Beinfrei über dem Gipfelkreuz

    21. Juni 2011, 16:45
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    Die Region Werfenweng zieht Paragleiter an. Die einen kreisen mit den Geiern, die anderen küssen Latschen. Verena Kainrath nahm sich ein Herz und Anlauf

    "Die Hund' fliegen, als ob es kein Wetter gäbe." Die Hände im Nacken verschränkt, liegen drei Burschen ausgestreckt in der Blumenwiese, blinzeln in die gleißende Sonne und überbieten sich mit Gruselgeschichten.

    In ein Gewitter sei er jüngst geraten, "weil ich so geil aufs Fliegen war, auf Teufel komm raus", erzählt der eine, "na mehr hab ich nicht gebraucht: Sturmböen, Hagelschauer, Luftverwirbelungen. Zwei Freunde hab ich schon be-erdigt durch so einen Blödsinn".

    Auf widrige Witterung lasse er sich nicht ein, versichert der andere und stößt seinen Finger warnend in den blauen Himmel, "ich habe vor, noch länger zu leben".

    In seinen Gedanken verwandeln sich die Schäfchenwolken am Horizont in ein alles verschlingendes schwarzes Loch, die sanfte Brise mutiert zum Sturm. Bis bunte Schirme den Blick nach oben durchkreuzen und die Geisteskapriolen bremsen: Ein Paragleiter nach dem anderen landet im ungemähten Gras.

    Die Beine in die Höhe, rutschen die Piloten am dick ausgepolsterten Hosenboden durch die Löwenzahnblüten. Rundum die schroffen Felsen des Tennengebirges, einen Sprung entfernt das Dörfchen Werfenweng, davor Flugaspiranten, die euphorisch nach Luft und Worten ringen. Kurzum: Man will auch. Da rauf in die Lüfte. Sofort. Ganz hoch. Zappelnd vor Ungeduld und Erregung.

    Der Liebreiz des sicheren Bodens in diesem stillen Eck Salzburgs verführt nicht mehr. Die Berghütten will man von oben sehen. Die gescheckten Kühe auf den Almen als Punkte. Und die paar Wolken pustet man weg.

    Träumen vom Mount Everest

    Der Mann, der einen abheben lässt, heißt Wolfgang Wimmer und hat schon alle sieben Sachen gepackt. Durchtrainiert und braun gebrannt ist er, mit breitem Lächeln im Gesicht. Als Bub schon versuchte er mit Plastiksackerln vom Hügel hinter seinem Haus der Schwerkraft zu entfliehen.

    Mittlerweile ist er an die 4000- mal geflogen, vom Montblanc sogar und vom Ortler. In Neuseeland sauste er als erster Speedflyer allein vom Mount Cook. In den Bergen Indiens schraubte er sich auf bis zu 6500 Meter Höhe. Und irgendwann will er mit dem Schirm vom Mount Everest gleiten. Sein erster Anlauf im Himalaya scheiterte, der Traum lebt.

    Mit Möchtegernabenteurern jeden Alters springt der Salzburger seit Jahren über die Sommermonate im Pongau talwärts. Spaziergänger nennen die Tandempiloten ihre Zöglinge, denen der Hügel über Werfenweng Adrenalinkick genug ist. Sanft und grün ist die Bischlinghöhe, weich in alle Himmelsrichtungen abfallend.

    Ein junger Kolumbianer steht hier zum ersten Mal in seinem Leben in den Bergen. Die Fahrt mit der Seilbahn hinauf zur Abflugstelle lässt ihn er- bleichen, schon an den Schirm geschnallt will er noch kneifen, die Blicke der Sonntagswanderer im Rücken, die Panorama und Paragleiter beinfrei erste Reihe von der Terrasse des Alpengasthofs aus genießen. Dann nimmt er sich ein Herz und Anlauf - und schreibt sich tausend Meter tiefer in einen Ausbildungskurs ein.

