Das Double und der Rekordmeister

21. Juni 2011, 19:31
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Die Austrian Bowl XXVII zwischen den Swarco Raiders und den Raiffeisen Vikings am kommenden Fronleichnamstag bietet eine historische Aussicht. Davor noch ein Blick zurück und eine wieder fällige Standortbestimmung

Zwar habe ich es schon mal an dieser Stelle geschrieben, angesichts der Postings zur APA-Meldung über die Euro Bowl ist die Zeit aber reif für eine Wiederholung.

American Football in Österreich ist eine Amateursportart. Punkt. Mit Ausnahme der US-Legionäre, der Trainer und einzelner Funktionäre zahlt die Mehrheit der Aktiven Mitgliedsbeiträge ein, sie tragen die Reisekosten mit, sie müssen sich ihr Equipment selbst finanzieren. Als kleine Verwässerung dieses Amateurstatus kann man die (bezahlte) Tätigkeit von aktiven Spielern als Trainer des Nachwuchses im Verein erwähnen. Für den überwiegenden Teil gilt aber: Pay for play.

Der Vergleich des heimischen Footballs mit dem US-System der NCAA (College), oder gar der Profiliga NFL ist daher von Grund auf unzulässig. Nicht nur, weil es in Europa "Liebhaberei", in den USA aber entweder Teil der Ausbildung oder Beruf ist, sondern auch weil hier völlig andere Voraussetzungen herrschen. Es stehen andere Sportarten an der Spitze des öffentlichen Interesses, damit im Fokus von Förderungen und der Sponsoren. Im kleinsten Bundesstaat der USA gibt es die zehnfache Zahl an aktiven Spielern. Rund 5.000 Menschen üben den Sport in Österreich derzeit aus, Nachwuchsmannschaften mit eingerechnet.

Dafür, dass der Football als Exotikum am Rande stand, hat er sich in den letzten Jahren in Europa sowohl quantitativ als auch qualitativ gut entwickelt. Ganz speziell auch in Österreich. Dass man für ein Spiel hierzulande in den USA ausgelacht würde (Poster Kamin), das ist eine Fehleinschätzung und passiert aus zweierlei Gründen nicht: Zum einen liegt es nicht in der Natur der US-Amerikaner, sportliche Mitstreiter zu belächeln, selbst wenn diese heillos mit ihnen überfordert wären, zum anderen sind zumindest die Österreicher ihren Division III-Colleges zu einem richtigen Gegner heran gewachsen. Nicht zufällig hat raidersTV eine erkleckliche Anzahl Seher in den Staaten. Das war nicht immer so und bedeutet auch, dass es in den letzten anderthalb Jahrzehnten einen Quantensprung gab. Diese positive Entwicklung hat viele Väter und Mütter. Von der Fokussierung des Verbandes auf die Nachwuchsarbeit, über das Engagement von qualifiziertem Trainerpersonal, bis zu nicht ganz unschlauen Manager und Vermarktern, die aus wenig sehr viel gemacht haben.

Ein kurzer Vergleich der Zeit

Die Mannschaft der Swarco Raiders Tirol lief am vergangenen Samstag vor 8.600 begeisterten Zuschauern ins Tivoli Stadion ein. Spalier standen die Oakland Raiderettes, den Ehren-Kickoff führte NFL Hall Of Fame-Mitglied Willie Brown durch. Das Spiel lief live im ORF, auf Red Bull TV und auf zahlreichen Webplattformen. Die Raiders gewannen gegen Berlin ihre dritte Euro Bowl, die siebente für ein Team Österreich. Europa blickt andächtig auf Österreich empor, welches in den letzten acht Jahren sieben Mal den Klubtitel zu sich holte.

1996 liefen die Raiders noch ganz ohne Swarco vor 100 neugierigen Zuschauern auf den Fußball-Trainingsplatz von Zirl ein. Spalier gab es keines, auch keinen Ehren-Kickoff. Eineinhalb Jahre später, am 25. Jänner 1998, wird der ORF zum ersten Mal die Super Bowl übertragen. Von einem Gewinn der Euro Bowl waren nicht nur die Raiders, sondern auch jeder andere Klub in Österreich meilenweit entfernt. Wir Österreicher blickten nämlich andächtig zu den Teams aus Finnland, Großbritannien, Italien und Deutschland empor, die das europäische Geschehen dominierten.

