Das Zentrum der Krise ist Brüssel, nicht Athen

Kommentar der anderen | 20. Juni 2011, 19:05

Vorschläge für eine politische Lösung der Euro-Krise

Die griechische Finanzkrise ist schon längst nicht mehr eine griechische noch ist sie finanzieller Natur. Sie ist eine politische Krise der gesamten EU und muss daher auch politisch gelöst werden. Es geht also mehr um Brüssel als um Athen.

Griechenland wird seine Schulden nie zurückzahlen. Die zahlreichen Rettungsschirme konnten zwar die akute Zahlungsunfähigkeit abwenden, die Frage der langfristigen Haftungsverpflichtungen ist aber nach wie vor ungeklärt. Man muss den Tatsachen ins Gesicht sehen, die seit langem bekannt waren: Keine Gemeinschaftswährung kann sich dauerhaft ohne einen dominanten Staat etablieren bzw. ohne eine Form des Föderalismus (wie in den USA).

Die Währungskrise kann nicht mittels eines Ausstiegs Griechenlands aus der Eurozone gelöst werden, wie manche vorschlagen. Das würde das europäische Bankensystem binnen Tagen unterminieren und die öffentlichen Schulden andrer europäischer Staaten erhöhen. Und: ein Wunder können wir von Griechenland nicht erwarten, so tun, als könnte es das Resultat von 30 Jahren laxer Politik in ein paar Monaten ungeschehen machen.

Nachdem nun die Konsequenzen offen auf der Hand liegen, wäre es ein Leichtes, auf die Fehler einzugehen, die uns in diese Lage gebracht haben. Wir hätten Griechenland nicht mit gefälschten Zahlen der Wirtschafts- und Währungsunion beitreten lassen sollen. Wir hätten die Schulden nicht derart anwachsen lassen sollen angesichts der schwachen Wirtschaftslage des Landes. Wir hätten die Griechen viel früher zwingen müssen, effiziente Steuer- und Wirtschafts-Instituionen einzurichten.

Dafür ist es leider zu spät. Wir sollten daher endlich aufhören, von einem griechischen Problem zu sprechen und beginnen, uns mit dem Problem der EU zu beschäftigen. Es gibt Lösungen. Wir müssten nur den Mut aufbringen, folgende Maßnahmen zu implementieren:

  • ein Europäisches Finanzministerium einrichten;
  • einen "europäischen Brady Plan" (benannt nach dem amerikanischen Finanzminister, der die Umschuldung Lateinamerikas in den 1980ern verhandelt hat) lancieren, der auch beinhaltet, europäische Anleihen herauszugeben, die die Schuldenrückzahlung von Griechenland, Portugal und Irland auf 20 Jahre erstrecken und europäische Investitionen finanzieren;
  • eine umfassende europäische Wertschöpfungsabgabe zu einem niedrigen Zinssatz (1 Prozent) festlegen, die die notwendigen Mittel zur Schuldenrückzahlung aufbringen würde.

Obwohl Europa im Kollektiv die weltweit größte Wirtschaft darstellt, wird es in einer Welt, die von Amerika und China beherrscht wird, nicht mithalten können, wenn es in der aktuellen Krise nicht endlich als politische Einheit agiert ... (Kommentar der anderen, Jacques Attali, DER STANDARD, Printausgabe, 21.6.2011)

Jacques Attali, Jg. 1943, war langjähriger Berater des französischen Staatschefs Francois Mitterand und bis 1993 Chef Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD): sein hier in Kurzfassung publizierter Kommentar erschien zuerst in der "New York Times".

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René Herndl
01
21.6.2011, 17:26
das Problem IST Brüssel, ...

... und zwar nicht, weil dort keine "effizienten Institutionen" geschaffen wurden, sondern, weil es von dort keine fundamentalen Strukturvorgaben und Steuerharmonisierungen gab. Die unerträglich hohen Militärausgaben sind nur ein Nebengeräusch des Problems, die Finanz- und Konzerndominanz das wesentliche. Man hat verabsäumt das menschlich-soziale Maß anzulegen und statt dessen den Lobbies die Hand gereicht. Die Folgen sind Spekulationsblasen, Nepotismus und Korruption, asoziale Gewinnmaximierung und eine Polarisierung der Gesellschaft. Die Revolution wird kommen - vielleicht schneller, als wir denken?!

