Hochsicherheitstrakt Hochschule

6. Juli 2011, 11:59
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Immer mehr österreichische Bildungsstätten überwachen den Alltag ihrer Studenten am Campus mit Kameras - Was steckt hinter dem Trend zur "Big Brother"-Mentalität?

Ein Tag wie jeder andere. Studentin Marcella tritt durch die Schiebetüren der Fachhochschule Wien ein und sucht auf einem Infoscreen in der Halle ihren Hörsaal. Die 20-Jährige studiert seit zwei Semestern Journalismus und Medienmanagement. Das kleine Schild im Eingangsbereich, das alle Besucher und Studierende darauf hinweisen soll, dass das Gebäude videoüberwacht ist, hat sie seither noch nicht wahrgenommen. Die ersten Anzeichen der Videoüberwachung, die Marcella registriert, hängen in Form von zwei Kameras an der Abzweigung zum Audimax der Fachhochschule. Sie steht bereits im direkten Blickfeld der elektronischen Augen.

Plätze mit erhöhtem Risiko?

Die FH Wien ist nur eine von zahlreichen österreichischen Bildungsstätten, die ein Sicherheitskonzept mit Videoüberwachung durchführt. An der FH Technikum Wien, der FH Campus Wien oder der Wirtschaftsuniversität Wien arbeiten die Sicherheitsbeauftragten mit ähnlichen Methoden. Auch außerhalb von Wien überwachen etliche Universitäten und Fachhochschulen ihre Studenten. Laut dem Bundesministerium für Inneres hängen in Wien Kameras an Plätzen mit erhöhtem Risiko, wie etwa dem Schwedenplatz oder auch in öffentlichen Verkehrsmitteln. Ob die Verhältnismäßigkeit der Überwachung der Studierenden an Unis und FH's gegeben ist, bleibt unklar. "Einmal hat diese Videoüberwachung schon viel gebracht, weil in einem Institut an der FH Wien eine seltsame Anhäufung von Verlusten an Geld in den Taschen der Studierenden stattgefunden hat", erinnert sich Michael Heritsch, Geschätsführer der FH Wien-Studiengänge der WKW an einen Vorfall 2010.Mithilfe der Videoaufzeichnungen, die bis zu vier Wochen gespeichert werden, konnten die Täter überführt werden.

Die Barrikaden bleiben leer

Es ist ein schwieriges Verhältnis zwischen Sicherheit und persönlicher Privatsphäre. Michael Heritsch gibt zu, selbst nicht allzu begeistert von den elektronischen Begleitern zu sein: "Ich persönlich bin überhaupt kein Fan von Kameras, aber der positive Effekt ist einfach unbestreitbar". Bevor die rund 200 Kameras im Jahr 2008 in Betrieb genommen wurden, waren Diebstähle und andere Delikte an der Tagesordnung. "Ob es nur an den Kameras liegt, weiß ich nicht, aber seit wir das Überwachungssystem installiert haben, gibt es praktisch keinen Vandalismus mehr," so Heritsch.

Als 2007 entschieden wurde, dass die Studenten an der FH Wien zu jeder Zeit unter Beobachtung stehen werden, blieben die wichtigsten Protagonisten in der Entscheidung außen vor. „Es war eine Entscheidung der Bauherrn", begründet Heritsch, dass die Studenten nicht befragt wurden. Proteste aufgrund der ständigen Überwachung gab es auf der FH Wien noch nie, die Studenten scheinen sich mit „Big Brother" angefreundet zu haben. Nur wenige stoßen sich an den mechanischen Augen. "Ich finde es etwas befremdlich. Da frage ich mich schon, warum man meint, uns permanent überwachen zu müssen.", äußert sich der 22-jährige FH-Student Paul kritisch.

Auch sein Studienkollege Sebastian ist kein Freund der Kameras: "Ich als Mensch möchte zu keinem überwachten Objekt degradiert werden. Ich fühle mich dadurch in meiner persönlichen Freiheit eingeschränkt. Wo kommen wir denn hin, wenn in einer Gesellschaft plötzlich jeder Einzelne unter Generalverdacht steht?" Aktiv unternommen haben die beiden noch nichts gegen die Videoüberwachung an ihrer Hochschule. Zu erdrückend scheint die Mehrheit der Studierenden, denen das "Big Brother"-Gefühl egal ist.

