Nach zwanzig Jahre wurde Christine S. vom Medizinstudium ausgeschlossen - Den letzten Rettungsversuch verheimlichte sie ihren Angehörigen - Aus Angst
Christine S. sitzt in ihrer letzten kommissionellen Prüfung. Pathologie aus dem zweiten Studien-Abschnitt. Es ist der letztmögliche Antritt. Dass es die 38-Jährige tatsächlich noch einmal versucht, ja dass sie überhaupt noch studiert, weiß keiner. Nicht ihr Lebensgefährte und schon gar nicht ihre Mutter. Christine ist dem Druck ein weiteres Mal nicht gewachsen. Ihre Zeit als Medizin-Studentin ist nach zwanzig Jahren zu Ende.
Insgesamt hat sie zwei Drittel des Studiums positiv abgeschlossen. In Österreich darf Christine trotzdem nie wieder Medizin studieren. "Es ist sehr schlimm, wenn sich der Lebenstraum in Luft auflöst. Wenn man sich jahrelang auf eine Sache fokussiert, hängt einem das schon nach", sagt sie.
"Irgendwann kommt die Panik"
Die meiste Zeit während des Studiums war die Wienerin berufstätig. "Vor Prüfungen war ich lange nicht nervös. Wenn man viel zu tun hat, hat man nicht wirklich Zeit darüber nachzudenken, was auf dem Spiel steht, schiebt es sicher auch immer wieder von sich weg. Irgendwann kommt die Panik. Ich habe geträumt, was nicht alles schief gehen kann, hatte Angstattacken sogar während dem Lernen", gibt sie heute zu. Jedes Buch oder jede Zeitschrift konnte Christine lesen, sich jede Kleinigkeit darin merken. Kaum schlug sie ihre Medizin-Lernunterlagen auf, war nach zehn Minuten die Konzentration weg. "Es war mir bewusst, dass ich keine Zeit hatte, mir die tausenden Seiten zehn Mal durchzulesen. Das hat mich irrsinnig gestresst. Obwohl ich nächtelang durchgelernt habe, war die Menge im Endeffekt zu groß und hat mich erdrückt", erzählt sie.
Angst, Druck und die Erleichterung
Immer wieder meldete sie sich kurz vor Prüfungen noch spontan ab. "Es war kurzfristig eine unglaubliche Erleichterung. Man denkt nicht daran, dass man dadurch wieder länger braucht, ist nur froh, dass die Angst vor dem Versagen endlich weg ist", erklärt die Wienerin. Durch das Geheimhalten des letzten Prüfungsantritts wollte sie sich selbst ein bisschen Druck nehmen. Der Plan ging jedoch nicht auf - sie musste heimlich lernen. "Alles zu verbergen hat mich im Endeffekt nur noch mehr gestresst".
"Hatte sicher depressive Phasen"
Das Versagen auf der Uni wurde zur Gewohnheit. Christine begann an ihrer eigenen Intelligenz zu zweifeln, hatte das Gefühl, ihr Leben nie richtig auf die Reihe gebracht zu haben. "Ich hatte sicher depressive Phasen", sagt sie rückblickend. "Es gab Tage, an denen hätte ich mich am liebsten von einem Auto überfahren lassen." Neben den Problemen im Studium war das seit frühester Kindheit schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter etwas, mit dem sie zusätzlich zu kämpfen hatte. "Sie sah mein Leben lang nur die schlechten Leistungen, hat mich immer spüren lassen, dass ich eine Enttäuschung für sie bin", erzählt sie mit Tränen in den Augen. Mit dem Leistungsdruck, den sie von ihrer Familie bereits in der Volksschule auferlegt bekam, konnte sie nicht umgehen. Die Versagensangst begleitete die 38-Jährige durch ihr gesamtes Studium. Und schließlich scheiterte sie daran.
Ich glaub‘ an dich
Dass eine positive Pathologie-Prüfung die absolute Wende in ihrem Leben gebracht hätte, glaubt Christine selbst nicht. "Nach all den Jahren reicht eine einzelne Initialzündung nicht mehr", erklärt sie. Auch bei anderen Ausbildungen, die sie während Uni-Pausen absolvierte, holten sie ihre Schwächen wieder ein. "Sobald ich wusste, dass ich mich vor anderen beweisen muss, Fragen zu beantworten habe, kam immer der ganze Stress zurück." Von frühester Kindheit an hätte Christine jemanden gebraucht, der wirklich an sie glaubt, sie unterstützt und, wie sie selbst sagt, ihr das auch tausend Mal bekräftigt.
Heute arbeitet Christine trotz allem im medizinischen Bereich, wenn auch nicht in ihrem Traumjob. Nach wie vor weiß ihre Mutter nicht, dass ihre Tochter bis zum Ende gekämpft hat und zumindest in Österreich nicht mehr die Chance hat, ihr Medizinstudium zu beenden. (Oliver Kaut, Maximilian Kronberger, Christoph Wagner,derStandard.at, 15.7.2011)