    Einen Deutschen hat die Sucht schon gepackt, den Flugschein frisch in der Tasche, schlittert er prompt in die Latschen. Am Gegenwind beim Abflug habe es halt gefehlt, meint er mit Blick auf die besorgte Ehefrau. Passiert ist nichts, nur seine Geld- börse hat er im widerspenstigen Gestrüpp verloren. Geflogen wird weiter, noch in derselben Stunde.

    Da steht man also mit bebenden Beinen, den Helm am Kopf, den Gurt um die Hüfte, eine Plane Stoff im Rücken. Laufen, laufen, laufen, laufen. Nach wenigen Schritten plustert sich der Schirm auf. Laufen, laufen. Sich nur nicht zu früh über dem Boden glauben. Ein Meter Luft unter den strampelnden Fußsohlen, aus zehn werden hundert, lautlos treibt die Thermik nach oben.

    Er habe nichts gegen luftig-flotte Überschläge, sinniert Wolfgang, der es sich auf dem Rücksitz bequem gemacht hat. Wen reize die Akrobatik hart über dem Boden nicht. Lieber aber suche er sich von der Höhe aus einsame Flecken auf dem Berg zum Landen und Jausnen. Auch wenn es abgedroschen klinge, aber die Freiheit allein da oben, die lasse einen nicht los.

    Ganz schwindlig ist einem selbst davon, doch dann lockern sich verkrampfte Arme und Beine und beginnen zu baumeln, die Angst löst sich in Genießen auf. In Windeseile nähert sich der Gipfel des mehr als 2300 Meter hohen Eiskogels. So gern würde man vorbei an Steinrinnen und glatten Wänden, die sonst nur schweißtreibend zu überwinden sind, über das Gipfelkreuz segeln. Und flugs ist es geschehen.

    Unter dem Schirm breitet sich das Plateau des Salzburger Tennengebirges mit seinen letzten Schneeresten aus. Nur ein Adler beobachtet von einer Felskante aus das Kreisen. Manchmal begleiten sie die Paragleiter, sagt Wolfgang, junge neugierige Geier nutzten sie sogar als Landeplätze. "Nein! Was dann?" - "Ein schneller Dreher nach unten, und weg sind sie."

    Gleich darf man selbst an den Seilen zupfen, schaukelt zaghaft mal links, mal rechts. Der Puls jagt nach oben, die Hände schwitzen. "Was passiert, wenn ich's falsch mache?" "Nichts." "Na dann."

    Das Fliegen sei weniger gefährlich als sein Ruf, sagt der unsichtbare Wolfgang, der die Zügel dann doch lieber wieder selbst in die Hand nimmt, und zitiert reihenweise Statistiken. Reiten etwa sei doppelt so riskant als das Paragleiten. Weitaus öfters verunfalle man beim bloßen Fußballspielen, vom Motorradfahren und anderen Rasereien gar nicht zu reden. "Bei uns steht halt jeder Beinbruch und jede Wirbelverletzung in der Zeitung."

    Feindliche Kaltfronten

    Gut 14.000 Paragleiter zählt der Luftraum über Österreich. Fünf bis zehn stürzten jedes Jahr im Schnitt tödlich ab. Da würden eigene Geschicke bei Loopings über- und sich anbahnende Kaltfronten unterschätzt. "Hundertmal geht alles gut, beim 101. Mal nicht."

    Schon spürt man finstre Regenwolken im Nacken. Doch sie sind in weiter Ferne - der Hochkönig am anderen Ende des Talkessels steht in der prallen Sonne.

    Der starke Aufwind über dem Gipfel lockt. "Gibt es so was wie einen Höhenrausch?" "Den soll es geben. Bei mir aber noch nie."

    Na gut. Also runter. Enge Spiralen im Ringelspiel-Stil erlauben mehr als zehn Meter Höhenverlust in der Sekunde. Leise knattert der Schirm im Wind.

    Zwei, drei kühne Drehungen vor Publikum sind Ehrensache, der Magen möge sie verzeihen, und ehe man es sich versieht, sitzt man benommen im weichen Gras.

