Wittgenstein im Doppelpack

21. Juni 2011, 18:33
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Der Meeresbiologe Gerhard Herndl und der Molekularbiologe Jan-Michael Peters haben den Wittgensteinpreis 2011 gewonnen, Österreichs wichtigste Auszeichnung für Wissenschafter

Beiden geht es um mikroskopisch kleine, lebende Dinge, die noch unverstanden sind und doch größte Auswirkungen haben. Doch während dem Molekularbiologen Jan-Michael Peters dafür sein Labor am Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie (IMP) genügt, muss sich Gerhard Herndl, Professor für Meeresbiologie und Leiter des gleichnamigen Departments an der Uni Wien, für seine Forschungen auf hohe See begeben.

Was die beiden außer der Molekularbiologie sonst noch gemeinsam haben: Herndl und Peters gehören seit Jahren zu den erfolgreichsten Forschern, die in Österreich tätig sind. Und beide sind ab sofort Mitglieder im vielleicht elitärsten Klub der heimischen Forschung: jenem der Wittgenstein-Preisträger, der mit den beiden auf insgesamt 27 Mitglieder angewachsen ist.

Preis als Motivationsschub

Die immer wieder gern "Austro-Nobelpreis" genannten Auszeichnungen sind für die Forscher einerseits eine große Ehre und ein "unglaublicher Motivationsschub" , wie Jan-Michael Peters bei der gestrigen Preisverleihung betonte. Im Gegensatz zu den "richtigen" Nobelpreisen sind sie andererseits aber nicht Ehrungen für besondere Entdeckungen, sondern Investitionen in die künftige Forschung (siehe Wissen): Die 1,5 Millionen Euro Preisgeld müssen samt und sonders wieder in die Forschung gesteckt werden.

Gerhard Herndl (55) bereitet das "sinnvolle Ausgeben des Preisgelds" auf Standard-Nachfrage "die wenigsten Sorgen" , obwohl er Ende 2010 außerdem noch einen mit mehr als zwei Millionen Euro dotierten ERC-Grant an Land zog, der die europäische Entsprechung des Wittgenstein-Preises ist. "Das Geld wird in junge Mitarbeiter investiert, Molekularanalysen und schließlich auch noch in Expeditionen auf hoher See."

Erst Ende letzten Jahres kreuzte er vier Wochen lang durch den Atlantik, um Proben zu nehmen, die er nun mit seinem Team auswertet. Allein diese Expedition habe rund 400.000 Euro gekostet, "und das war schon ein Selbstkostenpreis" .

Wie kommt ein Binnenlandbewohner überhaupt auf die Meeresbiologie? "Das hat bei mir in der Kindheit mit Waldspaziergängen begonnen" , erzählt Herndl, "mit Wasserkäfern im Gurkenglas. Dann habe ich, als ich so zehn Jahre alt war, Bücher von Hans Hass gelesen und Filme von Jacques Cousteau gesehen. Aber davon bin ich heute als Meeresmikrobiologe weit weg."

Das Spezialgebiet des frischgebackenen Wittgenstein-Preisträgers, der zwischen 1999 und 2008 Professor in den Niederlanden war, sind nämlich die marinen Mikroorganismen und deren Rolle in der Tiefsee, über die wir "wesentlich weniger wissen als über die Oberfläche des Mondes" , wie Herndl bei der Bekanntgabe der Preise durch Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle und FWF-Präsident Christoph Kratky sagte.

Vor allem der Kohlenstoff-Kreislauf in den Tiefen der Ozeane sei unverstanden: "Von den Mikroorganismen in der Tiefsee wird wesentlich mehr Kohlenstoff veratmet, als nach den Theorien zur Verfügung stehen sollte, wie wir 2006 herausgefunden haben." Aus diesem Grund könne man derzeit auch den globalen Kohlenstoffkreislauf nicht vollständig berechnen. Ein Teil dieser Lücke werde in einer bevorstehenden Publikation im US-Wissenschaftsmagazin Science geschlossen – aber darüber dürfe er noch nichts verraten.

Klar ist, dass diese Forschungen von erheblicher Bedeutung gerade auch im Hinblick auf den Klimawandel sind: Schließlich ist in den Weltmeeren in etwa so viel organischer Kohlenstoff gebunden wie im Kohlendioxid in der Atmosphäre.

