Meeresbiologe Gerhard Herndl widmet sich Mikroorganismen der Tiefsee - Molekularbiologe Jan-Michael Peters ist Spezialist für Zellteilung
Wien - Der Wittgenstein-Preis geht heuer an die beiden Biologen Gerhard Herndl vom Department für
Meeresbiologie der Universität Wien und Jan-Michael Peters vom Institut für
Molekulare Pathologie (IMP) in Wien. Das
gaben Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle und der Präsident des
Wissenschaftsfonds FWF, Christoph Kratky, am Dienstag bei einer Pressekonferenz
in Wien bekannt. Mit einer Dotierung von 1,5 Millionen Euro ist die als
"Austro-Nobelpreis" gehandelte Auszeichnung der höchste wissenschaftliche
Förderungspreis des Landes. Gleichzeitig wurden acht Nachwuchsforscher mit den
mit jeweils bis zu 1,2 Mio. Euro dotierten START-Preisen ausgezeichnet.
Gerhard Herndl (55) ist seit 2008 Professor für Meeresbiologie und Leiter des
gleichnamigen Departments an der Uni Wien. Jan-Michael Peters (48) ist Senior
Scientist am IMP und dessen stellvertretender wissenschaftlicher Direktor. Der
Wittgenstein-Preis steht ausschließlich für Forschungsarbeiten, insbesondere die
Anstellung junger Wissenschafter zur Verfügung.
Marine Mikroorganismen...
Spezialgebiet Herndls sind die marinen Mikroorganismen und deren Rolle in den
Ozeanen. Hier hat er essenzielle Beiträge zu einem besseren Verständnis etwa der
Stoffwechselvorgänge der Tiefsee-Mikroorganismen und deren Rolle in den
Stoffkreisläufen der Weltmeere geleistet. Beispielsweise hat er die Entstehung
des Phänomens "Marine Snow" in der Oberen Adria geklärt, das im Zusammenhang mit
Algenblüten auftritt.
Das Preisgeld erlaube "einen gewissen Freiraum und ohne Geldmangel Forschung
zu betreiben", sagte Herndl. Einerseits will er die Mittel für
die kostspieligen Schiffseinsätze verwenden, andererseits für
molekularbiologische Analysen der in den vergangenen Jahren gesammelten Proben.
Eine spezielle Forschungsfrage hat Herndl auch: So wie pflanzliches Plankton in
Oberflächengewässern Licht als Energiequelle verwendet, um organisches Material
herzustellen, gelingt dies auch Mikroorganismen in der völligen Dunkelheit der
Tiefsee. Als Energiequelle dazu nutzen sie statt Sonnenlicht etwa Ammonium,
"aber das reicht bei weitem nicht aus, um das, was wir an organischer
Kohlenstoffbildung messen, zu erklären", so Herndl, der sich auf die Suche nach
den anderen Energiequellen machen will.
... und Zellteilung
Peters hat sich die vergangenen Jahre vor allem mit den Vorgängen bei der
Zellteilung beschäftigt, speziell der Frage, wie die Tochterzellen eine idente
Kopie der Chromosomen erhalten. Wenn dies nicht der Fall ist, können Krankheiten
wie Krebs und Behinderungen entstehen. Seine Arbeiten haben wesentlich zum
Verständnis der molekularen Mechanismen beigetragen, die dabei eine Rolle
spielen. Insbesondere hat Peters und sein Team die Funktion von Proteinkomplexen
aufgeklärt, die bei diesen Vorgängen eine zentrale Rolle spielen.
Bei diesen Arbeiten hätten sich "für uns neue Themen erschlossen, die
vielleicht noch interessanter sind", sagte Peters. Einige Proteine, die
eine wichtige Rolle bei der Zellteilung haben, hätten auch eine wichtige
Funktion bei der strukturellen Organisation des Genoms. "Wir sind momentan in
der erstaunlichen Situation, dass wir das menschliche Genom vollständig
entschlüsselt und auch einiges Wissen über die Funktion einzelner Gene haben,
aber wie diese Information in den 46 Chromosomen verpackt ist, ist noch
erstaunlich wenig verstanden", so Peters.
Die DNA ist ja nicht irgendwie in den Zellkern gestopft, sondern in hoch
komplizierter Weise in den Chromosomen angeordnet. Aus guten Gründen, denn diese
Struktur hat wesentlichen Einfluss darauf, welche Gene aktiv und damit verwendet
werden können oder nicht. Vor allem der bei der Zellteilung wichtige
Proteinkomplex "Cohesin" hat auch eine wichtige Rolle dabei, wie die DNA
verpackt ist. Und das soll ein neuer, mit dem Wittgensteinpreis finanzierter
Forschungsschwerpunkt Peters werden.
Acht neue Nachwuchsforscher
im START-Programm
Neben dem Wittgenstein-Preis wurden aus 56 Bewerbungen acht Nachwuchsforscher
in das START-Programm aufgenommen. Mit der höchstdotierten und anerkanntesten
Förderung für Nachwuchsforscher sollen die ausgezeichneten Wissenschafter in den
nächsten sechs Jahren finanziell weitgehend abgesichert ihre Forschung planen
und eine eigene Arbeitsgruppe auf- bzw. ausbauen können.
Den START-Preis 2011 erhalten: Peter Balazs, Institut für Schallforschung der
Akademie der Wissenschaften (ÖAW); Agata Ciabattoni, Institut für
Computersprachen, Technische Universität (TU) Wien; Sebastian Diehl, Institut
für Theoretische Physik, Universität Innsbruck; Alwin Köhler, Department für
Medizinische Biochemie, Medizinische Universität Wien; Thomas Müller, Institut
für Photonik, TU Wien; Peter Rabl, Institut für Quantenoptik und
Quanteninformation, ÖAW; Michael Sixt, Institute of Science and Technology
Austria (IST Austria); Philip Walther, Institut für Quantenoptik und
Quanteninformation, Universität Wien. (red/APA)
=> Zur Person: Gerhard Herndl und Jan-Michael Peters