Es macht klug, und zwar auf Dauer

21. Juni 2011, 18:00
27 Postings

Es gibt viele Theorien und so viele Wege zum Glück, wie es Menschen gibt - Die ersten Schritte auf diesem Weg sind für alle gleich: Fühlen und Lernen

Was ist Glück? Und wie kann man es erreichen? Von jeher zerbrechen Menschen sich darüber die Köpfe. Fast alles, was sich über kluge Lebensführung und den Umgang mit Gefühlen sagen lässt, wurde von einem weisen Menschen irgendwann auch gesagt; doch leider dauerte es nie lange, bis ein anderer das genaue Gegenteil behauptete. So haben sich die Menschen in den westlichen Ländern zu ihrem Schaden an den Mythos gewöhnt, auf das Glück hätte man wenig Einfluss; man könne nicht einmal genau sagen, was Glück eigentlich sei.

Unsere Ratlosigkeit ist zu einem guten Teil einer Sprachverwirrung geschuldet. Denn gerade das Deutsche ist in Sachen Glück beklagenswert ungenau. Wohl hat unsere Kultur den eigentümlichen Begriff "Weltschmerz" erfunden, der sich in andere Sprachen kaum übersetzen lässt; dafür müssen wir für "Glück haben" und "Glück empfinden" mit einem Begriff auskommen. Die meisten europäischen Sprachen trennen immerhin da sauber, das Englische etwa kennt "luck" und "happiness". Wem dieser Unterschied bewusst ist, der wundert sich weniger darüber, dass Menschen sehr wohl zugleich vom Pech verfolgt und glücklich sein können. Tatsächlich tragen die äußeren Bedingungen unseres Lebens erstaunlich wenig zu unserer Lebenszufriedenheit bei. Zu diesem Schluss kommt die moderne Sozialpsychologie: Alle Faktoren wie Einkommen, Familienstand, Wohnsituation und so weiter zusammengenommen erklären weniger als fünfzehn Prozent der Stimmungsabweichungen zwischen dem Dauerjammerer und dem ewig strahlenden Sonntagskind.

So haben uns denn auch die enormen Zuwächse an Wohlstand und Freizeit, die uns seit den Nachkriegsjahren beschert waren, keinen Deut fröhlicher gemacht. Seit den eher kargen 1950er-Jahren erklärt sich gleichbleibend nur ein wenig mehr als die Hälfte der Deutschen mit ihrem Leben zufrieden. In Österreich ist dieser Anteil sogar noch kleiner. Wenn Politik dafür zuständig sein soll, dass die Bürger sich wohlfühlen, dann hat sie versagt.

Zufriedenheit ist was anderes

Allerdings ist Lebenszufriedenheit zwar eng verwandt mit Glück, aber doch nicht dasselbe. Beide verhalten sich ungefähr so zueinander wie eine Filmkritik zu den Erlebnissen beim Ansehen des Films. Glück zu empfinden ist wie im Kinostuhl sitzen, denn Glück ist nach Auffassung der heutigen Neuropsychologie ein elementares Gefühl - eine unmittelbare Reaktion auf etwas, was uns widerfährt oder was wir uns vorstellen. Glück spielt stets in der Gegenwart. Es kümmert nicht um Glaubensvorstellungen, philosophische Konzepte, selbst die Nachbarn sind ihm egal.

Lebenszufriedenheit dagegen ist die Bewertung vergangenen und erwarteten Glücks. Dabei spielen Vergleiche eine wichtige Rolle. Man lässt seinen Tag, die Wochen und Jahre Revue passieren und fragt sich, wie es sein sollte. Wenn der Kollege aus der eigenen Abteilung neuerdings einen Wagen auf dem Firmenparkplatz abstellt, den man selbst sich schon lange gewünscht hat, aber nicht leisten kann, macht die Lebenszufriedenheit einen Tauchgang. Ein großer Erkenntnisfortschritt der letzten beiden Jahrzehnte war, dass man über Glück und Lebenszufriedenheit nicht nur philosophieren kann - beide lassen sich messen. Eine Zahl für die Lebenszufriedenheit ergibt sich, wenn man die Menschen bittet, ihrem Wohlbefinden Schulnoten zu geben - und dabei einkalkuliert, wie sehr oder wie wenig es in ihrer Kultur angesehen ist, wenn sich einer beschwert. Unterlässt man diese Korrektur, würden die Deutschen und Österreicher noch missmutiger, die US-Amerikaner dagegen weit zufriedener scheinen, als sie tatsächlich sind.