Silvio Lackner
00
22.6.2011, 00:08
ad Militärausgaben: frag den Leitl!

Gehts der Wirtschaft gut, gehts uns ALLEN gut.
"Hahaha" (sagt drauf der Mensdorf-Pouilly, heimlich, beim Achterl mit dem Leitl). "Prost, auf die Hackler", sagt drauf der Leitl zum Mensdorff.

Friedel Marksteiner
 
11
21.6.2011, 16:56
Je größer eine politische Einheit, desto ineffektiver und gefährlicher,

das hat Leopold Kohr sehr überzeugend dargelegt (z.B. in 'Das Elend der Großen'); und es stimmt noch heute: siehe USA auf der einen, die skandinavischen Länder, Schweiz, Benelux, Österreich auf der anderen - mit teils eigener Währung, teils nicht in der EU.
Es ist der typische Reflex des Politikers, mehr Macht zu verlangen, wenn die dzt. nicht auszureichen scheint.
Die Sachvorschläge von Herrn Attali in Ehren, aber bitte keine EU-Großmacht. Die Vorschläge lassen sich auch in einer Wirtschaftsunion realisieren.

noirc80
10
21.6.2011, 19:04
die eu ist nur deshalb ineffektiv, weil ihr die nötigen kompetenzen fehlen oder was glauben sie, warum beschränkt sich das eu-parlament darauf, glühbirnen einzuführen und gurkenformen zu normieren?

eine "großmacht" im sinne von"selbsternannte weltpolizei" brauch ich jetzt auch nicht... aber diese nationalstaaten ... wie soll man denn eine gemeinsame wirtschafts- und finanzpolitik machen, wenn man in anderen bereichen nicht auch versucht, sich anzugleichen, das geht doch gar nicht. bsp. wirtschaftskriminalität, da braucht es eben nationalstaaten übergreifende polizeiarbeit. bildung: wenn ein land da nicht investiert, können sie dort auch schlecht gut ausgebildete arbeitskräfte finden, folglich gibt es dort weniger investitionen und gut ausgebildete wandern in andere staaten ab... eine "wirtschaftsunion" wird nur funktionieren, wenn man sich auch in allen anderen bereichen versucht abzustimmen.

trollvottel
00
21.6.2011, 17:41

Aha. China ist deiner Meinung nach also völlig ineffektiv; die aus vielen kleinen Staaten zusammengesetzten Machtblöcke wie EU oder Afrika dagegen ein Vorbild an politischer Entscheidungsfähigkeit ... richtig?

Wichtig ist heutzutage nicht mehr, dass sich ein Ministaaterl gegen seinen Nachbarn durchsetzt, das ist das lächerlich kurzsichtige Denken von vor 200 Jahren.

Eher tobt ein Kampf um die weltweite Hegemonie in wenigen hundert Jahren, und ob diese sich mehr chinesisch-diktatorisch anfühlt oder europäisch-bildungsaffin-säkulär, oder amerikanisch-evangelikal. Ein Europa aus Ministaaterln wäre bei dieser Frage irrelevant.

Silvio Lackner
12
21.6.2011, 15:41
Der europäische Zentralstaat hätte klammheimlich

über die Hintertür eingeführt werden sollen. Vor allem in Österreich wurde versucht, die Menschen über den Tisch zu ziehen (Zentralverfassung von Schwarzblau absegnen lassen, nationale Verfassungsbestimmungen dadurch aushebeln). Unglaublich eigentlich, wie da im Handumdrehen über so fundamentale Entscheidungen drübergewischt wurde.

Ich bin mir nicht sicher, was besser ist. Gut funktionierende, sozial homogene Nagtionalstaaten mit hohem Identifikationsgrad haben auch was für sich.

trollvottel
00
21.6.2011, 17:44

Und zwar haben die genau was für sich?

Es liegt in der Natur des Menschen, dass man Gruppen als "meine Leit" definiert und andere Gruppen als diejenigen, die Faustschläge verdient haben; das ist ein angeborener Mechanismus, den man in primitiven Stammeskulturen ebenso wieder findet wie in DSDS oder den Machtkämpfen innerhalb einer Partei usw usw.

