Die Selbstblockade der Europäischen Union

Kommentar der anderen | 21. Juni 2011, 18:45

Die EU-Komission verfügt über keine Instrumente, um der Finanzkrise auf Basis einer gemeinsamen Wirtschaftspolitik gegenzusteuern

Was nützen alle Bekenntnisse zu koordiniertem Handeln und Solidarität, wenn die EU-Komission über keine Instrumente verfügt, um der Finanzkrise auf Basis einer gemeinsamen Wirtschaftspolitik gegenzusteuern?

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Aus der europäischen Finanzkrise können zwei Lehren gezogen werden: Erstens, wenn die Einheitswährung unter Druck gerät, hilft nur eines: rechtzeitig und koordiniert handeln. Zweitens sitzen alle Länder der Eurozone letztlich im selben Boot. Wenn das Boot leckt, gehen alle unter.

Die Folgen der Krise und damit ihre Kosten hätten durch eine schnellere und besser koordinierte Reaktion möglicherweise begrenzt werden können. Die Europäische Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF), die im Mai 2010 eilig gegründet wurde, um den Verfall aufzuhalten, wird - wie am Montag in Brüssel avisiert - in Kürze etwa 500 Milliarden Euro als Rettungsfonds zur Verfügung stellen können, falls weitere Euroländer in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Und die Mitgliedstaaten der Eurozone haben sich darauf geeinigt, diesen finanziellen Stabilisierungsmechanismus über das Jahr 2013 hinaus fortzuschreiben und sogar den Lissabon-Vertrag anzupassen, um rechtliche Unklarheiten zu vermeiden.

Trotz all dieser Maßnahmen sind die Märkte von den Solidaritätsbekundungen der Eurozone nicht überzeugt. Die griechischen Staatsschulden wurden auf einen Status unterhalb jenes von Ägypten herabgestuft. Portugal musste die EFSF und den Internationalen Währungsfonds um Hilfe bitten. Irische Banken benötigen offenbar zusätzliche 24 Milliarden Euro, um flüssig zu bleiben. Und Spanien tut sein Möglichstes, um eine Ansteckung zu vermeiden.

Die Ironie liegt darin, dass der Euro ein enorm erfolgreiches Projekt war, das den Teilnehmerländern beachtliche Stabilität gebracht hat. Ohne die Einheitswährung wären viele dieser Länder in eine Abwärtsspirale von Abwertung, Pleite und Abhängigkeit vom Internationalen Währungsfonds geraten.

Bei der Abwehr des schlimmstmöglichen Falls hat die Europäische Zentralbank eine entscheidende Rolle gespielt, aber die offensichtliche Schwachstelle der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion bleibt bestehen: Die Union findet nur auf der Währungsseite statt. Die Wirtschaftsunion, die erfahrungsgemäß entscheidend mit der Stärke und Schwäche des Euro verbunden ist, wurde vernachlässigt.

Die wirkliche Krise Europas hat mit der wirtschaftspolitischen Steuerung zu tun. Die Mitglieder der Eurozone sind mehr und mehr ihre eigenen Wege gegangen und treten sogar offen für nationalistische wirtschaftspolitische Maßnahmen ein, die der Eurozone in ihrer Gesamtheit schaden.

Dies bedeutet nicht, dass allen Ländern eine einheitliche Wirtschaftspolitik aufgezwungen werden sollte, aber Europa benötigt mehr Koordination und Gemeinsamkeit, damit sich zumindest alle in die gleiche Richtung bewegen. Als Beispiel kann die Autobahn dienen, auf der manche Autos schneller und andere langsamer fahren und es doch Mindest- und Höchstgeschwindigkeiten gibt und sich alle nach dem Verkehrsfluss richten müssen.

Darüber hinaus müssen alle Kraftfahrer die Verkehrsregeln beachten, und wer sie bricht, muss dafür zur Verantwortung gezogen und möglicherweise bestraft werden, da ein einziger Raser eine Massenkarambolage verursachen kann, wenn er nicht gestoppt wird. Ebenso ist es mit wirtschaftlicher Steuerung: Anarchie wäre verheerend.

Nicht alte Maßnahmen ...

Sowohl über die Regeln als auch über die unabhängige Institution zu ihrer Durchsetzung muss Einigkeit herrschen. In der letzten Zeit haben die Staatschefs der Europäischen Union auf Gipfeltreffen Fortschritte bei der Benennung einiger wirtschaftspolitischer Bereiche gemacht, in denen bessere Koordination zu mehr Wettbewerbsfähigkeit führen würde.

