Sitzenbleiben: Wegreformiert

20. Juni 2011, 18:35

Manche schwarze Landesorganisation befand, dass beim Sitzenbleiben mit drei Fünfern dem Leistungsprinzip nicht Genüge getan wird

Experten haben es ja schon immer gesagt, aber eigentlich reicht auch der Hausverstand, um zu begreifen, dass das Sitzenbleiben mit einem Fünfer (oder zwei oder drei) nicht sinnvoll ist. Es ist mehr eine Strafe für Faulheit und mangelndes Auffassungsvermögen, als eine pädagogisch oder lerntechnisch sinnvolle Maßnahme. Es ist nicht einzusehen, warum man ein Jahr verlieren und den Stoff in allen anderen Fächern wiederkäuen muss, wenn man in bestimmten Fächern auf "Nicht genügend" steht.

Das neue Schulmodell mit einer "modularen Oberstufe" macht die Schule und ihr System zwar nicht einfacher, aber logischer. Der Semesterstoff wird künftig in Module eingeteilt, bei einem negativen Abschneiden müssten nur noch einzelne Module nachgeholt werden. Die positiven Noten vom vorigen Schuljahr blieben erhalten. So weit, so gut, das fanden auch die ÖVP und ihr Bildungssprecher Werner Amon, der dieses System mitverhandelt und mitpräsentiert hat. Bis es Gegenwind aus den eigenen Reihen gab.

Manche schwarze Landesorganisation befand, dass hier dem Leistungsprinzip nicht Genüge getan wird. Aufsteigen mit Fünfer? Dann heiraten wohl auch bald gleichgeschlechtliche Paare! Lieber möge alles beim Alten und Guten bleiben. Dem beugte sich allzu rasch auch Herr Amon. Das Paket, das derzeit in Begutachtung ist, könne ruhig neu verhandelt werden, gab er bekannt. So kann man jede Reform abschießen. Im Modul Fortschritt: Nicht genügend. (Michael Völker, DER STANDARD, Printausgabe, 21.6.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 35
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mountaineer
00
27.6.2011, 21:31
Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen:

Ein Beispiel:
Schüler X schafft die erste Klasse der gymnasialen Oberstufe nicht - er hat drei Nicht genügend.

Die Folge: Er steigt auf und macht im nächsten Jahr ("locker") die sechste Klasse plus drei Fächer der fünften Klasse, die er ja noch nachholen muss.

Aber weil er es nicht schafft, hat er in der sechsten Klasse in drei anderen Fächern ein Nicht genügend, woraufhin er in die siebte Klasse aufsteigen darf, allerdings muss er drei negative Fächer der fünften...
, also sechs...

Weil sitzen bleiben ist bekanntlich nicht gut. Auch ein Standard-Mantra auf Ministeriumsgeheiß
usw. usf.

Die Zukunft gehört den Kasp*rln!

Bert Brecht
00
27.6.2011, 19:41
Warum...

fragt eigentlich kein Mensch, wie wenig eine Beurteilung durch Lehrer in Notenform eigentlich aussagt?

Es gibt inzwischen Tonnen wissenschaftlicher Evidenz, dass unser Notensystem alles mögliche berücksichtigt: Status der Eltern, Sympathie, Handschrift... aber mit LEISTUNG oder gar KOMPETENZEN haben diese Noten nur homöopathisch verdünnt zu tun.

Frühere Schüler mit Nachzapf in Mathematik forschen heute im High-End Bereich. Deutsch-Blinsen erhalten Jorunalistenpreise. Nicht weil ihnen der Knopf aufgegangen ist sondern weil ihre Lehrer schlecht unterrichtet und willkürlich benotet haben.

Und solche Entscheidungen sollen ein Jahr Lebenszeit, hohe Kosten und weniger Pension uvm. auslösen können?

aha102
00
22.6.2011, 21:29

Warum führen wir nicht an der Uni das Sitzenbleiben ein - wenn das so super ist?

zkk
 
00
21.6.2011, 14:09
"Es ist mehr eine Strafe für Faulheit und mangelndes Auffassungsvermögen, als eine pädagogisch oder lerntechnisch sinnvolle Maßnahme."

aha, sehr interessant, dh. ein aufsteigen wäre eine belohnung "für Faulheit und mangelndes Auffassungsvermögen" und daher "eine pädagogisch oder lerntechnisch sinnvolle Maßnahme."

aber im prinzip ist diese modulsystem ja eh ok, auf meiner fh (technikum wien) wurde ja so unterrichtet. die die einzelnen module auch im dritten anlauf nicht geschafft hatten, mussten dann mit dem studium aufhören, egal ob andere module positiv abgeschlossen wurden. ich nehme an, dass dies in der oberstufe auch zum schulauschluß führt (keine schulpflicht mehr), wenn ein modul nach 2 semstern nicht geschafft wird. wenn dem so ist, dann ist dieses system prinzipiell nicht schlecht, aber wird es auch so rigide gehandhabt? oder wird der schüler dann durchgewunken?

