Rund 500 Studierende an der Universität Wien sind sehbehindert - Eine Absolventin erzählt von den Hürden des Uni-Alltags
Viktoriya Fedonyuk ist 24. Sie kommt aus der Ukraine. Im Mai 2011 hat sie ihren Bachelor-Abschluss in Politikwissenschaften an der Universität Wien gemacht - in nur fünf Semestern. Sie weiß nicht, was sie in ein paar Jahren von ihrer Umgebung sehen können wird. Große Gegenstände wie Türen, Tische und Fenster kann sie heute erkennen. Gesichtszüge oder das Licht der Fußgängerampeln sieht sie nicht, auch Straßenschilder kann sie schlecht lesen. Viktoriya hat auf beiden Augen eine Makula- Degeneration, eine schwerwiegende Erkrankung der Netzhaut. Sie kann kaum scharf sehen.
Ihre Krankheit entdeckte Viktoriya durch Zufall. Sie begleitete ihre Mutter zum Optiker und ließ sich untersuchen. "Ich habe gedacht, so wie ich sehe, sehen alle." Weder die Tafel, noch die darauf geschriebenen Buchstaben konnte sie sehen.
Daraufhin zog Viktoriya 2006 nach Wien zu ihrer Mutter. "Ich war zwei Monate im AKH und die haben total viele Untersuchung gemacht, aber es gibt gar nichts, was man gegen diese Krankheit machen kann." Inzwischen verwendet Viktoriya eine elektronische Lupe und eine spezielle Software, die Darstellungen auf dem Bildschirm vergrößert. Bücher scannt sie ein und vergrößert den Text. Die teure technische Ausstattung konnte sich Viktoriya erst nach einem Jahr in Wien leisten. Bundessozialamt, Krankenversicherung und verschiedene Sehbehindertenorganisationen unterstützten sie dabei.
490 Sehbehinderte studieren an der Uni Wien
So wie Viktoriya wollen 490 sehbehinderte Studierende an der Universität Wien ihren Abschluss machen, das sind 0,6 Prozent der Studierenden (Stand 2009). Rund 20 von ihnen sind blind. An anderen Universitäten in Wien ist der Anteil etwa gleich: An der Technischen Universität sind 130 Studierende sehbeeinträchtigt, an der Universität für Bodenkultur 50 und an der Wirtschaftsuniversität 90.
Im Student Point im Hauptgebäude der Universität Wien können sich Studierende mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen beraten lassen. Die Universität Wien unterstützt sehbehinderte Studierende unter anderem mit einem Blindenleitsystem, barrierefreien Websites, angepassten Prüfungsmodalitäten und einem Blindenleseplatz in der Bibliothek.
Bibliothek gescannt
Den Blindenleseplatz gibt es seit 16 Jahren. Ursula Hermann und Kerstin Tischler bereiten dort Literatur für sehbehinderte Studierende auf. Viktoriya: "Sie haben mir immer die Bücher gescannt, das war zeitlich immer knapp bei mir. Ich habe so viel zu Hause, das ist die ganze Bibliothek in Politikwissenschaft." Tischler und Hermann scannen die Bücher ein und lesen sie Korrektur. Das fertige Buch schicken sie den Studierenden per Mail.
Für Viktoriyas Studienabschluss war diese Unterstützung sehr wichtig. Hermann: "Wir freuen uns immer sehr, wenn es solche großen Fortschritte gibt. Viktoriya hat sich total verändert. Am Anfang hat sie kaum ein Wort gesprochen. Jetzt spricht sie fließend Deutsch, ist sehr lebhaft und das innerhalb von wenigen Jahren."
Das Büro von Hermann und Tischler ist nicht sonderlich groß. Auf zwei Schreibtischen stehen Scanner, Computer und ein Brailledrucker. "Damit können wir Texte in Blindenschrift drucken, wenn die Studenten nur kurze Skripten brauchen. Für Bücher gibt es eigene Blindendruckereien", sagt Kerstin Tischler. Sie ist selbst blind und kann verstehen wie schwierig der universitäre Alltag mit einer Behinderung sein kann. Kerstin Tischler hat für ihre Arbeit spezielle Hilfsmittel, wie zum Beispiel eine Braillezeile, die ihr das Tippen am Computer erleichtert.
