Oide Hoda'n, Schnitzel und ein Präsident

21. Juni 2011, 17:00
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Im Rahmen seines Staatsbesuches schaute der mazedonische Präsident vergangenen Sonntag auch in der mazedonisch-orthodoxen Kirche in Wien vorbei – eine daStandard.at-Reportage

Sonntag, 19. Juni, kurz nach 18 Uhr. Mit dem Gesicht zum Zaun und auf seinen grünen Regenschirm gestützt, steht Chefinspektor Adolf Kainz in der Siemensstraße 26 im 21. Wiener Bezirk und beobachtet, sichtlich amüsiert, das rege Gewusel. Dahinter befinden sich die Räumlichkeiten der mazedonisch-orthodoxen Kirche "Sveti Naum Ohridski", die nach einem Missionar und Wunderheiler, der um 900 in Mazedonien gelebt haben soll, benannt ist. Zu beobachten gibt es an diesem Abend hier einiges: In regelmäßigen Abständen laufen Kinder aufgeregt aus dem zur Kirche dazugehörigen Veranstaltungssaal und starren erwartungsvoll auf die Straße, bevor sie enttäuscht wieder kehrt machen. Im Garten sitzen Männer verschiedenen Alters plaudernd auf Plastikstühlen. Manche rauchen, manche trinken Mineralwasser aus blauen Plastikflaschen, andere nippen an ihren Schnapsgläsern, die mit dem mazedonischen Anisschnaps Mastika gefüllt sind.

Претседател на РМ Др. Ґopгe Иванов

Im Saal werden letzte Vorbereitungen getroffen: Während die Band ihren Soundcheck macht, decken vier Männer einen Tisch, der sich von den anderen Tischen nicht nur wegen seiner festlichen Dekoration abhebt, sondern vor allem wegen der darauf platzierten Namenskärtchen auffällt. "Претседател на РМ Др. Ґopгe Иванов" ist auf einem der Kärtchen zu lesen. Es sind der Name und die offizielle Anrede des mazedonischen Präsidenten Gjorge Ivanov, die neben einer achtstrahligen Sonne auf rotem Hintergrund, der Fahne Mazedoniens, zu lesen sind. Es sind Gjorge Ivanov und die ihn begleitende Delegation, die heute Abend hier erwartet werden.

"Stehenbleiben heißt Gefahr"

Gegenüber, in der kleinen mazedonisch-orthodoxen Kirche, unterhält sich Chefinspektor Kainz mit einem ebenfalls zivil gekleideten Kollegen, der einen hellbraunen Schäferhund an der Leine hält. "Ja, es ist ein Sprengstoffspürhund", bestätigt Kainz, während sein Kollege den Hund von der Leine und suchen lässt. Am Nachmittag sei bereits die Hotelsuite des Präsidenten auf Sprengstoff hin durchsucht worden, jetzt seien "die Örtlichkeiten hier" an der Reihe, erklärt der Kriminalbeamte und fügt hinzu: "Reine Routine, kein Grund zur Aufregung." Über 100 PolizistInnen seien heute Abend im Einsatz, um den reibungslosen Ablauf des Präsidenten-Besuches zu garantieren. So werde etwa der Konvoi des Präsidenten von Sicherheitsbeamten, zehn Polizeimotorrädern und mindestens fünf Schützen begleitet. Darüber hinaus stehe an jeder Ampel, die der Konvoi passiert, zumindest ein Polizist. "Der Konvoi darf natürlich nicht stehenbleiben, denn stehenbleiben heißt Gefahr", erklärt Chefinspektor Kainz und fügt ergänzend hinzu "Das läuft alles streng nach Protokoll und wird bei jedem Staatsbesuch so gehandhabt."

Der Countdown läuft

Mittlerweile ist es kurz vor 19 Uhr. Es bleibt eine halbe Stunde bis zur erwarteten Ankunft des Präsidentenpaares. Der etwa 200 Personen fassende Saal ist, trotz der zehn Euro Eintritt, die heute gezahlt werden müssen, gut gefüllt. Der Präsidententisch ist fertig gedeckt, jetzt wird noch an der Sitzordnung gefeilt. Natürlich ist auch sie protokollarisch geregelt und dem Kirchenvorstand vorab von der mazedonischen Botschaft in Wien übermittelt worden. Während die Band die mazedonische Hymne probt und der bereits liturgisch bekleidete Priester auf der Suche nach zusätzlichen Kerzen umherhuscht, mischen sich die ersten, in traditionell mazedonische Trachten gekleideten Kinder und Jugendliche unter die Anwesenden. Sie gehören der hiesigen mazedonischen Volkstanzgruppe an und werden zu Ehren des hohen Besuches am heutigen Abend tanzen. Die Auftrittsaufregung ist ihnen anzusehen.

12 Minuten

Unaufgeregt ist hingegen Adolf Kainz. Der Kriminalbeamte hat sich wieder vor dem Eingang positioniert, wo sich mittlerweile neben mehreren PolizistInnen auch der offizielle Fotograf des Präsidenten sowie KollegInnen von der mazedonischen Presse eingefunden haben. Seit 1977 sei er bei der Staatspolizei und seither habe er bei „ungezählten Staatsbesuchen" für die Sicherheit "fast aller Großer" gesorgt, erzählt Chefinspektor Kainz, während er mit der linken Hand aus der Innentasche seines Sakkos ein Etui fischt, aus dem er ein Foto hervorholt: "Papst Johannes Paul haben Sie erkannt. Raten Sie mal, wer der hübsche junge Kerl neben ihm ist". Dann läutet sein Handy. Es ist 19 Uhr 15 und Kainz wird über die Abfahrt des Präsidentenkonvois informiert. "12 Minuten, dann sind sie da."