Stahl_____666
11
21.6.2011, 13:58
.

Es ist aber prinzipiell auch das Aufsteigen mit einem Fünfer völlig unlogisch.

Zum einen haben wir ja bereits ein diffenziertes Notensystem, bei dem lediglich 20 % der möglichen Beurteilungen ein Sitzenbleiben impliziert. Von 1-4 kommt man ja sowieso weiter.

Zweitens geht es um das Lernresultat eines ganzen Jahres in verschiedenen Disziplinen.
Ein LKW-Fahrer kann auch nicht sagen, er ist beim Beladen und Bremsen gut, aber hat keinen Tau von den Verkehrsregeln.

Den Schülern muß einfach klar sein, daß es Nivellierungen in ihrer Leistungsbeurteilung gibt - sie müssen nicht überall die Besten sein aber ein Fünfer halt definitiv zu wenig ist.

Bert Brecht
00
27.6.2011, 19:54
Und wer entscheidet über den Fünfer?

EIN Lehrer.

Was sagt eine Note aus?

Die Volksschulen mit dem besten Outcome an Schülern bringen nur 10% ihrer Absolventen in die AHS, während andere Volksschulen mit schlechter Performance 90% Übertrittsquote in die AHS bringen.

Es gibt einen gewissen statistischen Zusammenhang zwischen PISA-Ergebnis und Schulnote. Es gibt aber auch erhebliche Zahlen von Deutsch-Einser-Schülern, die mit 15 Jahren nachweislich NICHT sinnerfassend lesen können(!) oder entsprechendes reziprok in Mathematik: Fleck in Mathe, aber hervorragende rechnerische Problemlösungskompetenz.

Und schau dir bitte mal Lehrer an: Viele gute - aber auch die Vollidioten werden mit unglaublicher Macht über das Leben von Kindern ausgestattet!

Lupus67
00
21.6.2011, 13:11
zum lachen

ist eigentlich, dass die övp wieder mit der spö wedelt, wie der schwanz it dem hund.
dagene...nein dafür.....nein ganz sicher, dagegen oder dafür? weiß nicht, erst bei der abstimmung, weil das dann besonders blamabel für die anderen ist.

und so was soll regierungsfähig sein? wie ist es dann bei den anderen wichtigen themen? vom einhalten an verhandlungserebnisse bis zum auftreten im parlament sind alle parteien auf dem niveau von dritte-welt-staaten. fehlt nur noch dass sie sich zum prügeln anfangen.

leerer
23
21.6.2011, 12:18
warm

gehen immer alle davon aus, dass jemand, der einen oder mehrer Fünfer hat, in allen anderen Fächer aber schon sowas von gut ist (Wenn das bei einem NG der Fall ist, kann er ja eh aufsteigen!)
Ansonsten schadet es meist nicht, auch Fächer zu wiederholen, die man gerade noch positiv abgeschlossen hat.

keywords
11
21.6.2011, 15:16

es schadet sogar gewaltig.

die mimi lernt immer mit der sarah und der jessica.

leider ist die mimi im winter so deppert gestürzt, dass sie länger hat zuhause bleiben müssen.

die sarah und die jessica sind sie besuchen gekommen im krankenhaus. auch zuhause, wo sie mit liegegips dann noch einige zeit verbracht hat.

leider hat die mimi nach dieser pause nicht gewusst, wie man chemische formeln aufschreibt und was das alles mit den stricherln soll. sie hats zwar im heft von der jessica gesehen, aber verstanden hat sies nicht.

jetzt sitzt die mimi ohne die sarah und die jessica im chemieunterricht mit lauter leuten, die sie nicht kennt, und auch geographie macht ihr probleme, weil der lehrer ein anderer ist. schade, dabei hat sie geo gern.

leerer
00
21.6.2011, 16:55
Schaden?

also abgesehen davon, dass Mimi bei einem Modulsystem auch ohne ihre Freundinnen Chemie nachholt ....

