Mangel in der Seele wird zum Mangel im Körper

21. Juni 2011, 18:42
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Ayurveda-Ärztin über "Wissenschaft vom Leben": "Wir koppeln unser Glück an die Außenwelt"

Colombo/Wien - Ayus bedeutet Leben. Veda wiederum steht für das Wissen. "Ayurveda ist also die Wissenschaft vom Leben", erklärt Weeramuni Chandrika den Sanskrit-Begriff. Sie ist Ärztin in der sri-lankischen Küstenstadt Bentota und Spezialistin für die Behandlung mit der traditionellen indischen Heilkunst.

Ayurveda ist in Sri Lanka integraler Bestandteil des Alltags: Jedes körperliche Gebrechen, jedes Wehwehchen und jede ernste Krankheit hat seinen Ursprung oder Spiegel in der seelischen Dysbalance, glaubt man hier. "Unser physisches, mentales, emotionales und spirituelles Empfinden ist nicht voneinander trennbar," sagt die 48-Jährige. Sie wundert sich, dass der Kreislauf von immer mehr Besitz, mehr Stress und der wachsenden Sorge um beispielsweise den Zustand der neuen Limousine von so vielen Menschen nicht begriffen und - falls doch - nicht durchbrochen wird.

Die Kehrseite des Wohlstands

"Vor allem Menschen in den Industrienationen scheinen nie zufrieden", so ihr Urteil. Sie behandelt viele Patienten aus Europa, den USA oder Japan. In Sri Lanka, wo Armut durchaus noch verbreitet und die medizinische Versorgung höchstens mittelmäßig ist, würde sie nicht auf so viel Krankheit und Unglück stoßen.

Mit dem Ende des Bürgerkriegs in Sri Lanka vor zwei Jahren beschleunigte sich das Wirtschaftswachstum der Insel. Immer mehr Sri-Lanker würden jetzt den Statussymbolen hinterherhetzen, die sie sich plötzlich leisten können. Mit dem Wohlstand wuchs die Unzufriedenheit. "Die Krankheiten mehren sich", beobachtet Chandrika. "Teure Handys, große Fernseher, eine größere Wohnung - Wir koppeln unser Glück an die Außenwelt." Mangel in der Seele wird zum Mangel im Körper, so einfach ist die Rechnung.

Die Dreifaltigkeit von Ernährung, Bewegung und geistigen Ruhephasen ist auch in der westlichen Medizin vertreten. Dass bei dieser jedoch sofort zu Medikamenten gegriffen wird, bevor hinter den Vorhang des körperlichen Leidens geblickt wird, kritisiert die Ärztin, die auch schulmedizinisch ausgebildet ist. Sie selbst habe in ihrem Leben noch nicht einmal ein Aspirin genommen, lacht sie. (juh, DER STANDARD Pringausgabe)

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    DER STANDARD-Schwerpunkt Thema Glück

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