Der Stoff, der das Gemüt auf Dur stimmt

21. Juni 2011, 19:18
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Serotonin schafft Glück und ist der Wirkstoff in Antidepressiva

Esst mehr Schokolade - sie macht euch glücklich! Vielleicht sind es nicht nur die Aromen: Forschern zufolge könnte die wohltuende Wirkung der Schokolade auch handfeste neurochemische Ursachen haben. Denn Schokolade enthält unter anderem die Aminosäure Tryptophan, die Vorstufe des Botenstoffes Serotonin. Und Serotonin ist ein Stoff, der uns glücklich macht.

In den 1930er-Jahren wurde die Substanz mit der Summenformel C10H12N2O erstmals vom italienischen Pharmakologen Vittorio Erspamer isoliert. Damals war nur ihre kontrahierende Wirkung auf die Blutgefäße bekannt, worauf sich auch ihr Name bezieht: "Spannung erzeugendes Serum" heißt Serotonin wörtlich.

Dass die Substanz auch im Gehirn eine wichtige Rolle spielt, sollte sich erst Jahrzehnte später herausstellen. Heute freilich weiß man: Serotonin stimmt das Gemüt auf Dur. Beziehungsweise umgekehrt formuliert: Wenn von dem Glückshormon zu wenig da ist, herrschen Mollakkorde vor.

"Eines Morgens wachte ich auf und wollte leben. Es war, als sei die Depression von mir gewichen, wie der Nebel im Lauf des Tages aus San Francisco abzieht." Die US-Amerikanerin Elizabeth Wurtzel litt seit ihrer Kindheit an schweren Depressionen und war eine der ersten Patientinnen, die Ende der 1980er-Jahre mit dem Antidepressivum Fluoxetin behandelt wurden. Fluoxetin greift, wie viele andere Antidepressiva auch, in den Serotoninstoffwechsel des Gehirns ein. Die pharmakologische Intervention gab Elizabeth Wurtzel ein normales Leben zurück, der medizinische Erfolg sollte sich jedoch auf anderer Ebene verselbstständigen. Forscher kritisieren, dass Antidepressiva heute zu häufig verschrieben würden und deren Wirkung in Studien oft übertrieben wird - wohl aus wirtschaftlichen Gründen.

Gesichert ist jedenfalls, dass Angststörungen und Depressionen in Ostasien seltener auftreten als in Europa und Amerika. Nach Meinung zweier US-Psychologinnen dürfte das an einer Variante des sogenannten Serotonin-Transporter-Gens liegen. Sie ist nämlich in Asien häufig, in Europa und Amerika relativ selten. Und möglicherweise habe das auch die sozialen Normen beeinflusst. Die Forscherinnen spekulieren, dass die asiatische Gelassenheit und der kulturtypische Hang zum Kollektiv genetische (Mit-) Ursachen hätten. Aber vielleicht gibt es auch viel profanere Erklärungen. Essen Ostasiaten eigentlich mehr Schokolade als wir? (Robert Czepel/DER STANDARD, Printausgabe, 22.06.2011)

 

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DER STANDARD-Schwerpunkt Thema Glück

     

    DER STANDARD-Schwerpunkt Thema Glück

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    In den 1930er-Jahren wurde Serotonin mit der Summenformel C10H12N2O erstmals vom italienischen Pharmakologen Vittorio Erspamer isoliert.

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