Das ist der maßgebliche Vergleich, der - wenn man so will - relevante europäische Konnex. Der europäische Verband EFAF zählt 30 Mitgliedsländer. Das sind unsere Gegner und es ist allen 30 auch klar, dass derzeit Österreich und Deutschland (welches übrigens neun mal so viele Aktive hat), wie schon bei der EM 2010, sich auch bei der WM um die Nummer 1 des alten Kontinents streiten werden. Den Klubtitel haben die Tiroler zurück geholt, im Juli geht es mit den Nationalteams weiter. Österreich wird es in Graz mit Japan, Kanada und Frankreich zu tun bekommen. Gegen Frankreich ist ein Sieg gefordert, Japan und Kanada sind im Vergleich zu favorisieren. Möglich ist dabei aber alles, selbst ein Einzug in das WM-Finale. Auf der anderen Seite aber auch ein Totalabsturz. Deutschland trifft in der Innsbruck-Gruppe auf den regierenden Weltmeister USA, Geheimfavorit Mexiko und Außenseiter Australien und hat damit eine ähnlich schwierige Aufgabe vor sich. Man würde beiderseits gerne am Finaltag aufeinandertreffen, sei es um Gold, Bronze oder nur um die Plätze.

Der American Footballsport in Österreich hat sich also binnen kürzester Zeit von einer international erfolglosen und national völlig unbedeutenden Untergrundbewegung zu einem ansehnlichen Sportevent auf dem höchsten (eben diesem europäischen) sportlichen Niveau entwickelt. Die USA sind kein Maßstab und werden es nie sein. Im Ernstfall (Profis) auch nicht für andere Top-Nationen wie Kanada, Japan oder Mexiko, wo der Sport ebenfalls auf Universitäten betrieben wird und/oder es sogar Profiligen gibt. Es liegt noch einiges bei uns im Argen. Die Bundesliga kämpft mit der Struktur des Sports und einem viel zu steilen Niveaugefälle. Es steckt vieles auch noch in den Kinderschuhen, aber der Sport pubertiert heftig und die anstehende WM wird dem Pickelgesicht erste erwachsene Züge mit geben.

Fronleichnam beim "Wödmasta"

Die Entscheidung, das 27. Finale der Bundesliga im größten Stadion Österreichs auszutragen, hört sich im ersten Moment abenteuerlich an. 50.000 finden dort bekanntlich Platz, 5.000 darf man sich vielleicht erwarten. Ich finde die Aussicht auf ein "Geisterspiel" am Donnerstag auch nicht besonders prickelnd, die Wahl auf das Prateroval fiel aber aus organisatorischen Gründen. An den beiden Finaltagen der WM (15. und 16. Juli) wird ein reger Ansturm erwartet. 10.000 Tickets sind bisher im Vorverkauf für die Spiele in Wien abgesetzt worden und der Verband will als Veranstalter einen Testlauf durchführen, wie er das heuer auch schon in der UPC-Arena tat. Dort in Liebenau kann übrigens Sturm Graz nun sein Hinspiel in der Champions League-Qualifikation gegen den ungarischen Meister Videoton Székesfehérvár auf Grund der WM-Vorrunde nicht austragen und muss nach Klagenfurt ausweichen. Was natürlich eine Reihe von Beschwerden seitens der Anhängerschaft nach sich zog. Auch für Meistertrainer Franco Foda ist nur schwer nachvollziehbar was hier plötzlich passiert. Seit fast einem Jahr ist aber schon klar, dass das Stadion in eben dieser Woche besetzt sein wird. Die Überraschung ist also gespielt bzw. überhaupt jene, dass Sturm es in diese Qualifikation geschafft hat. Wie auch immer bringt eine solche Debatte, wenn sie auch in Foren hitzig und polemisierend geführt wird, eine recht gelassene Botschaft mit: Die Sache hat offenbar doch mehr Substanz, als so mancher wahrhaben will. Die Stadt Graz wollte diese Spiele jedenfalls unbedingt bei sich haben. Daran wird man sich ergo gewöhnen müssen.

