"Angstattacken während des Lernens"

15. Juli 2011, 14:46

Nach zwanzig Jahre wurde Christine S. vom Medizinstudium ausgeschlossen - Den letzten Rettungsversuch verheimlichte sie ihren Angehörigen - Aus Angst

Christine S. sitzt in ihrer letzten kommissionellen Prüfung. Pathologie aus dem zweiten Studien-Abschnitt. Es ist der letztmögliche Antritt. Dass es die 38-Jährige tatsächlich noch einmal versucht, ja dass sie überhaupt noch studiert, weiß keiner. Nicht ihr Lebensgefährte und schon gar nicht ihre Mutter. Christine ist dem Druck ein weiteres Mal nicht gewachsen. Ihre Zeit als Medizin-Studentin ist nach zwanzig Jahren zu Ende.

Insgesamt hat sie zwei Drittel des Studiums positiv abgeschlossen. In Österreich darf Christine trotzdem nie wieder Medizin studieren. "Es ist sehr schlimm, wenn sich der Lebenstraum in Luft auflöst. Wenn man sich jahrelang auf eine Sache fokussiert, hängt einem das schon nach", sagt sie.

"Irgendwann kommt die Panik"

Die meiste Zeit während des Studiums war die Wienerin berufstätig. "Vor Prüfungen war ich lange nicht nervös. Wenn man viel zu tun hat, hat man nicht wirklich Zeit darüber nachzudenken, was auf dem Spiel steht, schiebt es sicher auch immer wieder von sich weg. Irgendwann kommt die Panik. Ich habe geträumt, was nicht alles schief gehen kann, hatte Angstattacken sogar während dem Lernen", gibt sie heute zu. Jedes Buch oder jede Zeitschrift konnte Christine lesen, sich jede Kleinigkeit darin merken. Kaum schlug sie ihre Medizin-Lernunterlagen auf, war nach zehn Minuten die Konzentration weg. "Es war mir bewusst, dass ich keine Zeit hatte, mir die tausenden Seiten zehn Mal durchzulesen. Das hat mich irrsinnig gestresst. Obwohl ich nächtelang durchgelernt habe, war die Menge im Endeffekt zu groß und hat mich erdrückt", erzählt sie.

Angst, Druck und die Erleichterung

Immer wieder meldete sie sich kurz vor Prüfungen noch spontan ab. "Es war kurzfristig eine unglaubliche Erleichterung. Man denkt nicht daran, dass man dadurch wieder länger braucht, ist nur froh, dass die Angst vor dem Versagen endlich weg ist", erklärt die Wienerin. Durch das Geheimhalten des letzten Prüfungsantritts wollte sie sich selbst ein bisschen Druck nehmen. Der Plan ging jedoch nicht auf - sie musste heimlich lernen. "Alles zu verbergen hat mich im Endeffekt nur noch mehr gestresst".

"Hatte sicher depressive Phasen"

Das Versagen auf der Uni wurde zur Gewohnheit. Christine begann an ihrer eigenen Intelligenz zu zweifeln, hatte das Gefühl, ihr Leben nie richtig auf die Reihe gebracht zu haben. "Ich hatte sicher depressive Phasen", sagt sie rückblickend. "Es gab Tage, an denen hätte ich mich am liebsten von einem Auto überfahren lassen." Neben den Problemen im Studium war das seit frühester Kindheit schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter etwas, mit dem sie zusätzlich zu kämpfen hatte. "Sie sah mein Leben lang nur die schlechten Leistungen, hat mich immer spüren lassen, dass ich eine Enttäuschung für sie bin", erzählt sie mit Tränen in den Augen. Mit dem Leistungsdruck, den sie von ihrer Familie bereits in der Volksschule auferlegt bekam, konnte sie nicht umgehen. Die Versagensangst begleitete die 38-Jährige durch ihr gesamtes Studium. Und schließlich scheiterte sie daran.

