einer Bandscheibenoperation, die "Bandscheibenzellregeneration", funktioniert und durch die biochemische MR wirksamer und erfolgreicher eingesetzt werden kann. Was es mit dem Wirbelkörper eines Blauwals, der neben dem Exponat steht, auf sich hat, das muss aber jeder Besucher selbst herausfinden. (Markus Böhm/DER STANDARD, Printausgabe, 22.06.2011)


Die MS Wissenschaft ankert von 24. bis 28. Juni in Wien (Schiffsstation Millenium Tower), von 29. bis 30. Juni in Krems-Stein und von 2. bis 4. Juli in Linz (Lentos Kunstmuseum).

Link
www.fwf.ac.at

  • An- und Begreifen ist ausdrücklich erwünscht. Die Schau unter dem Titel "Neue Wege in der Medizin" richtet sich vor allem an junges Publikum. Die Ausstellungsstücke sollen Themen veranschaulichen wie gesunde Ernährung, aber auch medizinische Grundlagenforschung.
    foto: ilja c. hendel / wissenschaft im dialog

    An- und Begreifen ist ausdrücklich erwünscht. Die Schau unter dem Titel "Neue Wege in der Medizin" richtet sich vor allem an junges Publikum. Die Ausstellungsstücke sollen Themen veranschaulichen wie gesunde Ernährung, aber auch medizinische Grundlagenforschung.

  • Die MS Wissenschaft startete am 19. Mai in Stuttgart. Ihre Reise endet am 29. September in Berlin. 35 Städte wird sie bis dahin besucht haben.
    foto: ilja c. hendel / wissenschaft im dialog

    Die MS Wissenschaft startete am 19. Mai in Stuttgart. Ihre Reise endet am 29. September in Berlin. 35 Städte wird sie bis dahin besucht haben.

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