Historisch wird die 27. Auflage der Austrian Bowl in jedem Fall. Gewinnen die Vikings, dann sind sie mit elf Titeln der alleinige Rekordmeister vor den Graz Giants. Gewinnen die Raiders, dann holen sie zum ersten Mal in ihrer Geschichte das Double AFL und EFL. Dieses Kunststück gelang bisher nur den Vikings in den Jahren 2005 und 2007. 2004 und 2006 holten die Wiener zwar den europäischen Titel, unterlagen aber den Raiders in der Austrian Bowl. "Eurobowlsiegerbesieger" wurden 2008 auch die Graz Giants, die den Raiders die Austrian Bowl wegschnappten. 2009 schafften es die Tiroler, als später erneuter europäischer Champion, nicht mal ins österreichische Finale. Eine Novum, so wie auch die Tatsache, dass die Raiders derzeit noch mehr europäische (3) als nationale Titel (2) halten. Das gab es noch nie. Derlei Dinge passieren auch in Deutschland, wovon Raiders Head Coach Shuan Fatah ein Lied singen kann. Im Vorjahr holte er mit den Berlin Adler die Euro Bowl in die deutsche Hauptstadt, unterlag dann im Finale der deutschen Meisterschaft jedoch Kiel.

Raveline & raidersTV

Es gibt bedeutsame Unterschiede in der Philosophie und Ausrichtung der beiden Finalteilnehmer.

Die Vikings verstehen sich ausschließlich als Sportverein, der ein in Europa einzigartiges Trainingszentrum seinen Aktiven in Simmering gebaut hat. Die "Raveline" ist der Vikings ganzer Stolz und das Aushängeschild des Klubs. Das Streben nach Titel hat nicht aufgehört, aber nach damals neun Austrian - und vier Euro Bowls wurde es Mitte des letzten Jahrzehnts kritisch mit neuen Zielsetzungen. 2007 dann die Zäsur. Dem Umbau der Simmeringer Thell-Wiese auf ein 120 Yards plus 70 Yards Feld folgte die Installation eines heimischen Quarterbacks - auch ein Signal an alle Bankdrücker der vergangenen Jahre.

Die Raiders sind nicht nur Footballklub, sondern auch Medienunternehmer. Ihr Web-TV-Sender raidersTV wird mittlerweile von Red Bull Media mitproduziert und kann sich mit den Besten messen. Ihr Event am Tivoli erinnert vom Prinzip her an den Jagerhof'schen Beachvolleyball am großen Kärntner See: man will Stimmung und ein volles Haus.

Während die Vikings also mit Eintrittsgeldern einen erheblichen Teil ihres Budgets lukrieren, sind die Raiders vor allem auf die möglichst größte Kulisse scharf, setzen auf Kooperationen und hohe Sponsorenzufriedenheit.

Da ist man sich in Wien und Innsbruck nicht immer grün. Die Vikings untersagen zum Beispiel Live Bilder ihrer Heimspiele im Web generell (raidersTV war dafür der Anlass), weil sie darin keinen wirtschaftlichen Nutzen für sich erkennen und ihnen (so die Vikings) die Raiders diesen auch nicht schlüssig darstellen konnten. Die Tiroler sehen in ihrem gratis Web-TV einen veritablen Multiplikator, um sich und den Sport zu verbreiten. Die Verbreitung der Marke Swarco Raiders ist den Raiffeisen Vikings wiederum herzlich egal, weil sie vielmehr an gut gefüllten Eintrittskassen interessiert sind und überhaupt nicht an Zuschauern vor dem Monitor.