    Als die ersten Regentropfen fallen, schützt längst die Heinrich-Hackel-Hütte über Werfenweng, die vorhin kühn überflogen. Eine Suppe stärkt den beleidigten Magen. Die erflogenen Höhenmeter steigen mit der Zahl der Schnäpse. Von Schirmen leergefegt ist der düstere Himmel. Keinen Hund möchte man jetzt nach draußen jagen, die Baumwipfel nur von unten sehen und die Kälber in voller Lebensgröße. Die Einsamkeit hoch oben ist für die Geier. (Verena Kainrath/DER STANDARD/Printausgabe/18.06.2011)

    • Die Freiheit allein da oben lasse einen nicht los, sagt der Tandempilot. Ganz schwindlig ist einem selbst davon. Das Tennengebirge nähert sich in Windeseile.
      foto: flytandem

      Die Freiheit allein da oben lasse einen nicht los, sagt der Tandempilot. Ganz schwindlig ist einem selbst davon. Das Tennengebirge nähert sich in Windeseile.

    • Informationen zum Tandem-Paragleiten über Werfenweng unter: www.flytandem.at
Der Salzburger Paragleitpilot Wolfgang Wimmer hat den Betrieb mit zwei Freunden gegründet. Geflogen werden kann im Alter von sechs bis 99 Jahren. Mehr als 125 Kilo Körpergewicht sollte man nicht haben.
Abgehoben wird ganzjährig, freilich nur bei sicheren Wetterbedingungen. Die reine Flugzeit beträgt in der Regel bis zu dreißig Minuten, bei Streckenflügen mindestens eine Stunde. Für den Weg auf den Bisch-ling sorgt eine Seilbahn. Feste Schuhe und eine warme winddichte Jacke verstehen sich von selbst. Kosten: zwischen 109 und 159 Euro. 
 
      foto: flytandem

      Informationen zum Tandem-Paragleiten über Werfenweng unter: www.flytandem.at

      Der Salzburger Paragleitpilot Wolfgang Wimmer hat den Betrieb mit zwei Freunden gegründet. Geflogen werden kann im Alter von sechs bis 99 Jahren. Mehr als 125 Kilo Körpergewicht sollte man nicht haben.

      Abgehoben wird ganzjährig, freilich nur bei sicheren Wetterbedingungen. Die reine Flugzeit beträgt in der Regel bis zu dreißig Minuten, bei Streckenflügen mindestens eine Stunde. Für den Weg auf den Bisch-ling sorgt eine Seilbahn. Feste Schuhe und eine warme winddichte Jacke verstehen sich von selbst. Kosten: zwischen 109 und 159 Euro.

       

    • Eine Kooperation mit dem Fluganbieter Flytandem hat das Hotel Tannenhof in St. Johann im Pongau, gelegen im Alpendorf knappe 20 Autominuten von Werfenweng entfernt, 60 Kilometer südlich der Stadt Salzburg. Wer das Glück nicht unbedingt im Fliegen sucht, kann sich von hier aus im Wandern üben. Die Liechtensteinklamm ist einen Katzensprung vom Hotel entfernt: tosendes Wasser unter adrett gebauten Holzwegen. Das Tennengebirge erlaubt leichte Bergtouren, die Großglockner Hochalpenstraße ist in fahrbarer Reichweite. Für Schlechtwetter bietet sich die Eisriesenwelt an. Informationen unter www.hotel-tannenhof.at
      foto: hotel tannenhof

      Eine Kooperation mit dem Fluganbieter Flytandem hat das Hotel Tannenhof in St. Johann im Pongau, gelegen im Alpendorf knappe 20 Autominuten von Werfenweng entfernt, 60 Kilometer südlich der Stadt Salzburg. Wer das Glück nicht unbedingt im Fliegen sucht, kann sich von hier aus im Wandern üben. Die Liechtensteinklamm ist einen Katzensprung vom Hotel entfernt: tosendes Wasser unter adrett gebauten Holzwegen. Das Tennengebirge erlaubt leichte Bergtouren, die Großglockner Hochalpenstraße ist in fahrbarer Reichweite. Für Schlechtwetter bietet sich die Eisriesenwelt an. Informationen unter www.hotel-tannenhof.at

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