Sechster Preisträger vom IMP

Ist Herndl der erste Meeresbiologe, der den Wittgenstein-Preis erhält, kommt der aus Deutschland stammende Molekularbiologe Jan-Michael Peters (48) aus einer Disziplin und einem Institut, die seit der erstmaligen Vergabe des Preises im Jahr 1996 mit dieser Auszeichnung schon ziemlich oft bedacht wurden. Peters ist der mittlerweile sechste Preisträger, der am IMP bzw. seinem Schwesterinstitut Imba (beide am Vienna Biocenter) forscht.

Auch Peters' Interesse galt seit seiner Kindheit der Natur und lebenden Wesen. Nach einem Biologiestudium an den Universitäten Kiel und Heidelberg forschte er am Deutschen Krebsforschungsinstitut in Heidelberg und an der Harvard Medical School, ehe er 1996 Gruppenleiter am IMP wurde.

Bereits seit 15 Jahren erforscht Peters, der in den vergangenen Jahren mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, den hochkomplexen Vorgang der Zellteilung, konkret: wie die Erbinformation so weitergegeben wird, dass die Tochterzellen tatsächlich eine identische Kopie der DNA erhalten. Peters und sein Team konnten unter anderem in einem EU-Projekt den ersten Katalog aller menschlichen Gene, die für die Zellteilung notwendig sind, erstellen.

Dabei hat er ein neues Forschungsfeld erschlossen, dem er sich mit dem Preisgeld widmen will: wie nämlich die Erbinformation in den Chromosomen verpackt ist. "Darüber wissen wir noch extrem wenig." Für sein neues Forschungsthema fand er bei der Preis-Pressekonferenz einen anschaulichen Vergleich: Der Zellkern ist nur rund einen Zehntausendstel Millimeter groß, und dennoch muss darin die rund 3,6 Meter lange DNA Platz finden. "Hätte der Zellkern die Größe eines Fußballs, müsste darin eine fein säuberlich aufgewickelte Schnur von 160 Kilometern Länge Platz finden."

Die Verpackung der Erbinformation und Vorgänge bei der Zellteilung sind dabei aber nicht nur eine zentrale Frage in der zellbiologischen Grundlagenforschung. Ähnlich wie auch Herndls Forschungen sind auch die von Peters von praktischer Relevanz: Denn Störungen bei der Aufteilung der Chromosomen auf die Tochterzellen können die Gesundheit massiv beeinträchtigen und zu Krebserkrankungen führen oder, wenn Eizellen betroffen sind, zu Behinderungen wie dem Down-Syndrom. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 22.06.2011)

=> Wissen: Wittgenstein- und Start-Preise


Wissen: Wittgenstein- und Start-Preise

Sie sind Österreichs wichtigste Wissenschaftsauszeichnungen und zugleich auch die wichtigsten Förderinstrumentarien für Spitzenforschung in Österreich: die seit 1996 vergebenen Wittgenstein- und Start-Preise. Der Wissenschaftsfonds FWF nimmt immerhin 12,6 Millionen Euro (oder rund sieben Prozent seines jährlichen Budgets) in die Hand, um damit die Forschungen der zwei Wittgenstein- und der acht Start-Preisträger in den nächsten fünf bzw. sechs Jahren zu finanzieren. Das "bestens investierte Geld" (Wissenschaftsminister Töchterle) kommt dabei freilich nicht nur den zehn Prämierten, sondern in erster Linie ihren jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zugute. (tasch)

  • Die neuen Spitzen der österreichischen Forschung (v. li.): Alwin Köhler, Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle, Agata Ciabattoni, Peter Balazs, Gerhard Herndl, Thomas Müller, Sebastian Diehl, Jan-Michael Peters, Peter Rabl, FWF-Präsident Christoph Kratky, Philip Walther und Michael Sixt.
    foto: standard/corn

    Die neuen Spitzen der österreichischen Forschung (v. li.): Alwin Köhler, Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle, Agata Ciabattoni, Peter Balazs, Gerhard Herndl, Thomas Müller, Sebastian Diehl, Jan-Michael Peters, Peter Rabl, FWF-Präsident Christoph Kratky, Philip Walther und Michael Sixt.

  • Gerhard Herndl forscht über Mikroben in der Tiefsee.
    foto: standard/corn

    Gerhard Herndl forscht über Mikroben in der Tiefsee.

  • Jan-Michael Peters untersucht, wie sich Zellen teilen.
    foto: standard/corn

    Jan-Michael Peters untersucht, wie sich Zellen teilen.

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