Schreiben, pflanzen, reisen, singen, freundlich sein

22. Juni 2011, 18:03
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Was macht Menschen glücklich, was ist Glück überhaupt, wie kann man es messen?

Psychologen, Ökonomen und andere Wissenschafter wollen Ordnung in die vielfältigen Auffassungen vom subjektiven und objektiven Glück bringen.

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Eine Formel ist etwas Schönes. Sie erlaubt uns, ein Thema in Zahlen auszudrücken, Ergebnisse zu vergleichen und Bestenlisten aufzustellen.

Man nehme etwa die durchschnittliche Lebenszufriedenheit in einem Land, kombiniere sie mit der Lebenserwartung in Jahren, dividiere sie durch den ökologischen Fußabdruck, mache das alles in vielen Ländern, und fertig ist der "Happy Planet Index". Die britische New Economics Foundation hat ihn vor fünf Jahren eingeführt. Seither misst sie Nationen daran, wie sehr sie ein ökologisch und psychologisch befriedigendes Leben ermöglichen. Kleine mittelamerikanische Staaten sind führend, europäische sind vor allem im Mittelfeld, afrikanische eher am Ende der Listen zu finden.

Der Index zeigt auch auf wunderbare Weise, wie komplex und konfus die Erforschung des Glücks und seiner Möglichkeiten sein kann und wie viele Fragen offenbleiben. Das beginnt mit dem Namen: Geht es wirklich um globales Glück? Kann man subjektives Erleben durch normative Daten wie Kohlendioxid-Ausstoß sinnvoll dividieren und das Ergebnis über Kontinente hinweg vergleichen? Was erfahren wir über das tatsächliche Glückserleben der Menschen?

Der planetare Index ist nur der jüngste von vielen Versuchen, das Thema "Glück" wissenschaftlich zu erfassen. Da kreuzen sich psychologische mit soziologischen und ökonomischen Ansätzen, auch Neurowissenschafter und Juristen wollen das Glück definieren, vermessen und tunlichst maximieren.

Am Anfang aber stand die Philosophie. Für Aristoteles war das Glück ein höchstes Gut. Jeder soll es in einer Form suchen, die der Menschheit insgesamt zuträglich ist. Nach Jahrhunderten, in denen eher Schuld und Erbsünde als individuelles Wohlergehen den Horizont prägten, formulierte der Utilitarist Jeremy Bentham dann das "hedonistische Kalkül", dem zufolge einer möglichst großen Anzahl möglichst viel Glück zuteil werden soll.

Seither beschäftigte man sich immer detaillierter empirisch mit dem Phänomen. Nicht eine philosophische Forderung, sondern das Faktische dessen, was uns glücklich macht, rückte in den Mittelpunkt. Die Lebensumstände wurden untersucht, die Bedeutung der Arbeit hervorgehoben - manchmal auf Kosten eines Genusses, der nicht im Schweiß des Angesichts verdient werden musste. Auch für Freud setzte sich ein geglücktes Leben aus Liebe und Arbeit zusammen. Sowohl die Sexualforschung wie die Soziologie haben auf ihre Weisen seinen Satz untermauert. Dass erfüllte Sexualität mit Glück zu tun hat, wurde hinlänglich oft bestätigt. Ebenso zeigen Untersuchungen seit der Marienthal-Studie Anfang der 1930er-Jahre immer wieder, wie der Verlust von Arbeit und des damit verbundenen sozialen Zusammenhalts und Selbstwertgefühls besonders unglücklich macht.

Der Anspruch, möglichst alle (zwangs-) zu beglücken, geriet hingegen in Verruf. Aus der Erfahrung des Totalitarismus zog Karl Popper den Bentham entgegengesetzten Schluss: dass der Wunsch, die Menschen glücklich zu machen, das gefährlichste aller politischen Ideale sei.

