Essen nach der Ehec-Krise

21. Juni 2011, 18:20
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Essen ist schuld an der Hälfte der Krankheiten - aber Bakterien sind fast nie Auslöser

Wien - Sind Biogasanlagen für den Gemüseanbau gefährlich? Wie viel Antibiotika sind eigentlich im Zuchtfischteich? Und kann eine Dose Krautfleckerl wirklich eineinhalb Jahre haltbar sein? Die Publikumsfragen beim Montagsgespräch zeigten: Wenn es ums Essen geht, ist die Verunsicherung nicht nur groß, sondern auch sehr breit gestreut.

Diese etwas beseitigen sollten Pamela Rendi-Wagner, studierte Epidemologin und Generaldirektorin für öffentliche Gesundheit, Johannes Abentung, Direktor des Bauernbundes, Wolfgang Kneifel, Professor für Ernährungssicherheit an der Universität für Bodenkultur in Wien und Kurt Widhalm, Professor für Ernährungsmedizin am Wiener AKH.

"Keime, Viren, gefährliche Bakterien - was kann man noch essen?" , war nach der Ehec-Epidemie das Thema der Diskussionsrunde - dabei ist diese Trias meist nicht schuld, wenn Österreicher von ihrem Essen krank werden, waren sich alle Gesprächsteilnehmer einig.

Wer sucht, findet

Zwar würden immer öfter Fälle von kontaminierten Lebensmitteln bekannt - das liege aber ausschließlich an besseren Kontrollen: "Wer mehr sucht, der findet mehr" , fasste Rendi-Wagner das Phänomen zusammen. Die Lebensmittelsicherheit habe sich dank besserer Verarbeitungs- und Testmethoden drastisch erhöht, sagte Kneifel. Früher seien zahlreiche Menschen etwa an Tuberkulose aus der Rohmilch gestorben - heute lauere die wahre Gefahr ganz woanders.

"50 Prozent aller Krankheiten sind heute ernährungsbedingt" , warnte Widhalm. Schuld sei aber falsche Ernährung: Zu viel Fett und Fleisch, zu wenig Gemüse undBewegung. Das führe dazu, dass mittlerweile schon 15-jährige Jugendliche an Typ-2-Diabetes erkrankten - ein Phänomen, das bisher in den klinischen Lehrbüchern nicht beschrieben ist.

Was also tun? Möglichst früh über gesunde Ernährung aufklären und die Lehrer besser schulen, war Rendi-Wagners Antwort. Und weil Gesundheit oder besser, Krankheit, ein soziales Problem sei, sozial schwache Schichten also öfter krank würden, müsse hier besonders auf Gerechtigkeit geachtet werden. Wie genau, ließ sie offen. Widhalm und Kneifel konnten sich vorstellen, Ernährungswissenschaft und Medizin näher zueinander zu bringen und in einer Kooperation von Boku und AKHfür Aufklärung zu sorgen.

Billig gesund

Klarer war, was nicht reicht, um sich sicher gesund zu ernähren: "Biogemüse hat aus wissenschaftlicher Sicht keine anderen Inhaltstoffe als konventionelle Nahrungsmittel" , stellte Kneifel klar. "Und auch preisgünstige Produkte, die nicht Bio sind, können gesund sein."

Regionalität sei mittlerweile der wichtigere Trend als Bio-Anbau, meinte Abentung. "Die Konsumenten haben eine Sehnsucht nach Überschaubarkeit und Kontrolle, die regionale Lebensmittel befriedigen können." Weil es oft für Käufer unmöglich sei nachzuvollziehen, woher ein Produkt komme, forderte er einmal mehr eine neue Regelung für Herkunftskennzeichnungen von Lebensmitteln.

Zum Schluss wurden noch die Fragen der besorgten Zuhörer beantwortet: Biogasanlagen sind keine Brutstätte für mutierte Keime. In Zuchtfischbecken außerhalb Europas könnten schon einmal zu viele Antibiotika landen, die Importeure würden meist aber sehr genau hinsehen. Und Krautfleckerln in der Dose sind zwar vielleicht kein kulinarischer Genuss - krank machen sie aber auch nach eineinhalb Jahren nicht. (Tobias Müller, DER STANDARD Printausgabe, 22.6.2011)

  • Biogemüse schmeckt vielleicht besser, ist aber nicht gesünder
    foto: standard/corn

    Biogemüse schmeckt vielleicht besser, ist aber nicht gesünder

  • Früher gab es mehr Krankheiten durch infiziertes Essen, sagt Pamela Rendi-Wagner, Direktorin für öffentliche Gesundheit
    foto: standard/urban

    Früher gab es mehr Krankheiten durch infiziertes Essen, sagt Pamela Rendi-Wagner, Direktorin für öffentliche Gesundheit

  • 50 Prozent aller Krankheiten seien ernährungsbedingt, sagt Mediziner Kurt Widhalm
    foto: standard/urban

    50 Prozent aller Krankheiten seien ernährungsbedingt, sagt Mediziner Kurt Widhalm

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