Bildung als Kompensator für die Überalterung

21. Juni 2011, 21:47
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Experten debattierten über die Herausforderung von "Leben und Arbeiten in alternden Gesellschaften"

Pensionsantrittsalter, Pflege, geregelte Zuwanderung - die Alterung der Gesellschaft und ihre Folgen sind zum fixen Bestandteil des politischen Diskurses geworden. Die wissenschaftliche Expertise dazu einzubringen war Ziel des sechsten Forums "Zukunft heißt Innovation" des Verkehrsministeriums, das am Montagabend unter dem Titel Leben und Arbeiten in alternden Gesellschaften - Konzepte und Technologien für den demografischen Wandel im Ares-Tower in Wien stattfand.

Mit Wolfgang Lutz, Leiter des Wittgenstein-Zentrums für Demografie und letztjähriger Wittgensteinpreisträger, war einer der renommiertesten Akteure der Demografieforschung am Podium vertreten. Pro Jahrzehnt steigt die Lebenserwartung in unserer Gesellschaft um zwei bis drei Jahre, oder anders gesagt: "Wir altern jedes Jahr nur von Jänner bis September, der Rest wird uns geschenkt", erklärte Lutz. Was individuell ein erfreulicher Trend ist, kann gesamtgesellschaftlich zum Problem werden.

Halbierung der Arbeitenden

Während im Moment in Europa noch vier Menschen im Erwerbs-alter einem im Pensionsalter gegenüberstehen, kommen bis 2050 nur noch zwei Erwerbstätigen auf einen Pensionisten, sagte Lutz. Selbst wenn die nackten Zahlen dramatisch klingen - der Forscher relativierte: Denn für ein sozial erfolgreiches Zusammenleben gehe es "viel weniger darum, wie viele Menschen in welchem Alter sind, sondern vor allem um die menschlichen Ressourcen wie Bildung und Gesundheit". Jens Dangschat, Stadtforscher und Soziologe an der TU Wien, stimmte ihm zu: "Den Begriff Alter können wir vergessen, es geht darum, wie fähig die Menschen sind."

Mit einem höheren Bildungsniveau kann ein Rückgang der Erwerbstätigen kompensiert werden, meinte Lutz. Sieht man sich die Entwicklung des Bildungsniveaus an, werden etwa in Südkorea die massiven Bildungsinvestitionen sichtbar, während in Österreich seit den 1970er-Jahren eher eine Stagnation zu erkennen sei. Investitionen in den Bildungsbereich hält Lutz daher für prioritär, gemeinsam mit einer Anhebung des Pensionsantrittsalters und geregelter Zuwanderung.

Als weitere Maßnahme, mit der alternden Gesellschaft umzugehen, nannte Enno Arenholz, zuständig für Innovation bei der Voestalpine, die Automatisierung schwerer körperlicher Tätigkeiten. Zusätzlich fördere die Voest mit sogenannten "Life-Programmen" Weiterbildung und Gesundheit ihrer Mitarbeiter.

Auch im privaten Bereich erfordert die Alterung Innovationen. Ingmar Goetzloff vom Dienstleistungsunternehmen Beko war für die Konzeption von Wohnhauslangen bei Linz zuständig, die speziell für ältere Menschen designt worden sind: Automatisches Abschalten von Wasser und Strom bei Verlassen der Wohnung, Sensoren, die in der Nacht dafür sorgen, dass der Weg zum Bad gedimmt ausgeleuchtet wird, und ein adaptiertes Fernsehgerät, mit dem speziell für Senioren aufbereitete Internet-Seiten besucht oder SMS versendet werden können.

Auch bei der Verkehrsplanung wird die Alterung zum relevanten Faktor. Katja Schechtner, Mobilitätsforscherin am Austrian Institute of Technologie AIT, arbeitet derzeit mit Dangschat an einem vom Verkehrsministerium geförderten Projekt zur Optimierung von Verkehrssystemen. Eine wichtige Erkenntnis daraus: Es braucht trotz Alterung kein eigenes Verkehrssystem für Senioren, sondern ein immer differenzierteres System, das für sämtliche Gruppen Verbesserungen bringt. (Tanja Traxler/DER STANDARD, Printausgabe, 22.06.2011)

 

  • Demograf und Wittgensteinpreisträger Wolfgang Lutz: "Wir altern jedes Jahr nur von Jänner bis September, der Rest wird uns geschenkt."
    foto: standard/corn

    Demograf und Wittgensteinpreisträger Wolfgang Lutz: "Wir altern jedes Jahr nur von Jänner bis September, der Rest wird uns geschenkt."

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