Weniger Akzeptanz beim großen Nachbarn

Ein Blick nach Deutschland zeigt vereinzelt mutigere Studierende. Das Gefühl, beobachtet zu werden, wird von manchen nicht bloß beklagt, es wird aktiv dagegen vorgegangen. Immer wieder wehrten sich Betroffene an deutschen Unis gegen die Überwachung. An der Berliner Humboldt Universität (HU) ermahnte 2003 ein Hausmeister über ein Mikrofon, einen jausnenden Studenten er solle doch aufhören, mit seinem Pausenbrot die Bank zu beschmutzen. Der Jura-Student Carlos Katins deckte daraufhin auf, dass noch versteckte Kameras aus DDR-Zeiten in Betrieb waren. Nach massiven Beschwerden wurden die Kameras abgebaut und die Überwachung an der HU auf vermeintliche "Brennpunkte" wie die Garderoben reduziert.

Auch Studenten der Universität Münster wehrten sich erfolgreich gegen die permanente Videoaufzeichnung ihres Campusalltags. Das Verwaltungsgericht Münster hat 2007 zu Gunsten der klagenden Studenten entschieden. "Die Praxis der Videoüberwachung, also des Speicherns von Kamerabildern, ist damit nur noch unter sehr engen Voraussetzungen möglich.", freut sich Annelie Kaufmann, eine der Klägerinnen. Auch in Berlin und Paderborn sind durch Überprüfungen der Datenschutzrichtlinien Besserungen erwirkt worden. "Viele Studenten sind der Meinung, gegen Videoüberwachung kann man nichts machen, doch das stimmt nicht", spricht Axel Rüweler vom deutschen "Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs" Studenten Mut zu, denen die "Big Brother"-Mentalität ihrer Hochschulen zu weit geht.

Kameras als gemütlichste Lösung

Laut dem Datenschutzexperten Hans Zeger wird die Videoüberwachung grundsätzlich allzu leichtfertig und vorschnell eingesetzt. Kameras zu installieren sei vielfach billiger, als die Einrichtungen bau- und organisationstechnisch sicher zu gestalten. „Bevor man eine ordentliche Tür kauft, stellt man eine Kamera hin," sagt der Obmann der Arge-Daten. Das Hauptproblem bei der Observierung sieht er in der Frage, ob man mit dem aufgezeichneten Material auch etwas anfangen kann. „Selbst wenn ich ein gutes Foto von jemandem habe, wenn es ist nicht gerade der Bundespräsident ist, finde ich die Leute einfach nicht." Einfache Maßnahmen wie das Einsperren oder zusätzliche Befestigen von technischen Geräten seien in der Regel ohnehin die bessere Variante, um Vandalismus und Diebstahl zu verhindern. „Ich will ja, dass nichts gestohlen wird und keine schöne Aufnahme davon wenn was gestohlen wird", so Zeger.

Die Studenten begegnen der Überwachung auf ihre Art und Weise. Statt Protest, herrscht Schulterzucken: "Naja, immerhin kann ich nach meinem Bachelorabschluss drei Jahre Erfahrung vor der Kamera vorweisen. Das erleichtert bestimmt den Einstieg in den TV-Journalismus", heißt es zynisch vor dem Kaffeeautomaten.

Für Marcella geht dieser FH-Tag zu Ende. Doch ihre nächste Performance vor der Kamera lässt nicht lange auf sich warten: Nach Hause fährt sie nämlich mit der U-Bahn. (Stephanie Hüttner, Franz Hubik, Sebastian Huber, Andreas Hagenauer/derstandard.at, 6.7.2011)

  • 200 Kameras überwachen die Gänge der FH Wien.
    foto: derstandard.at/sebastian huber

    200 Kameras überwachen die Gänge der FH Wien.

  • Marcella im toten Winkel der "mechanischen Augen".
    foto: derstandard.at/sebastian huber

    Marcella im toten Winkel der "mechanischen Augen".

  • "Bevor man eine ordentliche Tür kauft, stellt man eine Kamera hin."
    foto: derstandard.at/sebastian huber

    "Bevor man eine ordentliche Tür kauft, stellt man eine Kamera hin."

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