.. hat die Mimi jetzt in Mathe endlich eine Lehrerin, die so erklärt, dass es nicht nur die anderen, sondern auch sie es versteht.
... ist die Mimi in Englisch viel besser geworden und hat endlich nicht mehr nur Genügend geschrieben
... trifft sie sich regelmäßg außerhalb der Schule mit Jessica und Sarah und macht mit ihnen gemeinsam sowieso die Neigungsgruppen Volleyball und Theater
... muss sie sich nicht mehr dauernd mit dem blöden Oberchemiker Thomas aus ihrer Klasse herumschlagen, der sie immer ausgelacht hat
... hat sie in der neuen Klasse einen ganzen süßen Jungen kennengelernt, neben dem sie jetzt sitzt ;-)

Christoph Baumgarten
01
21.6.2011, 12:48
Es schadet

auch nicht, mal vom Prinzip Strafe wegzukommen. Das hat sich nachweislich nicht bewährt. Es schadet auch nichts, vom Prinzip Druck wegzukommen. Das macht aus Kindern keine eigenständigen Menschen sondern produziert folgsame, wenn auch eingeschränkt gebildete, Arbeiter und Soldaten...

leerer
10
21.6.2011, 16:39
?

wieso Strafe?
Vielleicht auch Chance?

G. Lavant
00
21.6.2011, 13:18

Wo ist die Strafe?
Ein Nichtgenügend heißt doch wohl, dass er ein Erfordernis für eine Berechtuigung nicht erbracht hat.
Es steht auch am Zeugnis "... hat die Berechtigung in die nächsthöhere Schulstufe aufzusteigen..."
Der Staat erteilt oder verweigert mit Hilfe des Systems Schule Berechtigungen.
Wenn man das ändern will, dann soll man dazu stehen und nicht, weil man zu feige ist, dies laut zu sagen, es zu untergraben.

keywords
02
21.6.2011, 15:19

ein nichtgenügend bedeutet, dass man sich schämt, nach hause zu gehen.
oder, dass man weniger taschengeld bekommen wird.
oder, dass der ausflug mit freunden gestrichen wird.
ein nichtgenügend kann auch bedeuten, dass manche tage in der woche sehr lange werden, weil man zuerst noch zur nachhilfe muss.

ein nichtgenügend bedeutet mitnichten, dass sich ein kind das nächste mal mehr anstrengt. eher bedeutet das, dass man insgesamt weniger gern in die schule geht. das widerum bedeutet, dass man sich gesamt verschlechtert.

leerer
00
21.6.2011, 16:41
dann

bitte konsequent die Noten abschaffen!
Leistung nicht mehr beurteilen (schon gar nicht negativ, weil das ja verletzen und weniger Taschengeld bedeuten würde)

Ich will das gegenwärtige System nicht verteidigen, aber manche Forderungen und Kommentar seinen weltfremd oder zumindest schulfremd zu sein.

Steverino
02
21.6.2011, 14:42

Beim Modulsystem muss die Leistung ja auch erbracht werden, allerdings halt spätestens im nächsten Semester und nicht bei einer Nachprüfung, oder durch das Wiederholen eines Schuljahrs.
Ich versteh' nicht, wieso so viele glauben, dass es dadurch Schülern leichter gemacht wir. Im Gegenteil, die Leistung wird kontinuierlicher gebracht werden müssen.

wakeup
25
21.6.2011, 11:54
die zeit des sitzenbleibens ist längst vorbei...

und keiner merkt es.
leider sind nicht alle zeitgenossen. viele leben noch im mittelalter und glauben, dass durch strenge strafen die lernbereitschaft und kreativität gefördert werden.
jedes kind hat freude an der wissensvermehrung. leider werden freude und begeisterung den schülerInnen durch unser schulsystem genommen.
wie lange noch???
und die övp ist wie immer gegen alles offen.

das kleine Massnahmenpaket
00
21.6.2011, 12:52

Sicher, man kann drüber diskutieren. Schule ohne Sitzenbleiben. Aber der Druck wird nur nach hinten verschoben: auf der Uni wird nämlich was verlangt, und auf den FHs sowieso. Wer dann nicht spurt, der hat Pech gehabt. Und am Arbeitsmarkt wird schon gar nichts verschenkt.