Leb i sol

Um exakt 19 Uhr 27 sind die Blaulichter des Konvois zu sehen, die Aufregung erreicht ihren Höhepunkt. "Endlich", sagt jemand auf Deutsch und ein anderer bestätigt auf Mazedonisch: "Konečno". Als Gjorge Ivanov und Maja Ivanova, seine Frau, aus der schwarzen Limousine aussteigen, wird gejubelt und fotografiert. Die Kirchenfunktionäre heißen sie willkommen, es folgt die Begrüßung durch den Priester der Gemeinde. Einer alten mazedonischen Tradition folgend, bekommt der Präsident dabei "leb i sol", also Brot und Salz, und wird gesegnet, bevor es in die Kirche geht. Eine kurze Messe und eine Vielzahl an geschüttelten Händen später, betritt das Präsidentenpaar schließlich den Saal und wird mit nicht versiegen wollendem Applaus begrüßt.

"Wir sind alle Mazedonier"

Etwa fünfzehn Minuten später nimmt die Delegation am Ehrentisch Platz und ein Glas Sekt entgegen. Im Saal herrscht aufgeregte Unruhe, aber als die mazedonische Opernsängerin Irena Krstevska die mazedonische Hymne intoniert, ist es schlagartig still. Die sprichwörtliche Nadel könnte man auch bei der jetzt folgenden Rede des Präsidenten fallen hören. Mit dem Mikrofon in der Hand lächelt Ivanov in die vor ihm stehende Menge: "Wir sind alle Mazedonier. Ganz egal, ob wir mazedonische, albanische, serbische, türkische oder walachische Wurzeln haben", geht er zum Schluss auf die multiethnische Bevölkerungsstruktur Mazedoniens ein. Der mitgereiste albanisch stämmige Minister ist nicht der einzige, der zustimmend nickt und applaudiert.

Volkstanz, Schnitzel & oide Hod'an

Applaus gibt es auch nach der Darbietung der Volkstanzgruppe, die traditionelle mazedonische Tänze zeigt. Das Abendessen, zur Auswahl stehen Wiener Schnitzel bzw. Schweinsbraten, wird von oide Hoda'n à la macédoine und mazedonischem Wein begleitet. Als sich später das Präsidentenpaar erhebt, um selbst Oro zu tanzen, möchten sich am liebsten alle neben ihnen einreihen, was nur zwei Glücklichen gelingt. Die anderen lassen sich zumindest das Erinnerungsfoto nicht entgehen. Mit engelsgleicher Geduld lächeln Maja Ivanova und Gjorge Ivanov die nächsten 45 Minuten in die Kameras, nehmen kleine Kinder auf ihren Schoß und wechseln ein paar Worte mit allen, die sich zum Fotografieren neben sie stellen. "Nehmen Sie sofort den Arm herunter", wird ein junger Mann, der seinen Arm um die Schulter des Präsidenten legt, von einem mazedonischen Sicherheitsbeamten harsch angefahren. Sonst gibt es keine Zwischenfälle.

"Servus, bis zum nächsten Mal"

21:40. Dem Protokollchef ist die aufsteigende Nervosität anzumerken, höflich aber bestimmt drängt er zum Aufbruch. Wenige Minuten später bahnt sich das Präsidentenpaar händeschüttelnd und unter tosendem Applaus seinen Weg aus dem Saal. Draußen werden sie bereits von Chefinspektor Kainz und seine KollegInnen erwartet. Kainz blickt auf seine Uhr und nickt zufrieden: "Keine Verspätung. So hab‘ ich es gern". Motoren heulen auf, Blaulichter werden in Betrieb genommen und als die Ivanovs in die Limousine steigen, kommt es zum letzten Blitzlichtgewitter des heutigen Abends. Schnell setzt sich der Konvoi in Bewegung. Nach wenigen Sekunden ist er aus der Sichtweite verschwunden. "Servus, bis zum nächsten Mal", ruft Chefinspektor Kainz noch im Weggehen, bevor auch er verschwindet. (Meri Disoski & Žaklina Divjakoski, daStandard.at, 21. Juni 2011)

  • Einer alten mazedonischen Tradition folgend, bekommt der Präsident dabei "leb i sol", also Brot und Salz, und wird vom Priester gesegnet.
    foto: meri disoski

    Einer alten mazedonischen Tradition folgend, bekommt der Präsident dabei "leb i sol", also Brot und Salz, und wird vom Priester gesegnet.

  • Maja Ivanova und Gjorge Ivanov
    foto: meri disoski

    Maja Ivanova und Gjorge Ivanov

  • Messe zu Ehren des hohen Besuches in der mazedonisch-orthodoxen Kirche "Sveti Naum Ohridski" in Wien.
    foto: meri disoski

    Messe zu Ehren des hohen Besuches in der mazedonisch-orthodoxen Kirche "Sveti Naum Ohridski" in Wien.

  • Als sich das Präsidentenpaar erhebt, um selbst Oro (Reigen) zu tanzen, möchten sich am liebsten alle neben ihnen einreihen.
    foto: meri disoski

    Als sich das Präsidentenpaar erhebt, um selbst Oro (Reigen) zu tanzen, möchten sich am liebsten alle neben ihnen einreihen.

  • Eine Volkstanzgruppe zeigt traditionelle mazedonische Tänze.
    foto: meri disoski

    Eine Volkstanzgruppe zeigt traditionelle mazedonische Tänze.

  • Das obligatorische Gruppenfoto.
    foto: meri disoski

    Das obligatorische Gruppenfoto.

  • "Servus, bis zum nächsten Mal", ruft der routinierte Chefinspektor Kainz.
    foto: meri disoski

    "Servus, bis zum nächsten Mal", ruft der routinierte Chefinspektor Kainz.

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