Nur mehr sportlich auf Augenhöhe

Für die Vikings spricht, dass sie ausgeruht sind und den Gegner beobachten konnten, der von der Euro Bowl bis zur Austrian Bowl gerade fünf Tage Zeit zur Regeneration hat. Und auch, dass die Raiders ihren Titel schon in der Tasche haben. Dazu müssen sich die Vikings an die Tatsache gewöhnen, dass sie den Titel des Publikumskaisers nach Tirol abgeben mussten und es eigentlich keine Aussicht darauf gibt, diesen so schnell zurück zu erobern. Da müssten die Raiders schon stark nachlassen, denn in das Stadion auf der Hohen Warte dürfen (mit einer Ausnahmegenehmigung) gerade 5.500 Zuschauer rein. Die man heuer ganz sicher nicht benötigte, denn die Tage der randvollen Tribünen in Döbling, die scheinen vorbei zu sein. Während die Raiders 2012 vermutlich die 10.000er Marke überspringen können, werden sich die Vikings mit einem Viertel der Zuschauer abfinden müssen. So schnell ging's. Da möchte man in Wien dann wenigstens sportlich die Nummer 1 sein. Wenn auch "nur" in Österreich.

Die zwei Spiele gegeneinander heuer endeten kumuliert 38:37 für die Vikings, die zu Hause mit 28:24 gewannen, in Innsbruck mit 10:13 den Kürzeren zogen. Viel mehr an Augenhöhe geht nicht mehr. Es stehen sich die zwei Besten der Saison 2011 auch im Finale gegenüber, denn die Giants haben sich traditionell einmal mehr selbst geschlagen und die Dragons ihre "Saison after" wohl etwas zu optimistisch eingeschätzt.

Am kommenden Donnerstag wird im Happel Stadion als nicht nur über Rekordmeisterschaft oder Double-Debüt entschieden, es ist zwischen den beiden Teams mittlerweile auch eine Frage des Recht habens und Recht behaltens.

Karten gibt es ab 12 Euro bei Ö-Ticket, das Spiel wird live von ORF Sport Plus übertragen. Football-Austria wird das Spiel ebenfalls live im Webstream kommentieren. (Walter Reiterer)

Austrian Bowl XXVII
Swarco Raiders Tirol vs. Raiffeisen Vikings

23. Juni 2011, Kickoff 17.00 Uhr, Ernst Happel-Stadion
Live auf ORF Sport Plus

Das Programm:
12.00 Uhr: Pregame Party vor dem Stadion
15.00 Uhr: Open Gates, Einlass ins Stadion
17.00 Uhr: Kickoff zur Austrian Bowl XXVII
Nationalhymne gesungen von Elnaz
Halbzeitshow mit Cheerleader-Rekordversuch
21.00 Uhr: After Game Party am Gelände der Trabrennbahn Krieau

  • Auf Augenhöhe: Die Vikings und Raiders absolvierten heuer zwei Spiele gegeneinander. Diese endeten jeweils mit einem knappen Heimsieg. Am Donnerstag kommt es im Happel-Stadion zum dritten und letzten Duell 2011 in der Austrian Bowl XXVII.
    foto: photokratky.com

    Auf Augenhöhe: Die Vikings und Raiders absolvierten heuer zwei Spiele gegeneinander. Diese endeten jeweils mit einem knappen Heimsieg. Am Donnerstag kommt es im Happel-Stadion zum dritten und letzten Duell 2011 in der Austrian Bowl XXVII.

  • Raiders Tirol & Oakland Raiders United: Hall Of Famer Willie Brown, Elisabeth & Manfred Swarovski und die Oakland Raiderettes im Kreise des neuen europäischen Klubmeisters.
    foto: schellhorn

    Raiders Tirol & Oakland Raiders United: Hall Of Famer Willie Brown, Elisabeth & Manfred Swarovski und die Oakland Raiderettes im Kreise des neuen europäischen Klubmeisters.

  • 8.600 am Tivoli. Der American Footballsport in Österreich hat sich also binnen kürzester Zeit von einer unbedeutenden Untergrundbewegung zu einem ansehnlichen Sportevent entwickelt.
    foto: schellhorn

    8.600 am Tivoli. Der American Footballsport in Österreich hat sich also binnen kürzester Zeit von einer unbedeutenden Untergrundbewegung zu einem ansehnlichen Sportevent entwickelt.

  • Austrian Bowl und WM-Finale in Wien: Sportstadtrad Christian Oxonitsch und AFBÖ Präsident Michael Eschlböck proben den perfekten Snap
    foto: krondorfer

    Austrian Bowl und WM-Finale in Wien: Sportstadtrad Christian Oxonitsch und AFBÖ Präsident Michael Eschlböck proben den perfekten Snap

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