Und ich finde es eher lästig und unangenehm, nur wegen dem Ort meiner Geburt automatisch als charmanter, Schmäh führender Rechtsextremer dazustehen; die angebliche "Liebe zum Heimatland" bedeutet im Regelfall doch nur, dass man sich über Ausländer lustig macht, wie es die "stolzen Deutschen" gern mit Ösis machen.

Silvio Lackner
10
21.6.2011, 23:53
Dann wirf aber bitte dem KH Grasser nicht vor,

wenn er seine Millionen steuerschonend in irgendwelchen Schachtelbriefkastenfirmen im ausländischen Liechtenstein parkt (er denkt sich scheinbar das Gleiche wie du über die arbeitende inländische Schicksalsgemeinschaft: "piss on you working rednecks - Austria is just a cash cow for me").

trollvottel
00
22.6.2011, 10:21

Was für eine miese Unterstellung. Kannst du deine Beleidigungen gegen mich irgendwie begründen?

Bitte spekuliere nicht mehr darüber, was Leute vielleicht denken, wenn du offensichtlich nicht auch nur annähernd die Argumente des vorigen Posts nachzuvollziehen imstande bist.

Silvio Lackner
00
22.6.2011, 12:22
Sorry,

war zu heftig.

trollvottel
00
22.6.2011, 13:41

Meine Reaktion ja auch.

Freund der Sanktionen
01
21.6.2011, 16:21
Ja, was passiert, was in Nationalstaaten

bei hohem Identifikationsgrad passiert haben wir in Europa im letzten Jahrhundert (und nicht nur dort) oft genug gesehen.
Daher meine Forderung: weg mit diesem Mief, weg mit Patriotismus!

Silvio Lackner
21
21.6.2011, 23:59
Aha, also ein Europa ohne Patriotismus.

Das heißt, wir legen unser Geld dann in Dollar in der Wall Street an. Weil alle, die uns näher stehen = pfui gaga Patriotismus.
Wenn Dir schon das nationalstaatliche Zusammengehörigkeitsgefühl ein Greuel ist, wie soll dann eine europäische Solidarität funktionieren? Das ist ja das Grundübel Europas: die solidaritätsflüchtende Elite meinte, hier abseits der Proleten ihr Paradies etablieren zu können. Und solche wie du unterstützen das auch noch.

Freund der Sanktionen
00
22.6.2011, 13:35
Ja klar.

Jeder der kein Patriot ist legt sein Geld in Dollars an...

Lazarsfeld
21
21.6.2011, 15:17

Europa wird nur auf Grundlage von soliden und effizienten Nationalstaaten überleben können. Kooperation ja, EU Zentralismus nein. Das müssten doch alle aus €uro, Schengen etc. zwischenzeitlich erkannt haben.

http://derstandard.at/130818659... wirtschaft

le chat botté
11
21.6.2011, 17:00

Ich behaupte: Je "solider und effizienter" die Nationalstaaten sind, desto mehr neigen diese dazu, nach eigenem Ermessen zu agieren und ihre "legitimen nationalen Interessen" auch zum Schaden anderer durchzusetzen. Es leuchtet ein, dass das nicht die Zukunft (Europas) sein kann.

Freund der Sanktionen
22
21.6.2011, 16:18
Aha? Und wenn da keine "soliden Nationalstaaten"

sind, dann wird nicht überlebt und da ist plötzlich ein grosses schwarzes Loch?
Der Nationalstaat, hat sich einfach überlebt. Besonders in Europa, wo Sprach-, Kultur- und wirtschaftliche Grenzen quer durch sogenannte nationalstaatliche Grenzen gehen ist Ihre Forderung brandgefährlich...

Wolfgang56
00
21.6.2011, 14:38
Globale Lösung;

ich denke gerade daran: alle Länder entschulden und neu von vorne beginnen. Ist eigentlich nur ein Buchungsvorgang.
Weder die USA, Griechenland, Österreich, usw. werden jemals in der Lage sein die Staatsschulden zu begleichen. Wie und von was denn?

zittersepp
11
21.6.2011, 14:09
Ein Europäisches Finanzministerium einrichten??