Beispiele sind die Nachhaltigkeit der Renten, das Verhältnis zwischen Lohn und Produktivität, Unternehmensteuern, Investitionen in Forschung und Entwicklung und die Finanzierung großer Infrastrukturprojekte.

Dieselben EU-Mitglieder haben es allerdings versäumt, die Europäische Kommission mit den Möglichkeiten zu versehen, Mitgliedstaaten in die Pflicht nehmen und Strafen für Übertretungen verhängen zu können. Dieser regierungsübergreifende Ansatz führte dazu, dass der Lissabon-Vertrag den Anspruch, Europa bis 2010 wettbewerbsfähiger und dynamischer zu machen, nicht erfüllen konnte, und dieselben Versäumnisse werden seinen Nachfolger, die neue Strategie "Europa 2020", behindern.

Tatsächlich war der Stabilitäts- und Wachstumspakt, der (hauptsächlich von Deutschland) mit dem Ziel entwickelt wurde, durch Begrenzung der Staatsschulden und Defizite gesunde makroökonomische Politik zu gewährleisten, ein Beispiel fehlgeschlagener Steuerung. Die meisten Mitglieder der Eurozone haben den Pakt inzwischen gebrochen, aber niemand wurde zu den ursprünglich vorgesehenen Strafen herangezogen. Durch kürzlich erfolgte Änderungen wurde ein vernünftigeres und abgestuftes System zur Sanktionierung unwilliger Staaten entwickelt, aber anstatt den von der Europäischen Kommission favorisierten stärker automatisierten Mechanismus zu implementieren, wurde den Mitgliedsländern die Möglichkeit für exzessive Defizite gelassen.

In der Zwischenzeit überwacht die Kommission bereits den Binnenmarkt, einen der größten politischen Erfolge Europas, indem sie die Übereinstimmung der Mitgliedstaaten mit den Binnenmarktregeln überprüft. Außerdem führt sie Vertragsverletzungsverfahren gegen Mitgliedstaaten, die die erforderlichen Direktiven nicht oder nicht rechtzeitig eingeführt haben.

Ebenso hat die EU-Wettbewerbspolitik viele Jahre lang zuverlässig Monopole und den Missbrauch dominanter Marktpositionen bekämpft. Auch hier hat die Kommission die Rolle eines neutralen Richters inne. In manchen Fällen mag es zu Meinungsverschiedenheiten kommen, aber dieses System hat dem gemeinsamen Markt ein Ausmaß an Rechtssicherheit gebracht, das die Mitgliedstaaten der Europäischen Union allein nicht hätten erreichen können.

... nur neu verpacken

Die Herausforderung für die führenden EU-Politiker liegt nun darin, nicht die alten Maßnahmen neu zu verpacken, sondern eine kollektive Vision zu entwerfen und den Willen zu gemeinsamem Handeln zu zeigen. Ich habe mich für ein Gemeinschaftsgesetz eingesetzt, das alle Elemente ökonomischer Steuerung in einem gemeinsamen Rahmen zusammenbringt, mit der EU-Kommission im Mittelpunkt. Ebenso wie beim Programm für den gemeinsamen Markt der 1980er-Jahre könnte die Kommission dafür zuständig sein, die Annäherung nationaler wirtschaftspolitischer Maßnahmen EU-weit anhand bestimmter Parameter zu koordinieren.

Die Abweichung von diesen Parametern würde Warnungen und Sanktionen zur Folge haben, zugleich aber hätten die Mitgliedstaaten einen gewissen Handlungsspielraum, die gemeinsamen Ziele der EU in einer den jeweiligen nationalen Bedingungen entsprechenden Geschwindigkeit umzusetzen. Einige EU-Kommissare könnten sogar die Verantwortung dafür übernehmen, den Prozess zu begleiten und ihm Richtung und Momentum zu geben.

Wenn die europäischen Staaten gestärkt aus der aktuellen Krise hervorgehen wollen, müssen sie in größeren Maßstäben denken und dem gemeinsamen Unternehmen der EU mehr (und nicht weniger) Vertrauen entgegenbringen. Immerhin war die europäische Vereinigung als Projekt gemeinsamer Souveränität gedacht und nicht als Preisgabe von Wohlstand. (Kommentar der anderen, Guy Verhofstadt, © Project Syndicate / Europe's World, 2011; aus dem Englischen von Harald Eckhoff, DER STANDARD, Printausgabe, 22.6.2011)

Guy Verhofstadt, von 1999 bis 2008 Ministerpräsident von Belgien, ist Vorsitzender der liberaldemokratischen Gruppe im Europäischen Parlament.