Bruttosozialglück

Aus dem Summum bonum wurde eine psychologische Variable, ein Fragebogen-Item. Aus der Tatsache, dass die Wissenschafter sich über die objektiven Qualitäten eines glücklichen oder zufrieden stellenden Lebens (der Unterschied wird oft vernachlässigt), wenn es denn solche gibt, nicht einigen konnten, zogen sie den Schluss, das Glück wenigstens subjektiv zu messen: als das, wie sich Menschen auf einer Skala von "sehr" bis "gar nicht glücklich/zufrieden" einstufen.

Sie sehen ihre Situation relativ zu anderen, zu früher, zu Erwartungen an die Zukunft. Sie passen sich in ihren Selbsteinschätzungen auch an, etwa an Behinderungen, die längerfristig das Glücksgefühl nicht signifikant beeinträchtigen; vielleicht weil die Situation, frei nach Tante Jolesch, "noch ein Glück" ist (wobei hier die Fortuna gemeint ist und nicht das geglückte Leben, also "luck" und nicht "happiness").

Daten zur Selbsteinschätzung gibt es tausende. Die Glücksforscher wollen aber auch wissen, womit sie zusammenhängen. Rund die Hälfte des Glückspotenzials soll vererbt sein, mutmaßt der Pädagoge und frühere Harvard-Präsident Derek Bok. Doch woher kommt der Rest?

Vom Geld, sagen die Ökonomen als Erstes. Allerdings nicht über eine gewisse Schwelle hinaus. Das nach Richard Easterlin benannte Paradox mutet auf zweiten Blick nicht paradox an, bestätigt vielmehr, was man eh vermutet hat: Ab der Befriedigung der Grundbedürfnisse geht immer mehr materieller Wohlstand nicht mit gesteigerter Zufriedenheit einher. Daraus folgt, dass sich Politiker die Sinnhaftigkeit eines ewig wachsenden Sozialprodukts überlegen - in Bhutan wurde 1972 das Bruttosozialglück als Messlatte eingeführt, und Sarkozy zog vor kurzem den Wirtschaftswissenschafter Joseph Stiglitz zu Rate bei der Aufgabe, Lebensqualität als Indikator zu integrieren.

Woher kommt das Glücksgefühl noch? Von psychologischen Voraussetzungen und Fähigkeiten, sagt eine wachsende Riege von Experten. Sie stellen den Zusammenhang zwischen der Anzahl an Freunden und der Serotonin-Ausschüttung im Gehirn fest; zwischen körperlicher Gesundheit und konstatierten Glücksgefühlen; oder zwischen dem Gefühl von "Flow" à la Mihàly Czikszentmihàly und Erfolgen in der Arbeit.

Zusammenhänge allerdings bedeuten nicht Kausalität. Ob etwa Gesundheit glücklich macht oder umgekehrt die sonnige Prädisposition den Körper stärkt, lässt sich angesichts einer so "weichen" Wissenschaft wie der positiven Psychologie nicht entscheiden. Deren Vertreter, insbesondere Martin Seligman und Sonja Lyubomirsky, propagieren, dass Glück vor allem eine Frage positiver Einstellungen und Motivationen ist. Das wiederum klingt sehr nach Ratgebern mit einfachsten Lösungsangeboten.

Dann vielleicht lieber gleich zu Brecht greifen, der im Gedicht Vergnügungen, das vom Glück handelt, aufzählt: "Schreiben, Pflanzen / Reisen / Singen / Freundlich sein." (Michael Freund/DER STANDARD, Printausgabe, 22.06.2011)


Das Philosophicum Lech widmet sich vom 21. bis 25. September dem Thema "Die Jagd nach dem Glück. Perspektiven und Grenzen guten Lebens".

Link
www.philosophicum.com

  • Nives Widauer: Stickbild mit Zitat nach John Lennon / Paul McCartney.
    foto: standard

    Nives Widauer: Stickbild mit Zitat nach John Lennon / Paul McCartney.

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DER STANDARD-Schwerpunkt Thema Glück
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    DER STANDARD-Schwerpunkt Thema Glück

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