Glück dagegen lässt sich an Veränderungen im Gehirn ablesen. Mit sogenannten bildgebenden Verfahren ist in der jüngsten Zeit möglich geworden, Menschen in Echtzeit buchstäblich in die Köpfe zu sehen, wenn sie denken, fühlen oder entscheiden. Dabei stellte sich heraus, dass in unseren Köpfen eigene Schaltungen für Freude, Lust und Euphorie eingerichtet sind - wir haben ein Glückssystem. Es funktioniert, indem im Gehirn spezielle Botenstoffe wie die Endorphine und Dopamin freigesetzt werden. So, wie wir mit der Fähigkeit zu sprechen auf die Welt kommen, sind wir auch für die guten Gefühle programmiert. Glück ist lebensnotwendig.

Neue Maschen im Geflecht

Die Mechanismen, die solche Emotionen hervorrufen, sind angeboren. Doch wie und wie oft wir sie gebrauchen, haben wir in der Hand. Glück kann man lernen. Eine der großen Überraschungen der Neurowissenschaft der letzten Jahre war, wie sehr sich das Gehirn auch eines Erwachsenen noch verändert. Wann immer wir etwas lernen, verändern sich die Schaltkreise in unserem Gehirn, neue Maschen im Geflecht der Nervenzellen werden geknüpft. Nicht nur Gedanken, sondern erst recht Emotionen bringen diese Umbauten in Gang. Das heißt: Mit den richtigen Übungen, etwa durch Schulung der Aufmerksamkeit, kann man seine Glücksfähigkeit steigern. Wir können unsere natürliche Anlage für die guten Gefühle trainieren, so, wie wir uns eine Fremdsprache aneignen.

Im Gehirn sind Gedanken und Gefühle wie zwei Seiten derselben Medaille. Weil Glück und Lernen zusammenhängen, sind wir in diesem Zustand kreativer. Glück macht klug, und zwar nicht nur für einen Augenblick, sondern auf Dauer. Positive Emotionen lassen die Nervenverbindungen im Gehirn wachsen. "The brain runs on fun", sagen die Amerikaner.

Glückliche Menschen lösen Probleme besser und schneller. Sie sind aufmerksamer und eher bereit, das Gute in anderen zu sehen. Sie setzen sich mehr für das Gemeinwohl ein und schaffen es bei Verhandlungen besser, allen Beteiligten zu ihrem Recht zu verhelfen. Glück ist also ein Lebensziel und zugleich ein Weg zum besseren Leben. "Freude ist der Übergang des Geistes in einen perfekteren Zustand", schrieb Baruch Spinoza. Die Neurowissenschaft gibt ihm recht.

Wie und warum die guten Gefühle entstehen, ist von der Evolution vorgegeben. Doch je nach Kultur, Lebensgeschichte und individuellen Anlagen füllt jeder diesen Rahmen etwas anders aus. Die wichtigste Übung auf dem Weg zum Glück ist darum die, sich selbst kennen zu lernen. Es gibt sieben Milliarden Menschen, und sieben Milliarden Wege zum Glück. (Stefan Klein//DER STANDARD, Printausgabe, 22.06.2011)

Stefan Klein (46), Physiker, Philosoph und Wissenschaftsautor. Er studierte Physik und Philosophie in München, Grenoble und Freiburg. Sein Buch "Die Glücksformel" erschien 2002 und wurde zum Bestseller. Weitere Werke: "Alles Zufall", "Zeit", "Da Vincis Vermächtnis oder Wie Leonardo die Welt neu erfand" und "Der Sinn des Gebens". Stefan Klein lebt in Berlin, ist mit der Wissenschaftsjournalistin Alexandra Rigos verheiratet und hat drei Kinder.

  • DER STANDARD-Schwerpunkt Thema Glück
    foto: standard

    DER STANDARD-Schwerpunkt Thema Glück

  • Nives Widauer: Stickbild mit deutschem Sprichwort und finalen Schlingen.
    foto: standard

    Nives Widauer: Stickbild mit deutschem Sprichwort und finalen Schlingen.

Share if you care.