Ich glaub‘ an dich

Dass eine positive Pathologie-Prüfung die absolute Wende in ihrem Leben gebracht hätte, glaubt Christine selbst nicht. "Nach all den Jahren reicht eine einzelne Initialzündung nicht mehr", erklärt sie. Auch bei anderen Ausbildungen, die sie während Uni-Pausen absolvierte, holten sie ihre Schwächen wieder ein. "Sobald ich wusste, dass ich mich vor anderen beweisen muss, Fragen zu beantworten habe, kam immer der ganze Stress zurück." Von frühester Kindheit an hätte Christine jemanden gebraucht, der wirklich an sie glaubt, sie unterstützt und, wie sie selbst sagt, ihr das auch tausend Mal bekräftigt.

Heute arbeitet Christine trotz allem im medizinischen Bereich, wenn auch nicht in ihrem Traumjob. Nach wie vor weiß ihre Mutter nicht, dass ihre Tochter bis zum Ende gekämpft hat und zumindest in Österreich nicht mehr die Chance hat, ihr Medizinstudium zu beenden. (Oliver Kaut, Maximilian Kronberger, Christoph Wagner,derStandard.at, 15.7.2011)

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holzdieb
00
31.8.2011, 11:04

ja mein gott- war halt zu doof

Chocoholic
30
Jeder muss Matura haben, jeder muss studiert haben,

jetzt muessen sogar die Kindergartentanten ein Studium abschliessen, Hauptsache wir haben Akademiker Akademiker Akademiker wohin das Auge schaut, wies denen geht, was das Studium ihnen abverlangt und obs dann ueberhaupt zielfuehrend ist, das fragt keiner. Studiengebuehren jetzt.

Chocoholic
10
schreibt schon wieder der Ferialpraktikant die Artikel?>

Atheist von Gottes Gnaden
00
21.7.2011, 12:58

gerade in physik ist es fast garantiert, dass man in irgendeinem fach schwierigkeiten hat. in mathe, chemie, mechanik, eletronik, quanten-dies, quanten-das usw gleichzeitig gut sein, schaffen nur die wenigsten. dieses training, mit grossen schwierigkeiten umzugehen ist vielleicht der grund, warum physiker in allen moeglichen anspruchsvollen jobs erfolgreich sind.

Bimbulli
110
17.7.2011, 15:08

Für Menschen, die an ihren Ansprüchen scheitern, empfinde ich die größten Sympathien. Zwar ist es nicht "amtlich", trotzdem Respekt für Ihre Leistung.

AlBundyFan
 
62
18.7.2011, 13:34
aha

also ich empfinde eher respekt für leute, die sich für ein ziel anstrengen und es dann auch schaffen....

Der Stein23
00
2.11.2011, 19:58
ein Fan

AlBundyFan, ich schreibe für den kurier.at eine geschichte über die rolle von online-kommentatoren. Sie posten intensiv wie ich sehe! wären sie interessiert mit mir in kontakt zu treten?

scribo
03
19.7.2011, 13:02

Wieso sind Sie dann ein Al Bundy-Fan?

AlBundyFan
 
00
19.7.2011, 13:33
was hat eine präferenz für eine bestimmte fernsehsendung damit zu tun?

das ist unterhaltung und hat mit dem sonstigen leben nichts zu tun.

scribo
00
19.7.2011, 08:50

Es ist natürlich immer leichter, auf der Seite der Gewinner/innen zu sein.

AlBundyFan
 
00
19.7.2011, 09:04
nein ist es nicht

wenn sich 2 menschen genau gleich anstrengen und einer schafft das ziel und der andere hört irgendwann mittendrin auf, weil die anstrengung zu viel wird, dann ist es unlogisch, den aufgeber mehr respekt zu zollen als dem, der das ziel schafft.

wirklich unglaublich
01
22.7.2011, 09:17
aber sie haben's nicht ganz verstanden:

wenn eine marathonläufer seine über 40 km abspult, ist das eine respektable leistung, keine frage. wenn aber eine übergewichtige person sich mit einem 10 km-lauf abquält, dann ist das nicht nur eine respektable leistung, sondern hat dieser mensch auch noch meine bewunderung, da er ungleich mehr willenskraft und körperlichen einsatz als der marathonläufer aufwenden muss.

Chocoholic
20
ich sehe kein Problem darin, uebergewichtig 4o km abzuspulen.

dauert wahrscheinlich etwas laenger.

