Teurer, fauler Student

11. Juli 2011, 10:05
161 Postings

Der österreichische Student hat in der öffentlichen Wahrnehmnung gegen Vorurteile zu kämpfen: Faul sei er, und dem fleißigen Bürger liege er auf der Tasche

"Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen", behauptete der große griechische Denker und Philosoph Aristoteles vor 2000 Jahren. Ersetzt man "Jugend" durch "Student", so spiegelt dieses Zitat die Meinung eines nicht unerheblich großen Teiles unserer Gesellschaft.

Der durchschnittliche Student geht lieber auf Partys statt auf die Uni, liegt dem Staat auf der Tasche und macht nichts als Krawall. Mindeststudienzeit ist unseren Studenten ein Fremdwort, denn die hauseigene Eltern-Bank finanziert ein sorgloses Dasein. Eine richtige Arbeit kennt er/sie hingegen nur vom Hörensagen. Soviel zum Studenten-Bashing. Doch haben diese gängigen Mythen und Vorurteile über die Leistungsträger von morgen einen wahren Kern?

Stefan Hopmann, Bildungswissenschaftler an der Universität Wien, ist überzeugt, dass die oft zitierten Vorurteile gegenüber Studenten "so alt sind wie die Erfindung der Universität selbst". Historisch betrachtet entstünden sie aus der Tatsache, dass Studenten aus dem Lebensrhythmus und Zeitmanagement der sie jeweils umgebenden Gesellschaft ausscheiden, so Hopmann gegenüber derStandard.at Man billigt es nicht, wenn junge, arbeitsfähige Menschen "nur" studieren. Wer sich mit 50 bei bester Gesundheit in die Frühpension verabschiedet, darf dafür mit Anerkennung rechnen.

Sechs von zehn Studenten arbeiten neben dem Studium

Die vom Institut für höhere Studien (IHS) jährlich durchgeführte Studierenden-Sozialerhebung, rückt die Vorurteile in ein anderes Licht. 61 Prozent der Studenten sind erwerbstätig. Davon arbeiten zehn Prozent Vollzeit, neben dem Studium. Für drei von vier erwerbstätigen Studenten ist das Geld zwingend notwendig, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Besonders gravierend ist die Situation der Studenten an den Kunstuniversitäten: zwölf Prozent gehen nebenher vier oder mehr Beschäftigungen nach. Wer denkt, dass Studierende hauptsächlich für Alkohol und Zigaretten Geld benötigen, irrt ebenfalls. Für Wohnen und Ernährung wird aufgrund der Teuerung mehr Geld ausgegeben als früher. Gleichzeitig sinken die Ausgaben für Freizeit, Alkohol und Zigaretten.

Das war nicht immer so. Die Zusammensetzung und soziale Situierung der Studierenden hat sich verändert. Laut Hopmann waren Studenten früher "eine kleine, wohlversorgte Gruppe aus gutbürgerlichen Familien". Da Studenten mittlerweile aus allen möglichen gesellschaftlichen Schichten kommen, habe sich sowohl deren Lebensbedingungen, wie auch die Wahrnehmung in der Bevölkerung verschoben. Fast jeder kennt heute einen Studierenden aus seinem Bekannten- oder Verwandtenkreis.

Strebsame und faule Studenten

So auch Monika Latt, Frühpensionistin. "Bei Vorurteilen ist es wie mit Gerüchten: Sie entstehen nicht ohne Grund, und deshalb ist meistens etwas Wahres dran." Gefragt, ob die Vorurteile somit zutreffen, antwortet die 51-Jährige, dass Sie bereits beide Seiten kennen gelernt hat. Beide Seiten? "Nun ja, meine Tochter studiert auch. Sie finanziert sich aber ihr Studium mittels Stipendium und Nebenjobs selbst." Und die andere Seite? "Natürlich gibt es auch das Gegenteil. Bekannte meiner Tochter studieren seit fünf Jahren, werden von den Eltern finanziert und haben bis auf die Einführungsprüfung noch keine Prüfung abgelegt." Man solle Studenten niemals alle in einen Topf werfen.