Leitsystem für sehbehinderte Studierende
Zur Orientierung sind im Hauptgebäude der Uni Wien im Eingangsbereich Bodenmarkierungen aufgeklebt. In diesem Leitsystem sind Zusatzinformationen vercodiert, damit sich die Studierenden besser orientieren können. "Es wäre schön, wenn man diese Bodenlinien erweitert, damit sich die Studenten im ganzen Gebäude zurechtfinden" sagt Tischler. Auch im Neuen Institutsgebäude (NIG) ist ein Leitsystem für blinde und sehbehinderte Studierende eingraviert. Viktoriya benutzt die Bodenmarkierungen als Hilfe für ihr schlechtes Sehen: “Das ist cool. Wenn du gehst, spürst du das unter den Füßen."
Sehbehinderte, die an anderen Fakultäten der Uni Wien studieren, müssen ihre täglichen Wege am Institut erlernen. "Ein Leitsystem gibt es dort meist nicht." Im Hauptgebäude, im Neuen Institutsgebäude (NIG) und in der Sensengasse 8a gibt es Leitsysteme. Diese Gebäude sind nicht einzelnen Fakultäten zugeordnet, sondern beherbergen mehrere Institute unterschiedlicher Fakultäten. Die Studierenden prägen sich ein, wie viele Schritte sie in die jeweilige Richtung gehen müssen, um zu einem Hörsaal zu gelangen. Sie benutzen ihre restlichen Sinne, um sich zu orientieren: Manche können “hören”, wo ein Gang endet.
Wien, nicht Wolhynien lehrt das Leben
In der Ukraine waren die Umstände ganz anders. "Wenn ich jetzt in die Ukraine fahre, fühle ich mich so behindert", sagt Viktoriya. An der Wolhynischen Nationalen Universität "Lessja Ukrajinka" hatte sie für zwei Jahre Internationale Beziehungen studiert. Als sie in der Schule war, konnte sie noch normal lesen. Erst an der Universität bemerkte sie, dass sie immer schlechter sehen konnte.
Ihrer Ausbildung in der Ukraine steht sie skeptisch gegenüber: "Diese fünf Semester Studium in Wien waren sozusagen wie ein Kindergarten und eine Schule und eine zweijährige Uni in der Ukraine für mich. Ich habe alles hier gelernt. Das war die Lehre für mein Leben." Einige Lehrveranstaltungen ihres Studiums in der Ukraine konnte ihr die Universität Wien anrechnen. So erhielt Viktoriya in nur fünf Semestern ihren Bachelor. Professoren schickten ihr oft im Vorhinein die Unterlagen für die nächste Vorlesung, damit sie zu Hause alles lesen konnte. Anstatt Referate zu halten, schrieb sie Essays. Zwei Professoren zeigten keine Toleranz für ihre Krankheit. "Die haben überhaupt keine Sorgen um deine Sorgen!"
Ich sehe nicht schlecht, ich spiele schlecht
Optimismus zeigt Viktoriya im Sport. In Österreich hat sie begonnen, Tennis zu lernen. Als sie verstand, dass sie den Ball nicht sehen kann, hörte sie wieder damit auf, und wandte sich dem Schwimmen und Volleyball zu. "Wenn ich auch beim Volleyball den Ball nicht sehe, dann rede ich mir ein, dass ich schlecht spiele, und nicht, dass ich schlecht sehe!" Ihren Erfolg hat Viktoriya Fedonyuk ihrer Hartnäckigkeit zuzuschreiben. Der Hartnäckigkeit und der Tatsache, dass sie immer nachfragt, wenn sie etwas nicht lesen kann.
Viktoriya sucht einen Job, und plant, im Herbst den Master an ihrem Institut zu beginnen. "Ich muss noch so viel lernen. Und ich habe wenig Zeit, weil sich mein Sehen verschlechtert. Ich muss das alles machen, so lange ich noch jung bin. Wenn ich dann 40 bin, keine Ahnung was dann sein wird..." Aber sie ist überzeugt: "Es gibt immer irgendeine Lösung!" (Marlene Kladnik, Stefanie Rachbauer, Martin Riedl, Leonhard Steinmann/derStandard.at, 7.7.2011)