AlBundyFan
 
20
22.7.2011, 09:26
also

man muß sich zuerst in einen selbst verschuldeten schlechtern situation befinden, damit du dann eine geringere erbrachte leistung als besser einschätzt.

der 40km-marathonläufer müßte sich also 2 jahre lang unmengen von hamburgern und käsekrainer reinstopfen und 40 kilo zunehmen und dann bewunderst du ihn mehr, wenn er statt 40 km nur noch 10 schafft ..... nein, das verstehe ich nicht - nichtmal halb und schon garnicht ganz.

Heavyweather
00

Was war an der im Artikel beschriebenen Situation "selbst verschuldet"?

Sie hat einfach Pech gehabt und eine Oarschloch Mutter...
Schade dass sie nicht fertig studieren kann.

scribo
01
19.7.2011, 12:59

Das hat mit Logik aber schon gar nichts zu tun. Es geht um persönliche Stärke, Angst, Selbstvertrauen, Mut, etc. Es geht schlichtweg um die Meisterung der eigenen Probleme, die einem im Weg stehen können. Und so was kann man respektieren, egal, ob am Schluss ein Sieg steht oder ein Erfolg.
Genaus aus diesen Gründen ist das Scheitern ebenso wichtig wie das Gelingen.
Aus Niederlagen lernt man meiner Erfahrung meist mehr als aus Siegen.

geordie
01
19.7.2011, 11:21
warum das?

es gehoert viel Mut dazu sich selber einzugestehen, dass man einer Aufgabe trotz grosser Anstrengungen nicht gewachsen ist. Manchmal ist es besser aufzugeben als stur an Zielen festzuhalten, die eigentlich gar nicht oder nur schwer erreichbar sind. Wozu stures Festhalten fuehrt, sieht man im Falle der armen Dauerstudentin. Es waere vielleicht besser fuer sie gewesen, das Studium vorzeitig abbzubrechen, und sich einer neuen Aufgabe zu widmen, anstatt sich so zu quaelen.

AlBundyFan
 
00
19.7.2011, 11:35
natürlich wäre es besser gewesen wenn sie es vorher kapiert hätte

aber die allgemeinheit ist ja gottseidank sowieso meiner meinung, daß die, die etwas schaffen mehr respekt verdienen, als die, die aufgeben.

deshalb sucht man ja auch in der wirtschaft nicht händeringend nach studienabbrechern, weil deren leistung viel respektabler ist, als nach absolventen.

für leute, die selber bei irgendetwas aufgegeben haben ist der gedanke, daß man dafür respektiert wird, natürlich schutzpanzer für die eigenen gefühle....

geordie
02
19.7.2011, 12:06

nur weil Sie so denken, denkt nicht auch "die Allgemeinheit" so. Wer ist die Allgeminheit ueberhaupt? Und in der Wirtschaft werden sehr wohl Leute geschaetzt die einen Irrweg in ihrem Leben korrigieren und sich einer neuen Aufgabe widmen, fuer die sie viel besser geeignet sind und ergo auch bessere Leistungen bringen.

Studienabbruch und dann nichts tun ist natuerlich nicht optimal, aber wenn man klare Vorstellungen davon hat, was man nach dem Studienabbruch aus seinem Leben machen will, dann ist so ein Abbruch ueberhaupt kein Makel, ganz im Gegenteil sogar mutig!

AlBundyFan
 
00
19.7.2011, 12:43
nein

in dem fall ist dann seine leistung im anderen, zweiten, weg der, der respekt verdient - und nicht das scheitern im 1.versuch.

geordie
03
19.7.2011, 16:18
?

ich versteh Ihre Logik nicht. Wenn schon, dann verdienen sowohl das Scheitern als auch der neue Weg Respekt. Denn erst das Scheitern hat zum neuen Weg geführt. Man lebt ja, um Fehler zu machen und diese zu korrigieren anstatt sie endlos fortzusetzen.

subspace99
01
18.7.2011, 10:18

Ich mag Ihre Perspektive.

rm2000
38
16.7.2011, 22:13
Schade...

...aber die Beharrlichkeit über 2 Jahrzehnte zu studieren finde ich beachtlich!

ravenna
186
17.7.2011, 10:51

Man könnte auch stur, dumm oder naiv dazu sagen.

Rinus Michels
02
17.7.2011, 13:57
wieso?

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