Fußball verbindet, vor allem weiße Männer

22. Juni 2011, 07:00
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Dem Fußballvergnügen können sich nur weiße, heterosexuelle Männer uneingeschränkt hingeben - Eine Studie nahm Sexismus, Homophobie und Rassismus im Fußball unter die Lupe

Jeder/jede zehnte FußballspielerIn ist homosexuell. Zumindest müsste das laut Statistik in Deutschland so sein. De facto gibt es aber bei den ProfifußballerInnen in der ersten oder zweiten Bundesliga kein einziges Bekenntnis zur Homosexualität. Trotz des oft hervorgehobenen integrativen Charakters von Fußball, bei dem sich Menschen verschiedenster sozialer und ethnischer Herkunft in die Arme fallen, ist auch unbestritten: Bei Homosexualität hört sich der Spaß auf. 

Eine Studie der Friedrich-Eberl-Stiftung nimmt sich den homophoben, sexistischen und auch rassistischen Tendenzen im Fußball an und schlägt Strategien und Maßnahmen vor, um Ausgrenzungen und Diskriminierungen zu verringern. Dafür beinhaltet die Studie "Hetero, weiß und männlich? Fußball ist viel mehr!" neben dem Abschnitt über die wissenschaftlichen Analysen einen umfangreichen Teil über politische und strukturelle Maßnahmen.

Schwule und Frauen als "die anderen"

Zuvor weist die Studie allerdings auf das hin, was eigentlich überall sichtbar ist: die Selbstverständlichkeit der männlichen Dominanz. Alles andere als "normal" im Fußballkontext sind demnach Frauen und schwule Männer, sie sind "die anderen". Bei Frauen funktioniert diese Markierung laut Studie zum Beispiel über den Naturalisierungsdiskurs. Zwar sei man sich auch bei kleineren Dorfmannschaften mittlerweile bewusst, dass eine offene Ächtung von Fußball spielenden Frauen nicht mehr drin ist. Um Frauen aber dennoch draußen zu halten, bediene man sich des allseits beliebten Rückgriffes auf die Natur, die halt einfach so ist wie sie ist: langsamer, körperlich unterlegen oder schlechter im Zweikampf, fasst die Studie ein paar dieser altbekannten Sager über die sportlichen Leistungen von Frauen zusammen.

1955 folgte das Verbot für Frauen

Dass die scheinbare Symbiose zwischen Männern und Fußball aber alles andere als naturgegeben ist, zeigt ein Schwenk in die Geschichte. Frauen hatten seit den Anfängen des Fußballsports an dem "sehr körperbetonten wilden Volkssport partizipiert, aus dem sich in England im 19. Jahrhundert der moderne Fußball entwickelte", so die Studienautorinnen Nina Degele und Caroline Janz. In Abwesenheit der Männer erfuhr der Sport während des ersten Weltkrieges einen Aufschwung, erst in den 20er-Jahren avancierte Fußball zum prestigeträchtigen Massensport und die Frauen spielten zeitgleich immer weniger. Der Ausschluss von Frauen gipfelte in Deutschland 1955 im Frauen-Fußball Verbot des DFB. Die offizielle Begründung: "Der harte Sport würde nicht nur der Psyche der Frau widersprechen, sondern auch ihrer Gebärfähigkeit und sei damit gesundheitsschädigend." Schon damals wurden somit die Naturalismus-Geschütze aufgefahren, die sich bis heute ganz gut gehalten haben (Kommentar: Ganz brav auf sexy Hexy).

Ab 1970 durften Frauen in Deutschland endlich wieder spielen, allerdings mit Sonderregelungen, wie etwa kürzere Spielzeit und mit einem leichteren Ball. Die verhinderte Gleichsetzung mit dem "Männer-Fußball" schlug sich natürlich in finanziellen Belangen nieder: 1974 verdienten Männer bereits 35.900 Euro für einen WM-Gewinn, für die Fußballerinnen gab noch über zehn Jahre später nur ein Kaffeeservice. Doch auch im Jahre 2011 kann frau darüber nur mäßig schmunzeln, denn noch heute verdienen männliche Profis das Vierfache von dem, was Fußballerinnen bekommen.

