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21. Juni 2011, 17:29
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Die Suche nach einem volkswirtschaftlichem Indikator, der neben Wirtschaftsdaten Wohlbefinden inkludiert, boomt

Wien - Das Computerspiel Sim City ist idiotensicher. Ziel ist es, eine florierende Stadt aufzubauen. Der Schlüssel zum Erfolg liegt im Glück der eigenen Bürger: Wer in seiner Stadt Sportstadien, Parks und Yachthäfen errichtet, macht die Sims am Bildschirm glücklich. Gefängnisse in der Nachbarschaft, Kriminalität und fehlende Unterhaltungsmöglichkeiten führen dagegen zum Verfall der Stadt.

Im wirklichen Leben ist die Sache etwas komplexer. Aber rein ökonomische Maßeinheiten wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP) reichen auch in der Realität nicht aus, um die Zufriedenheit einer Gesellschaft korrekt abzubilden.

Ausgehend von dieser Erkenntnis erlebt Europa seit zwei Jahren einen Boom bei der Suche nach alternativen Indikatoren zur Messung von Wohlstand. In England befragt das nationale Statistikamt ONS heuer erstmals 200.000 Inselbewohner nach ihrem Wohlbefinden. Der deutsche Bundestag hat eine Enquete eingesetzt, um ergänzende BIP-Messgrößen zu finden. Das Neue an den Initativen ist nicht das Interesse am Bürgerbefinden. Meinungsforscher fragen danach ständig. Neu ist, dass nationale Statistikämter sich dem Thema widmen.

Better Life Index

Doch die ersten Ergebnisse der neuen Glücksforscher wecken auch Zweifel am Unterfangen. Die OECD hat im Mai erstmals einen "Better Life Index" herausgebracht, in dem 34 Staaten hinsichtlich Faktoren wie Bildung, Einkommen, soziale Netzwerke und Lebenszufriedenheit verglichen werden. Spannend ist der Indikator, weil auf der OECD-Webseite jeder die Faktoren selbst gewichten kann und sich dadurch theoretisch andere Länderrankings ergeben. Allerdings sind die Ergebnisse wenig überraschend. Die höchste Lebensqualität gibt es in Australien, Kanada und Norwegen. Türkei, Mexiko und Chile sind die Schlusslichter. Ein bisschen Bewegung kommt in die Sache, wenn man im Ranking dem Faktor Selbstzufriedenheit und Work-Life-Balance (Verhältnis Arbeitszeit und Freizeit) besonders viel Gewicht beimisst. Dann rutscht Mexiko im Ranking auf eine Stufe mit Portugal und Ungarn. Viel mehr tut sich nicht. Wird da also am Ende nicht viel Geld für völlig erwartbare Resultate ausgegeben?

"Wir befinden uns erst in der Experimentierphase", erwidert Martine Durand, Chefstatistikerin der OECD. Obwohl die Organisation mit ihrem Index vorpreschte, beruht ein entscheidender Teil der Daten auf inoffiziellen Statistiken. Die Daten zu Zufriedenheit und sozialen Netzwerken beruhen außerhalb Europas auf Gallup-Umfragen was jede Vergleichbarkeit erschwert.

Doch das ist nur ein Teil des Problems. Kopfzerbrechen bereitet den Statistikern vor allem der Punkt subjektives Wohlbefinden. Bei den Sims lässt sich per Mausklick herausfinden, wie zufrieden die Bürger sind. Im wahren Leben sind diese launischer. Befragt man Menschen danach, ob sie glücklich sind, bekommen Statistiker ein anderes Ergebnis, als wenn sie nach allgemeiner Lebenszufriedenheit löchern. In frühestens vier bis fünf Jahren rechnet die OECD daher mit einem fixen Set an alternativen BIP-Indikatoren.

Nachhaltigkeit

Noch nicht einmal im Ansatz steht dagegen fest, wie das Thema Nachhaltigkeit eingefangen werden soll. Neben materiellem Wohlstand und Zufriedenheit sollen neue Indikatoren auch den Faktor Umweltschutz abbilden.

In der Zwischenzeit grassiert zudem die Furcht vor einem Daten-Wildwuchs. Das bestechendste am BIP-Konzept ist, dass die Zahlen überall gleich errechnet werden und daher vergleichbar sind. Wenn nun Berlin, Paris und London am Ende unterschiedliche Indikatoren entwickeln, bleibt also doch nur das BIP als Vergleichsbasis übrig. Der Brite Andrew Oswald, einer der führenden Glücksforscher in der Ökonomie, spricht von Startschwierigkeiten: "Schließlich hat es auch lange gedauert, bis das BIP überall anerkannt war." (András Szigetvari, DER STANDARD, Printausgabe, 22.6.2011)

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STANDARD-Schwerpunkt Thema Glück

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