Stillstand als "wichtigstes Kapital"

21. Juni 2011, 17:28
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Michael Stolhofer, Intendant der Szene Salzburg, tritt ab - im Gespräch stellt er dar, wie wichtig es ist, sich von politischen Einflüssen auf eine Institution fernzuhalten

Salzburg - Nicht alle Salzburger haben Michael Stolhofer gleich gern. Doch in Österreich und einem Gutteil Europas gilt er als begnadeter Kurator, der es über drei Jahrzehnte hinweg geschafft hat, das Tanz- und Performancefestival Sommerszene Salzburg immer wieder neu zu erfinden. Im April 2012 gibt er - die Ausschreibung läuft bereits - seine Staffel ab.

Standard: Brauchen Sie mehr Freiheit?

Stolhofer: Nein, ich fühle mich nicht unfrei. Mein Job inkludiert ein Freiheitsprivileg, das heute nicht mehr selbstverständlich ist. Bei Gründung des Vereins "Szene" Ende der 1960er war Selbstbestimmung das Um und Auf. Wir sind personell nie in die Nähe der Politik geraten, bringen bis zu 60 Prozent unseres Budgets selbst auf, und der Rest ist auf vier Subventionsgeber aufgeteilt.

Standard: Die Szene ist ja nicht nur das Sommerszene-Festival, sondern auch das "Republic"-Haus, das ganzjährig läuft ...

Stolhofer: ... aber bis in die 1980er gab es tatsächlich nur das Festival mit einem kleinen Büro. Dann kam es zur "freundlich-feindlichen" Übernahme des Stadtkinos. Das sollte abgerissen werden und einem Museum weichen. 1986 war die Verwaltung leichtsinnig genug, uns auf 14 Tage reinzulassen ...

Standard: ...und dann war's besetzt?

Stolhofer: Ja, aber das Museum hat einen viel besseren Standort in der Neuen Residenz bekommen - und wir diesen Spielort, für den wir das Konzept eines offenen Hauses entwickelt haben, in dem ganz viel passieren kann.

Standard: War die Sommerszene immer ein Tanz- und Performanceformat?

Stolhofer: Am Anfang ab 1970 war es als "Szene der Jugend" noch ein Fringe-Festival mit Konzerten, Theater, Tod und Teufel an vielen Spielorten. Als ich es 1981 übernommen habe, hat sich die darstellende Kunst in Europa sehr spannend entwickelt. Das hat zu einem stärkeren Gestaltungswillen und einem kuratierten Festival geführt. Als Autodidakt bin ich da mit Leidenschaft immer wieder hineingeschlittert.

Das Aufregende in den 1980ern war, was sich im Tanz und in der Performance tat. Bei Édouard Locks New Demons von La La La Human Steps etwa gingen Rock und Tanz eine Gemeinschaft ein, die fast die Dimension einer neuen Kunstform hatte. Und dann kamen auch noch Anne Teresa De Keersmaeker, Jan Fabre oder Wim Vandekeybus. Bestimmend war für mich, zu erkennen, was in der Luft lag, und das in einen Kontext mit der Mozartstadt zu bringen.

Standard: Mögen Sie Salzburg?

Stolhofer: (lacht) Die Voraussetzungen hier sind nicht so schlecht. Das wirkliche Kapital dieser Stadt ist der Stillstand. Dem kann man noch so viel entgegensetzen, man wird daran nicht vorbeikommen. Wenn sich wirklich etwas bewegen soll, dann muss es von außen kommen.

Standard: Wie kam es zu "Unendlich frei" als aktuellem Thema?

Stolhofer: Der Titel ist mit der Idee entstanden, ein Festival zu machen, das keine Karten mehr verkauft und mit der Diskussion, ob Kunst ein Konsumprodukt ist. Wir nehmen uns die Freiheit, die darstellende Kunst auf breiteste Basis zu stellen. Es gibt ein intensives Vermittlungsprogramm, wir haben Schulklassen zu Gast, arbeiten mit Sozialvereinen. Es ist nicht damit getan, zu sagen, das kostet nix mehr, sondern damit verbunden, anders zu vermitteln. Sonst wär's einfach ein Gag.

Standard: Wohin geht es jetzt mit dem zeitgenössischen Tanz?

Stolhofer: Unter dem wachsenden ökonomischen Druck muss Kunst, die sich bisher nur auf Subventionen verlässt, zumindest ein zweites Bein gewinnen, sich gezielt mit Themen beschäftigen, die mitten in der Gesellschaft sind und klarmachen, dass es möglich ist, anders auf die Welt zu schauen und Räume zu öffnen, in denen sich eine gesellschaftliche Gestaltung neu manifestieren könnte und wichtige Beiträge für unsere wackelige Zukunft entstehen könnten.

Standard: Warum wackelig?

Stolhofer: Die Zukunftsidee wird undurchschaubarer, für die Leute unwichtiger. So gibt es auch weniger Denkfreiheit. Man hat mehr Angst vor der Zukunft. Und es gibt mehr Methoden, diese Ängste politisch zu missbrauchen. (Helmut Ploebst/DER STANDARD, Printausgabe, 22./23. 6. 2011)


MICHAEL STOLHOFER geboren 1952 in Gmunden, ist Intendant der Szene Salzburg und arbeitete als Kurator in Amsterdam, Brüssel und Lissabon.

Termine

23.6. Davis Freeman, Investment, Republic 21.00;

26.6.: Padmini Chettur, Beautiful Thing 2, Argekultur 11.00

28.6.: Kate McIntosh, Dark Matter, Republic 21.00

30.6.: Mette Ingvartsen, The Light Forest, Kapuzinerberg, 22.30; Paul Horn / Veronika Barnaš, Verloren, Franziskischlössl 22.30

1.7.: Philippe Quesne, Big Bang, Republic 21.30

4.7.: Babilonia Teatri, "Made in Italy" , Republic 19.00; Babilonia Teatri, Pornobboy, Argekultur 21.00

6.7.: Silke Grabinger, Versuchsperson, Toihaus Theater 21.00

8.7.: Superamas, Youdream, Republic 21.00

9.7.: Öfa Kollektivet, Magic Logic, Kavernen 23.00

Die Sommerszene Salzburg dauert bis zum 14. 7.; Infos unter: +43/(0)662/84 34 48 oder www.sommerszene.net

  • Michael Stolhofer setzt bei der Salzburger Sommerszene auf das Motto 
"Unendlich frei".
    foto: kirchner

    Michael Stolhofer setzt bei der Salzburger Sommerszene auf das Motto "Unendlich frei".

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