Der Club Med hätte dann direkten Zugriff auf die Länderhaushalte der "Geberländer", die nationalen Politiker haben dann finanziell über Ihr Budget nichts mehr zubestimmen.

Brüssel befiehl, wir gehorchen.

Der Traum aller Diktatoren, Neofaschisten und Neosozialisten.
Wie kann man bloß so etwas vorschlagen?

Lego12
30
21.6.2011, 15:05
purer realismus

Wozu ist die EU sonst gut, wenn nicht uns zusammenzuschalten um gegen USA/china wirtschaftlcih zu bestehn...

es is doch in fast allem schon ein "brüssel befiehlt" nur das in brüssel auch nsere vertreter theoretisch mitmachen...

Enrico Furioso
00
21.6.2011, 18:34
Gegen die USA

besteht doch Europa schon längst. Und gegen China hilft auch ein engerer Zusammenschluss nichts ... es sei denn, er ist mit radikalem Lohndumping und Abbau der Sozialleistungen in der EU verbunden. Aber vielleicht ist ja das gemeint.

Don Alfred
20
21.6.2011, 13:59
Blanker Nervenpocker

Es stimmt, Griechenland (und Portugal) hätten nicht in den EURO-Raum rein dürfen. Da hat man sich was vorgemacht.

Jetzt ist es aber nun mal so, und die Suppe muss ausgelöffelt werden. Es wird wohl nicht ohne Umschuldung gehen.

Warum sollte den Banken nicht nachdrücklich nahegelegt werden, die Staatsanleihen Griechenlands in solche mit längerer Laufzeit (und gedeckelten Zinsen?) umzutauschen, wie es in Österreich bei der Finanzkrise gemacht wurde?

Es wird hier ein heißer Poker gespielt, gewinnen wird der, der möglichst wenig geschoren davon kommt. Ob am Ende der neue griechische Finanzminister weiter jovial grinsen wird, ist unwahrscheinlich. Noch kann Griechenland in den Bankrott gleiten. Auch das würde die EU überleben.

Deutschland hat sich

Don Alfred
20
21.6.2011, 14:03
Blanker Nervenpocker 2

.... Deutschland hat sich
in weiser Voraussicht ein mögliches Njet des Parlaments in die Verfassung geschrieben. Sehr klug und gut für die Verhandlungspositition im Poker.

Gibt's auch was Positives am Griechenland-Chaos?

Ja, so schnell wird's kein EU-Land Griechenland nachmachen. Alle können aus dieser Krise ihre Schlüsse ziehen und lernen.

Die EU und der EURO werden diesen Stresstest überstehen.

Lupus67
10
21.6.2011, 12:53

die damen und herren die europa diktieren sprechen der bevölkerung immer jede kompetenz ab, ebenso die sogenannten "wirtschaftsexperten" die immer neue lösungen (immer auf dem rücken der allemeinheit) "ausprobieren" wollen.

aber auch wenn die breite bevölkerung vielleicht nicht so "große einsicht" in die ominösen sichweisen der "obrigkeit" hat, merken doch alle eines..........

die sogenannten experten sind genauso inkompetent, wie sie von uns behaupten, darüberhinaus noch dummdreist präpotent und belügen uns täglich aufs unverschämteste nach strich und faden.

trollvottel
00
21.6.2011, 17:51

Seltsam. Du scheinst kein Rassist zu sein, quatschst aber die lächerlichsten Argumente der Rechtsextremen nach.

a) "Eine Minderheit diktiert bla" ... Unsinn, erstens stellen die Mitgliedsländer die Abgeordneten in Brüssel, so dass wir eh mitbestimmen; zweitens ist das EU-Parlament keine Verschwörung ... da mit "Obrigkeit" anzufangen ist IMO Themenverfehlung.

b) Klar, das Siebenundsechtziger-Wolferl ist nämlich der volle Superchecker und hundertmal schlauer als sämtliche der sogenannten Uni-Absolventen und studierten "Experten" ... klar ... dein Posting wirkt daher natürlich üüüüüberhaupt nicht präpotent, dummdreist und voller unverschämter Lügen. Oder etwa doch?

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