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biobert
01
23.6.2011, 16:18

...die EU hat sich Geschäfte erwartet, nun hat sie Schulden am Hals. Damit kann sie nicht umgehen. Der ewige Wachstum ist zu Ende!

Don Quixote1
01
23.6.2011, 14:23
"in Kürze etwa 500 Milliarden Euro als Rettungsfonds zur Verfügung stellen können, falls weitere Euroländer in Zahlungsschwierigkeiten geraten. "

Und das internationale Großkapital freut sich schon auf diese weitere 500 Milliarden.
Die stecken das ein und auf die Leidtragenden wird die Polizei losgeschickt.

Ohne weltweiten politischen Schulterschluss geht der Aderlass weiter, bis es kracht. Lieber vorher reformieren.
Zusammenarbeit!!!!!!!!!!!!

minski
00
23.6.2011, 14:21
Rot-Grüne Petition für einen Richtungswechsel in Europa:

http://www.auge.or.at

Monik Vana: "Eine Initiative grüner und sozialdemokratischer EuropaparlamentarierInnen, unterstützt ua von den Grünen und Alternativen GewerkschafterInnen (AUGE): Wir sagen NEIN zu DIESER Europäischen Wirtschaftsregierung und dem weiteren Angriff auf soziale und demokratische Rechte in Europa. Wir wollen eine Sozialunion, die Regulierung der Finanzmärkte und eine verantwortungsvolle Budgetpolitik, die nachhaltiges Wirtschaften ermöglicht und Lohndumping den Kampf ansagt..." http://monikavana.wordpress.com/2011/06/2... in-europa/

tennisplatzis
00
23.6.2011, 14:11
"Ohne die Einheitswährung wären viele dieser Länder in eine Abwärtsspirale von Abwertung, Pleite und Abhängigkeit vom Internationalen Währungsfonds geraten."

Wurde durch den Euro nur aufgeschoben, aber nicht aufgehoben. Nur dass nun auch die (noch) wirtschaftlich stärkeren Staaten in die Spirale mitgerissen werden.

aiuto
02
23.6.2011, 12:44
es rächt sich halt jetzt ganz gewaltig, dass man

den Euro eingführt hat, ohne gleichzeitig die entsprechenden Kontrollmachnismen zu schaffen.
Ein europaäische Finanz- und Wirtschaftspolitik ist schon längst überfällig - natürlich in Verbindung mit einem wirklichen Europäischen Parlament, das auch Gesetze beshcließen kann.
Wo haben sich jetzt eigentlich jene Politiker versteckt, die sich damals bei der überhasteten Euro-Einführung haben feiern lassen ?

blauwal
 
01
23.6.2011, 11:27
handelnde personen

schauen wir uns mal die handelden personen in der eu an. der großteil davon ist im heimatland wegen versagens weggelobt worden. und diese nieten sollen konzepte entwickeln, die die gegenwart u. zukunft der eu sichern sollen???? wie naiv können/dürfen journalisten sein ??

mikromalist
 
02
23.6.2011, 11:26
Ja, der Egoismus der Kommunen ruiniert

die Länder, der Egoismus der Länder ruiniert die Staaten, der Egoismus der Staaten ruiniert Europa. Dazu ruiniert noch der Egoismus des öffentlichen Sektors den Rest der Gesellschaft und der Egoismus der Monopole die Märkte, ....
Über Solidarität wird nur mehr heimlich im Keller gemunkelt.

aiuto
00
23.6.2011, 12:40
drum schafen wir möglichst bald eine Poli- und Verwaltungsebene ab !

mikromalist
 
00
23.6.2011, 14:30
ESU und Regionen wäre ideal.

aiuto
00
23.6.2011, 15:19
was meinen Sie mit ESU (europäische Senioren-Union ?)

Ich denke halt, dass sich die Länder, Regionren schonc seit einiger Zeit überlebt haben. Da Entscheidungen überwiegend schon in Brüssel fallen, können die regionalen Parlamente die Gesetze, Vorschriften etc. ohnehin nur noch durchwinken.
Ebenso könnte man die Betzirkshaupmannschaften durch Zusammenlegunghen auf eine Drittelzahl reduzieren.

mikromalist
 
00
23.6.2011, 20:06
USE mit viel mehr Elementen

direkter Demokratie.

mikromalist
 
00
23.6.2011, 20:03
Oh, USE Sorry.