Monika Latt steckt die Studenten in zwei Töpfe: den Strebsamen und den Faulen. Doch es gibt Studenten, die nur deshalb bis Mittag schlafen, weil sie zuvor bis in die frühen Morgenstunden für eine Prüfung gelernt haben. Es gibt auch jene Studenten, die Abends oft Ausgehen, und trotzdem am nächsten Morgen pünktlich um 8.30 Uhr in der Vorlesung sitzen, und ihr Studium sehr ernst nehmen. So wie es auch die Studenten gibt, die um 19.00 Uhr aufstehen, da um 19.30 Uhr der Supermarkt schließt.

Laut Bildungsexperte Hopmann gibt es tatsächlich eine nicht unerhebliche Gruppe Studierender, die für Studium und Arbeit zusammen noch immer weniger Zeit aufbringen als der durchschnittliche Arbeitnehmer. In manchen Studienrichtungen müssen auch nicht mehr als 30 Wochenstunden aufgebracht werden, um "durchzukommen". Dann gibt es natürlich auch einige, die 50 Stunden oder mehr in Anspruch nehmen. Es gibt also auch einen dritten Topf, einen vierten, einen fünften...

Die alles schlechtredende Neidgesellschaft

Trendexperte Harald Pitters kennt das Phänomen der schnellen und oftmals falschen Meinungsbildung. „In Österreich ist dieses sanktionslose, öffentliche Beschimpfen leider gang und gäbe." Vielleicht stünden Studenten gesellschaftlich deshalb so schlecht da, weil sie den Neid von einem Großteil der österreichischen Bevölkerung auf sich ziehen würden.

Hopman sieht das eigentliche Problem woanders: "Wir haben viel zu wenig Studierende, die wirklich aus eigenem Antrieb deutlich mehr lesen, mehr schreiben, sich mehr engagieren als erforderlich ist, um das Studium formal erfolgreich abzuschliessen. Das hat überhaupt nichts mit den äusseren Studienbedingungen zu tun. Sich darauf zu berufen, ist eine faule Ausrede." Selbst in den rigorosesten Bolognastrukturen sei mehr Platz für Eigeninitiative, als in fast jedem anderen Beruf. Dieser Spielraum werde allerdings nur von einem Bruchteil der Studierenden produktiv genutzt.

Dabei fanden vor zwei Jahren die größten studentischen Proteste seit Jahrzehnten statt: die Audimax-Besetzung. Eine Handvoll Obdachloser, welche in der Wiener Universität schliefen, überflügelten dabei in der öffentlichen Wahrnehmung den Protest hundertausender Studenten. 

VSSTÖ-Chefin Gruber: "Vorurteile sind verfehlt"

Angelika Gruber, Vorsitzende der SPÖ-nahen VSSTÖ und stellvertretende ÖH-Vorsitzende, kann dem erwartungsgemäß wenig abgewinnen: "Diese Vorurteile werden hauptsächlich von der Gegenseite lanciert und sind auch verfehlt. Fakt ist, politisch Krawall machen ist gut, um dringend nötige gesellschaftliche Veränderungen zu erzwingen".

Der Behauptung, dass Studierende nur um des Studieren willens studieren, setzt Gruber ein klares 'Nein' entgegen. "Die strenge Regelung mit den Toleranzsemestern verringert unseren finanziellen Spielraum - wer zu lange studiert muss zahlen und verliert seine Beihilfe".
Woher die Vorurteile kommen, darüber sind sich die Befragten längst nicht einig. Darüber, dass Vorurteile tatsächlich existieren, aber schon.

Ob das Image des faulen und schmarotzenden Studenten korrigiert werden kann, ist  zweifelhaft, denn Vorurteile überdauern hierzulande neue gesellschaftliche Realitäten oft. Und wie schon Albert Einstein einst erkannte, ist es "leichter einen Atomkern zu spalten als ein Vorurteil. (David Donnerer, Barbara Dürnberger, Sarah Dyduch, Benedict Feichtner, derStandard.at, 11.07.2011)

  • Gemütliches Studentenleben.
    foto: sarah dyduch/derstandard.at

    Gemütliches Studentenleben.

  • VSSTÖ Vorsitzende Angelika Gruber.
    foto: sarah dyduch/derstandard.at

    VSSTÖ Vorsitzende Angelika Gruber.

Share if you care.