Apropos: Es ist immer wieder die Rede davon, dass die Sitzenbleiber ein Jahr verlieren. Aber die Zusatzausbildungen ohne Ende, die nach der Schule angehängt werden müssen - ist das keine Zeit? Wir haben in Wirklichkeit schon längst die Praxis, dass die jungen Leute unter 30 gar nicht mehr in den Arbeitsmarkt einsteigen, weil es nichts für sie gibt. Da kommt es auf ein wiederholtes Schuljahr auch nicht an.

genmanipulated
00
21.6.2011, 15:24

Das Modulsystem an der Schule würde diese nur der Uni oder FH näher bringen. Man muss ja auch nicht alle LVs eines Semesters wiederholen bloß weil man eine Prüfung nicht geschafft hat. Insofern wäre das Modulsystem eine gute Vorbereitung auf die Uni oder FH. Diese Fehlannahme, dass dadurch 'faulen SchülerInnen' etwas geschenkt wird, ist absolut unbegründet. Man muss einfach von dem Gedanken an das bisherige Schulsystem wegkommen und in Modulen denken.

keywords
00
21.6.2011, 15:22

das widerholte schuljahr ist nicht gleichbedeutend mit einer zusatzausbildung.

es bedeutet vielmehr den verlust von freunden, völlig neue lehrer, unheimliche scham gegenüber den alten klassenkollegen und demotivation, in die schule zu gehen.

das jahr hin oder her ist völlig egal, da geb ich ihnen recht. abgesehen davon, dass es am arbeitsmarkt blöder ausschaut länger in der schule gewesen zu sein, als ein zertifikat extra zu haben.

honni soit
11
21.6.2011, 10:49

Super! Endlich in die Liga der USA absteigen, was die Schulen betrifft.

Entweder: Die (wenigen) Dummerchen, die drei von acht Fächern nicht positiv bestehen können für die anderen die Zeit verschwenden lassen, wenn alles, was alle anderen schon beim ersten Mal verstanden haben fünf Mal erklärt werden muss...

Oder: Lehrer bleibt in einem Raum während die Schüler wandern.

Allerdings nur, wenn man davon ausgeht, dass sie die Klasse noch einmal besuchen müssen, schliesslich könnte man ja auch sagen "Dabei sein ist Alles!" und jemandem, der nicht einmal vernünftig multiplizieren kann auch die Möglichkeit geben, sich einmal an Differenzial- und Integralrechnung zu versuchen.

Bert Brecht
00
27.6.2011, 19:49
Vorsicht

In Österreich tun wir so als hätten wir ein hochperformantes Schulsystem. In der Tat: Was die Maturanten in Mathematik usw. bei der Matura lösen ist beeindruckend.

Allerdings: Sehr oft wird ein halbes Jahr lang mechanisch ein Set von wenigen Aufgaben so lange geübt, dass selbst der dümmste die Aufgaben Schritt für Schritt lösen kann. Ohne sie verstanden zu haben. Mit der Garantie von 50% Fleck, wenn nicht nur die Angaben-Zahlen geändert werden.

Und so werden Absolventen produziert, die zwar in Mathe einen Einser im Zeugnis stehen haben, aber nicht in der Lage sind einfachste kaufmännische, technische oder sonstige Fragestellungen zu lösen.

Christoph Baumgarten
01
21.6.2011, 12:58
Na,

zwischen multiplizieren und integralrechnen vergehen ein paar Jährchen - auch regulär.
Der Vergleich mit den USA ist etwas willkürlich. Auch das international allseits anerkannte Finnland sowie die skandinavischen Länder kennen seit Jahrzehnten kein Sitzenbleiben und haben eine Gesamtschule.
Man kann es also auch so interpretieren: Die ÖVP weigert sich krampfhaft, auf finnisches und skandinavisches Niveau aufschließen zu wollen.

Bert Brecht
00
27.6.2011, 19:59
Lernen...

Gutes Wort.

Reden wir über das, was wir heute über Lernen, Leistung, intrinsische und extrinsische Motivation, über kognitive und soziale Prozesse usw. wissen.

Und dann starren wir die real existierende Schule an wie einen vergessenen Dinosaurier, der vergessen hat auszusterben.

Reden wir über die Ergebnisse, die Österreichs Schulsystem in ALLEN internationalen Benchmark-Vergleichen abliefert und erröten vor Scham - und vor Wut wenn wir auch noch die hohen Kosten berücksichtigen.

Und erblassen wir, wenn wir uns die Performance anderer Staaten ansehen. Die meisten hier haben noch gar nicht gecheckt, in was für eine ökonomische und soziale Katastrophe wir steuern.

honni soit
00
21.6.2011, 18:08
Klar. Währenddessen verbessert sich ohne Lernen natürlich auch

das Verständnis für zB Mathematik. Und für Chemie, Physik, Englisch, Latein oder eines der sonstigen klassischen "Angstfächer".

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