Alter Knacker
00
23.6.2011, 15:56

naja, die Bürger haben ja eine europäische Verfassung abgelehnt, weil das wäre keine direkte Demokratie. (Obwohl man kann ja nicht durch eine Demo von 10 Leuten vor der nationalen EU-Vertretung etwas für die gesamte EU durchbringen). Aber ohne Verfassung kann auch keine aktuelle Berichterstattung von dem EU-Parlamentssitzungen erfolgen und keine Stellungnahme des Kommissionspräsidenten direkt an das Volk. Aber auf die Art, wie die Leute denken, kann man sich nie zu einem größeren Verband zusammenschließen und diese Eigenbrödelei ist ja auch nicht so besonders erfolgreich.

aiuto
00
23.6.2011, 17:01
aber es wird sich halt doch das Volk formieren und eine europäische Verfassung verlagen müssen,

denn von unserer nationalen Politkergeneration können wir nichts erwarten. Die sind viel zu schwach, um nicht zu sagen, unfäfig, jund ausserdem sind sie bloss auf ihren eigenen Machterhalt bedacht.
Leider ist da keine entsprechende Politikerpersönlichkeit in Sicht, die 10, 15 oder 20 Jahre vorausdenkt.

hsl
00
23.6.2011, 10:31
Buchtipp: The Greek Financial Crisis and the European Union: Germany's dilemma and basic principles to improve the Economic and Monetary Union

https://www.amazon.de/Greek-Fin... 810&sr=8-1

noexist
 
03
23.6.2011, 10:27
Das kanns ja wohl auch nicht sein,

dass das Nichtfunktionieren der Währung zum einzigen Punkt der Regierungsbemühungen wird.

Es geht um reale Wirtschaft. Geld ist dabei nur ein Verwaltungsinstrument.
Wenn es verantwortungslosen Menschen gelungen ist, dieses Verwaltungsinstrument zum Zocken zu mißbrauchen, sollen wir jetzt unser Gemeinschaftsleben voll und ganz darauf ausrichten, dass diese Zockerei nicht gestört wird?
Oder sollten wir nicht einfach mal anfangen über eine andere Form der Verwaltung nachzudenken?

krixi
00
23.6.2011, 04:31
ja, wenn das boot leckt ... man grundelt doch schon. es kann nichts mehr schiefgehen.

märchenonkel
00
22.6.2011, 20:42
EU = Vielvölkerstaat. Wie ging's dem letzten? War das Yugoslavien?

daBart
00
22.6.2011, 22:51

UdSSR war der letzte Vielvölkerstaat mit ähnlichen Problemen wie die EU jetzt. Ging dort aber ziemlich unblutig über die Bühne (Eben wegen dem Schrecken von Jugoslawien).

Gulasch Auge
00
22.6.2011, 22:46
Vielvölkerstaat

gehörte Österreich nicht mal zur Habsburger Monarchie ;-).

Manchmal hilft ein einfacher Blick in die Geschichte um für die Zukunft zu lernen.

Peter_23
00
22.6.2011, 19:44
Was für inhaltsbefreite Phrasen sind das?

Nur aus den ersten beiden Absätzen:

"die EU-Komission über keine Instrumente verfügt"

Was sollen das konkret für neue Instrumente sein? Bitte Klartext, statt so um den heissen Brei herum. Wollen Sie eine Vermögensteuer von 90%?

"Lehre gezogen: hilft nur eines: rechtzeitig und koordiniert handeln."

Aha, und was heisst das rechtzeitig und koordiniert handeln konkret? Wann ist der optimale Zeitpunkt, an was wird dieser Zeitpunkt entschieden. Und was soll gehandelt werden? Reicht als "handeln" etwa, wenn alle Akteure wie die narrischen Hendeln kreuz & quer am Börsehof herumrennen?

Bitte also: Inhalte/Standpunkte benennen. Und das inhaltsfreie Geschwurbel und Schönsprech sein lassen. Danke.

Agnostiker1
00
22.6.2011, 18:31
Das ist sicher, zum Teil jedenfalls, der Notwendigkeit....

..der Einstimmigkeiten geschuldet.

Freund der Sanktionen
15
22.6.2011, 15:30
Ein europäischer Staat muss her

und alle diese Provinzpolitiker gehören für immer in die Pension geschickt...

daBart
11
22.6.2011, 22:53

Ich wäre dafür alle EU-Fanatiker sollen ihren eigenen Staat gründen, der Rest bleibt hier.

Freund der Sanktionen
00
23.6.2011, 13:44
Was bitte ist ein EU-Fanatiker?

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