Die Dusche ist noch immer Thema

Das zweite große "Andere" im Fußball sind Schwule. Homosexualität entpuppte sich in den 18 Gruppendiskussionen, die über dieses Thema für die Studie geführt wurden, als besonders heikle Angelegenheit. Schwulsein schön und gut, im Stadion wolle man aber davon nichts sehen, fassen die Autorinnen zusammen. Würden Schwule ihre Sexualität offen zeigen, könnten sich die Heteros nicht mehr gefahrlos in den Arm nehmen, rekonstruiert die Studie die Ängste im Stadion: "Schwule im Stadion konfrontieren die sich vor Freude in den Armen liegenden Geschlechtsgenossen mit der Frage, was möglicherweise Schwules an ihnen sein könnte." Unsicherheiten mit Homosexualität wurden in den Diskussionen auch mit einem Anstrich von Toleranz in Kombination mit Witzen kaschiert ("desch heut nemme so schlimm, weil´s heut koina Soifa meh gibt"). Die Distanznahme zur Homosexualität zieht sich von dem omnipräsenten Begriff "Schwuchtel" bis zur vermeintlich betont lockeren Haltung gegenüber Schwulen.

Lieber homophob als Rassist

Neben dem Ausschluss von Frauen und Homosexuellen thematisiert die Studie auch Nicht-Deutsche und Deutsche mit Migrationshintergrund als marginalisierte Gruppe im Stadion. Während es beim Thema Homosexualität mit der Bemühung um das Vokabular nicht weit her ist, wird in puncto Rassismus schon mehr Vorsicht an den Tag gelegt. Auch zieht Rassismus im Fußball derzeit härtere Sanktionen als Homophobie nach sich. "Als 2007 beispielsweise ein Torwart den Spieler Gerald Asamoah mit 'schwarze Sau' beleidigte, behauptete er danach, Asamoah nicht als 'schwarze', sondern 'nur' als 'schwule Sau' bezeichnet zu haben. Das Sportgericht senkte daraufhin die Strafe von sechs auf drei Spiele Sperre", so die Autorinnen. 

Degele und Janz thematisierten auch weitaus tiefer liegende Rassismen: Bei der WM 2010 wurde zwar der internationale Charakter des Männer-Nationalteams hervorgehoben, auf der anderen Seite wurden aber auch ethnisch-nationale Denkmuster sichtbar. So wurden etwa "deutsche Tugenden" gepriesen, die zum Erfolg geführt hätten. 

"Mixen statt trennen"

Wie sind diese diskriminierenden Strukturen im Fußball in den Griff zu bekommen? Durch die Praxis, schlagen die Autorinnen vor: Denkpraxis, Sprechhandlungen oder Verhaltensweisen sollen jene Verhältnisse ändern, die letztendlich auch nur von Menschen gemacht wurden. Ein konkreter Vorschlag der Autorinnen ist z.B. "mixen statt trennen", denn die Differenzierung entlang Alter und Geschlecht halten sie für fraglich. Geschlechterübergreifendes Training könnte laut Studien-Autorinnen ein Rezept gegen stereotype Zuschreibungen sein, „zumal die Unterschiede unschwer und nicht selten unbewusst in Ab- und Aufwertungen überführt werden". Sensibilisierungsarbeit mit TrainerInnen, Fanbeautragten oder sonstigen Verantwortlichen sollten auch auf der Agenda stehen. Klare Positionen in Sachen Rassismus, Homophobie und Sexismus muss es aber allen voran von Verbänden wie dem DFB geben. Denn diese würde sich letztlich auf die Berichterstattung auswirken. (beaha, dieStandard.at, 22. Juni 2011)

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    Die Studie "Hetero, weiß und männlich? Fußball ist viel mehr!"schaute sich im Fußball nach struktureller Diskriminierung um.

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